Aktualisiert

Aktion mit LeichenKünstler holen tote Flüchtlinge nach Berlin

Aktivisten wollen in Berlin zehn Flüchtlingsleichen beerdigen. Als Protest gegen die Flüchtlingspolitik der EU.

von
cmr

Die Berliner Künstlergruppe «Zentrum für politische Schönheit» plant eine provokative Aktion. Unter dem Titel «Die Toten kommen» will das Kollektiv Leichen von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge nach Berlin holen, um sie dort zu begraben. Das Ziel: Die Toten «direkt vor den politischen Entscheidungsträgern zu beerdigen». Auch die Frage nach der Schuld an dem Schicksal der Flüchtlinge soll öffentlich gestellt werden, heißt es.

Am Dienstagmorgen werden «die ersten beiden Opfer der militärischen Abriegelung Europas» auf dem muslimischen Friedhof in Berlin-Gatow bestattet, kündigt die Gruppe auf ihrer Website an. Laut «Spiegel Online» handelt es sich dabei um eine junge Mutter aus Syrien, die im März ertrunken war, als ihr Boot im Mittelmeer kenterte. Ihr Mann und drei ihrer Kinder überlebten. Vermisst wird noch immer ihr zweijähriges Kind, welches symbolisch mitbegraben werden soll.

Wer ist hier pietätlos?

Den Künstlern geht es darum, toten Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan eine letzte, würdige Grabstätte zu schenken. Denn deren sterblichen Überreste werden in den Ankunftsländern namenlos in Massengräbern verscharrt oder monatelang in den Kühlräumen von Leichenschauhäusern gelagert. Zehn Leichen hätten sie bislang exhumiert, in Zusammenarbeit mit Priestern und Imamen, teilte Sprecher Philipp Ruch vom «Zentrum für politische Schönheit» dem «Tagesspiegel» mit.

Ob es pietätlos sei, Leichen quer durch Europa zu fahren, um sie in Berlin im Rahmen eines künstlerischen Coups zu beerdigen, fragt sich Spiegel-Online-Journalist Georg Diez. «Oder ist die Politik krass und pietätlos, die ganz bewusst entschieden hat, das Rettungsprogramm Mare Nostrum durch das Abschottungsprogramm Triton zu ersetzen?»

Zum Begräbnis in Berlin-Gatow am Dienstag sind jedenfalls Bundeskanzlerin Angela Merkel, Innenminister Thomas de Maizière sowie Staatssekretäre, Ministerialräte und Regierungsdirektoren eingeladen – die «bürokratischen Mörder», wie Ruch sie nennt. Er geht davon aus, dass die reservierten Plätze frei bleiben werden.

Vorfall beim Leichen-Transport

Beim Transport der ersten Leichen gab es am vergangenen Freitag einen Zwischenfall: Die bayerische Verkehrspolizei habe den Leichenwagen vom sizilianischen Augusta auf dem Weg nach Berlin gestoppt, erzählt Sprecher Ruch. Das Siegel an einem Sarg sei beschädigt gewesen. Darum mussten beide Särge am Münchener Flughafen durchleuchtet werden. Bei der Kontrolle fand die Polizei außerdem Kokain im Blut des Fahrers, einem 53-jähriger italienischer Bestatter. Am Schluss wurde die Fahrt dann doch noch nach Berlin fortgesetzt.

Es ist nicht das erste Mal, dass das «Zentrum für politische Schönheit» für Irritation sorgt: Im November 2014 hatten die Aktivisten die Kreuze der Mauertoten in der Mitte von Berlin abmontiert und sie an die Grenzzäune der EU gebracht. Es handelte sich aber offenbar um Kopien.

2500 Euro fürs Baggerfahren

Darum reagiert die Berliner Polizei zunächst gelassen auf die jüngste Ankündigung der Künstler. «Wir werden sehen, was die sich ausgedacht haben und dann reagieren», sagte Sprecher Stefan Redlich zum «Tagesspiegel».

Am kommenden Sonntag soll zudem ein «Marsch der Entschlossenen» zum Kanzleramt ziehen, der «die toten Einwanderer» mit einem Bagger dort «abliefert». So soll der Vorplatz «in eine Gedenkstätte» verwandelt werden. Für diese – wohl symbolisch gemeinte – Aktion hat das Künstlerkollektiv eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Wer 2500 Euro spendet, darf den Bagger fahren.

Deine Meinung