Aktualisiert 11.11.2011 22:06

EM-Barrage

Kroatien und Irland souverän, Portugal zittert

Die Türkei hat im Hinspiel der EM-Barrage ein veritables Debakel erlitten. Vor eigenem Publikum unterlag sie Kroatien 0:3. Tschechien und Irland waren ebenfalls siegreich, während Portugal bei Aussenseiter Bosnien nur ein torloses Remis erreichte.

Die Kroaten haben sich mit dem 3:0 in der Türkei in eine komfortable Ausgangslage für das Barrage-Rückspiel gebracht.

Die Kroaten haben sich mit dem 3:0 in der Türkei in eine komfortable Ausgangslage für das Barrage-Rückspiel gebracht.

Für den türkischen Keeper Volkan verliefen bereits die ersten Sekunden wie in einem (schlechten) Film, den er Jahre zuvor schon einmal zu erdulden hatte. Olic schob in der 2. Minute nach einem wunderbaren Dribbling Corlukas einen Abpraller zum 1:0 über die Torlinie der Türken. Im November 2005, im Rückspiel ihrer letzten Barrage, hatten sie sich einen ähnlich desaströsen und letztlich fatalen Fehlstart geleistet - damals traf der Schweizer Alex Frei nach 120 Sekunden vom Penaltypunkt aus und düpierte Volkan.

Der frühe Gegenschlag hinterliess im Team der aufgeputschten Gastgeber tiefe Furchen. In der Folge stürmten sie nur noch wild, aber vorwiegend unkoordiniert an und ins Verderben. Die smart gruppierten Kroaten gerieten während 90 Minuten kaum einmal ernsthaft in Bedrängnis. Im Gegenteil: Der Wolfsburger Professional Mario Mandzukic erhöhte frühzeitig auf 2:0 (32.).

Zwei gute Aktionen genügten «Hrvatska» zum optimalen Auftakt, derweil sich die Türken und allen voran der überforderte Verteidiger Gökhan Gönül, bei Fenerbahce der Partner von Reto Ziegler, zum Teil selbstverschuldet ins Abseits manövrierten. Gönül liess sich zweimal auf naive Art und Weise austricksen. Spätestens nach dem Kopfballtor von Tottenhams Verteidiger Corluka (51.) erübrigte sich die Frage nach dem Sieger.

Das 3:0 in der modernen Turk-Telekom-Arena ist auch der persönliche Triumph von Slaven Bilic. Nach den zahlreichen Absagen der verletzten Stürmer - unter ihnen Petric und Kranjcar - setzte er entgegen der Wünsche der Experten auf Rückkehrer Olic. Nach dem 2:0-Sieg in Istanbul dürften die Spekulationen um seine Person abflauen, zumal die Heimbilanz in der aktuellen Kampagne ausgezeichnet ist. Bilics Auswahl der Konkurrenz in Zagreb in fünf Spielen nur ein einziges Remis (0:0 gegen EM-Teilnehmer Griechenland) zugestanden.

In den Reihen der Türken begann die «Selbstzerfleischung» schon in der Schlussphase der völlig missratenen Partie. Volkan, im Klub-Alltag bei Fenerbahce engagiert, zog sich im Heimstadion von Galatasaray bei jeder Ballberührung den Zorn der Anhänger zu. Im Frust reagierte der Torhüter mit einer abfälligen Geste - eine tagelange Debatte wird zweifelsfrei folgen.

Ins Zentrum der türkischen Kritik wird nach dem Debakel nicht nur Volkan, sondern auch Guus Hiddink geraten. Drei Jahre nach dem Halbfinal-Vorstoss (und dem Penaltysieg gegen die Kroaten im Viertelfinal) ist der vorzeitige Abschied von der EM-Bühne nicht mehr abzuwenden - und ein Scheitern wird in der Regel primär dem Trainer angelastet.

Bosnien - Portugal: Stars ohne Akzente

Die Bosnier hatten die Aufgabe gegen Portugal zum «Worst-Case-Szenario» deklariert. Ganz so unangenehm verlief das erste Duell mit der Nummer 8 des aktuellen FIFA-Rankings indes nicht. Die Prominenz aus Südeuropa kontrollierten das Geschehen zwar weitgehend, dominieren lassen mussten sich die Gastgeber aber nicht. Sie liessen sich nur selten in prekäre Situationen verwickeln.

