Rund 800 Jahre alt: Die Kritzeleien eines Siebenjährigen aus dem Mittelalter begeistern die Internet-Gemeinde

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Rund 800 Jahre altDie Kritzeleien eines Siebenjährigen aus dem Mittelalter begeistern die Internet-Gemeinde

Ungefähr im Jahr 1220 lebte Onfim, der mit seinen «Werken» auf Twitter gerade späte Berühmtheit erlangt. In Novgorod steht ihm zu Ehren eine Statue. 

von
Reto Bollmann
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Der Bub träumte wohl davon, Ritter zu werden: «Onfim», seinen eigenen Namen, schreibt er neben den Krieger auf dem Pferd. Diese und andere Zeichnungen begeisterten auf Twitter viele Tausend Menschen.

Der Bub träumte wohl davon, Ritter zu werden: «Onfim», seinen eigenen Namen, schreibt er neben den Krieger auf dem Pferd. Diese und andere Zeichnungen begeisterten auf Twitter viele Tausend Menschen.

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Die in Birkenrinde geritzten Kritzeleien des siebenjährigen Onfim entzücken auf Twitter die Userinnen und User.

Die in Birkenrinde geritzten Kritzeleien des siebenjährigen Onfim entzücken auf Twitter die Userinnen und User.

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«Ich bin ein wildes Tier», steht hier auf Alt-Ostslawisch, der Sprache des Buben. In der Box grüsst er zudem seinen Klassenkameraden: «Grüsse von Onfim an Danilo».

«Ich bin ein wildes Tier», steht hier auf Alt-Ostslawisch, der Sprache des Buben. In der Box grüsst er zudem seinen Klassenkameraden: «Grüsse von Onfim an Danilo».

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Darum gehts

  • Twitter-Posts mit den Zeichnungen eines Buben aus dem 13. Jahrhundert gingen viral.

  • Die Internet-Gemeinde ist entzückt von den «Werken» des ganz normalen Kindes aus dem Mittelalter.

  • Dank lehmigen Boden sind sie im Boden seiner Heimat Novgorod erhalten geblieben.

Die Statistikerin Olivia Swarthout betreibt einen Twitter-Kanal mit dem Namen «weird medieval guys». Der Account wird von einer Person betrieben, die in ihrer Freizeit eigenartige und lustige mittelalterliche Darstellungen zusammenträgt und mit der Internet-Gemeinde teilt. Dazu gehören etwa seltsame Fabelwesen, unfreiwillig komische Zeichnungen aus Büchern und Manuskripten sowie andere kuriose Illustrationen. 

Offenbar sind viele Userinnen und User froh, wenn ihre Twitter-Timeline ab und an statt politischer Statements und erhitzter Diskussionen auch mal kurlige Mittelalter-Bilder enthält: knapp 410’000 Follower zählt «weird medieval guys». Und mit einem Post sorgte Swarthout kürzlich für besonders viel Aufsehen, wie der «Stern» berichtet.

Mehr als 20’000 Likes für mittelalterliche Zeichnungen

Fast 22’000 Likes und 3200 Retweets sammelten der Post mit Zeichnungen und Kritzeleien eines Buben, dessen Alter Historikerinnen und Historiker auf etwa sieben Jahre schätzen. Interessanterweise schrieb der Bub, der um das Jahr 1220 gelebt haben dürfte, seinen Namen direkt dazu: er hiess Onfim und lebte im russischen Novgorod.

Die Sprache, in der er schrieb und sprach, ist Alt-Ostslawisch, auf der auch das heutige Russisch und Ukrainisch beruht. Bemerkenswert an den Funden ist auch, dass sie so gut erhalten sind. Denn Onfims Kritzeleien – 17 sind insgesamt gefunden worden – sind alle in Stücke von Birkenrinde geritzt, welche unter normalen Bedingungen schnell zerfallen würde. Zudem wurde etwas so Alltägliches wie die Schulaufgaben eines Buben normalerweise nicht aufbewahrt. 

«Oft ist man sich nicht bewusst, dass viele Menschen im Mittelalter, darunter auch Frauen, Kinder und Bauern, lesen und schreiben konnten. Leider sind diese Werke seltener erhalten als Handschriften und formalere Texte», kommentiert Swarthout auf Twitter. 

Es ist dem Lehmboden von Novgorod zu verdanken, dass die «Werke» des Buben erhalten sind. Doch warum gab es so einen grossen Wirbel um etwas im Grunde sehr Banales? Vermutlich wohl, weil die Zeichnungen einen ungewohnten Einblick in das Leben eines ganz normalen Mittelalter-Kindes ermöglichen. Die Zeichnungen könnten vom Stil auch heute entstanden sein – da hat sich wenig geändert. 

«Grüsse von Onfim an Danilo»

Eine der Zeichnungen zeigt ein Tier mit krausem Schwanz und spitzen Ohren. Beschriftet ist das Bild mit «Ich bin ein wildes Tier», während ein weiterer Text daneben «Grüsse von Onfim an Danilo» lautet. Es ist davon auszugehen, dass Danilo ein (Klassen-)Kamerad von Onfim war.

Offenbar musste der Siebenjährigen, der zu später Berühmtheit gelangte, das Zählen noch üben. «Die unterschiedliche Anzahl von Fingern auf seinen Zeichnungen von Menschen hat Wissenschaftler zu der Annahme veranlasst, dass das Zählen vielleicht nicht Onfims Stärke war», kommentiert Swarthout.

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