Cristiano Ronaldo (Real), Raúl Meireles (Chelsea) und Nani (ManU) deuteten ihre Klasse nur an - mehr hatten die lustlosen Stars aus der Primera Division und der Premier League nicht zu bieten. In der Schlussphase liessen die überheblichen Portugiesen den vor allem offensiv gut bestückten Kontrahenten sogar noch aufkommen. Dzeko vergab um Haaresbreite den Matchball.

Tschechien - Montenegro: Pilars Entwarnung

Erst Vaclav Pilar sorgte aus tschechischer Sicht für die gewünschte Entwarnung. Der erst 23-jährige Stürmer von Champions-League-Teilnehmer Pilsen überwand die hartnäckigen montenegrinischen Herausforderer. In der 63. Minute ebnete er mit dem 1:0 den Weg zum Erfolg. Und dank Sivoks 2:0 in der Nachspielzeit haben sich die Osteuropäer eine vorzügliche Ausgangslage geschaffen, zum fünften Mal in Serie (!) an eine EM-Endrunde vorzustossen.

Eine Frage der Zeit war der erste Vorteil Tschechiens nicht. Die ersten spektakulären Szenen beanspruchte das Team vom Balkan. Captain Mirko Vucinic, lange die auffälligste Figur auf dem Rasen, bedrängte das höher eingeschätzte Team mehrfach. Petr Cech, der trotz grebrochener Nase spielte, bewahrte Tschechien mit diversen brillanten Aktionen vor einem weitaus ungemütlicheren Abend.

Estland - Irland: Irlands Party- und Whisky-Event

Normalerweise verlieren sich ein paar Hundert Zuschauer in der Le-Coq-Arena in Tallinn. Beim Gastspiel der Iren herrschte hingegen der Ausnahmezustand. Entsprechend ergriffen die (zu) selbstbewussten Einheimischen die Initiative, bis die Insulaner mit dem 1:0 von Keith Andrews (13) die Euphorie bremsten und die Esten regelrecht lahmlegten.

Nach der Pause erteilten die Iren den «Nobodys» eine Lektion - Walters und Robbie Keane zerlegten das bedauernswerte estische Team in Einzelteile. Captain Keane, mittlerweile in Los Angeles in der MLS engagiert, vergoldete seine Bilanz im Nationalteam weiter: Nach dem 112. Länderspiel ist der 31-Jährige bei 53 Treffern angelangt.

«Es ist schwierig, aber machbar», hatte Estlands Coach Tarmo Rüütli vor einigen Monaten seelenruhig erklärt. Seine gewagte Prognose kann er nach der Lehrstunde nun archivieren. Er ist mit seiner Equipe am vorletzten Spieltag vom (völlig überraschenden) EM-Kurs abgedriftet.

Für die Boys in Green hingegen ist das EM-Comeback nach 24 (!) Jahren nur noch eine Formsache. Giovanni Trapattoni, der 72-jährige Trainer-Charismatiker aus Italien, hat den Iren ein perfektes Defensivkonzept und die Gabe, kühl zu kontern, vermittelt. Auch deshalb wird das Rückspiel in Dublin zum Party- und Whisky-Event.

Türkei - Kroatien 0:3 (0:2)

Turk-Telekom-Arena, Istanbul. - 52'000 Zuschauer. - SR Brych (De).

Tore: 2. Olic 0:1. 32. Mandzukic 0:2. 51. Corluka 0:3.

Bemerkung: Kroatien ohne Petric (verletzt).

Bosnien-Herzegowina - Portugal 0:0

Bilino Polje, Zenica. - 15'000 Zuschauer. - SR Webb (Eng).

Portugal: Patricio; Pereira, Alves, Pepe, Coentrão; Meireles (82. Micael), Veloso, Moutinho; Cristiano Ronaldo, Postiga (65. Almeida), Nani.

Tschechien - Montenegro 2:0 (0:0)

Letna, Prag. - 18'000 Zuschauer. - SR Atkinson (Eng).

Tore: 63. Pilar 1:0. 92. Sivok 2:0.

Bemerkung: Montenegro mit Zverotic (ab 80.).

Estland - Irland 0:4 (0:1)

Le Coq, Tallinn. - 10'000 Zuschauer. - SR Kassai (Un).

Tore: 13. Andrews 0:1. 67. Walters 0:2. 71. Keane 0:3. 88. Keane (Foulpenalty) 0:4.

Bemerkung: 77. Gelb-Rot gegen Piiroja (Est). (si)

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