Wenn Musik und Werbung verschmelzen - «Künstler riskieren damit, als unseriöse Sell-Outs dazustehen»
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Wenn Musik und Werbung verschmelzen«Künstler riskieren damit, als unseriöse Sell-Outs dazustehen»

Rapper Nemo für Zalando, Comedian Kiko für Volvic Ice Tea und Sänger Bastian Baker für Schweiz Tourismus: Das passiert, wenn Musik zum Werbeinstrument grosser Firmen wird.

von
Lara Hofer
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Am Freitag hat der Berner Rapper Nemo seinen neuen Song «Chleiderchäschtli» veröffentlicht, der auf Anfrage des internationalen Online-Kleiderhändlers Zalando entstanden ist. Damit ist er längst nicht der einzige Schweizer Musiker, der sich auf einen Werbesong eingelassen hat. 

Am Freitag hat der Berner Rapper Nemo seinen neuen Song «Chleiderchäschtli» veröffentlicht, der auf Anfrage des internationalen Online-Kleiderhändlers Zalando entstanden ist. Damit ist er längst nicht der einzige Schweizer Musiker, der sich auf einen Werbesong eingelassen hat.

Zalando
Auch Sänger Bastian Baker hat kürzlich ein ähnliches Projekt umgesetzt – so veröffentlichte er einen Song in Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus. 

Auch Sänger Bastian Baker hat kürzlich ein ähnliches Projekt umgesetzt – so veröffentlichte er einen Song in Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus.

Instagram/bastianbaker
Der Comedian Kiko hat kürzlich einen Werbesong für Volvic Ice Tea produziert. Der Song wurde auf Tiktok gepostet und im dazugehörigen Musikvideo sind mehrere Schweizer Content Creators zu sehen. 

Der Comedian Kiko hat kürzlich einen Werbesong für Volvic Ice Tea produziert. Der Song wurde auf Tiktok gepostet und im dazugehörigen Musikvideo sind mehrere Schweizer Content Creators zu sehen.

Instagram/kikomedy

Darum gehts

  • Der Berner Rapper Nemo hat am Freitag den Song «Chleiderchäschtli» veröffentlicht, der in Zusammenarbeit mit dem Online-Kleiderhändler Zalando entstanden ist.

  • Dass junge Musikerinnen und Musiker mit grossen Firmen zusammenspannen, um gemeinsam einen Song zu produzieren, scheint in der Schweiz immer häufiger vorzukommen.

  • So hat auch der Sänger Bastian Baker zusammen mit Schweiz Tourismus einen Song kreiert und der Influencer Kiko publizierte einen Tiktok-Song für Volvic Ice Tea.

  • Was es mit dem Trend auf sich hat, welche Auswirkungen er auf die Schweizer Musikbranche hat und was andere Schweizer Promis davon halten, erfährst du hier.

Songs drücken Gefühle aus, lassen einen abschalten und alles andere vergessen. Doch was ist, wenn die neue Single des Lieblingskünstlers plötzlich nicht mehr von seinem Alltag, sondern von einer Firma inspiriert wurde? Immer öfters spannen grosse Unternehmen mit jungen Musikerinnen und Musikern zusammen, um gemeinsam Tracks zu produzieren. Dadurch kann auf musikalischer Basis eingängige Werbung kreiert werden – zu Lasten der Seriosität der Schweizer Musikbranche?

Nemo, Kiko und Bastian Baker gehen voraus

Aktuelle Beispiele für solchen Zusammenarbeiten gibt es genug. So hat der Berner Rapper Nemo (22) am Freitag den Song «Chleiderchäschtli» veröffentlicht, der auf Anfrage des Online-Kleiderhändlers Zalando produziert wurde. Auf Youtube wurde der Song bisher rund 2500 Mal angeklickt, was deutlich unter den Normwerten von Nemo liegt. Das Lied wurde allerdings auch auf dem Kanal von Zalando veröffentlicht. Für eine Stellungnahme stand Nemo aufgrund seines Aufenthaltes in Los Angeles nicht zu Verfügung.

Der Sänger Bastian Baker (30) hat kürzlich ein ähnliches Projekt umgesetzt – so veröffentlichte er einen Song in Zusammenarbeit mit Schweiz Tourismus. Das Unternehmen und der Verein Grand Tour of Switzerland haben gemeinsam mit dem Westschweizer ein Musikvideo lanciert, das Lust auf einen Roadtrip machen und dadurch das Geschäft ankurbeln soll.

Der Influencer Kiko seinerseits hat kürzlich einen Song für die Firma Volvic Ice Tea veröffentlicht, der derzeit auf Tiktok viral geht. So soll in erster Linie die junge Zielgruppe angesprochen werden. Dass der junge Comedian das Produkt mit einem eigenen Song präsentiert, soll dabei für zusätzliche Nähe und Identifikation sorgen. Sein Video hat bisher stolze 1,2 Millionen Aufrufe und ein sehr positives Feedback erhalten.

«Werbung und Content verschmelzen»

Die Social-Media-Expertin Anja Lapčević zeigt sich begeistert von solchen musikalischen Zusammenarbeiten. «Das ist eine Win-Win-Situation», so Anja. «Kunstschaffende können sich neu entdecken und aus ihrer Comfort-Zone treten und Firmen haben die Möglichkeit, ihr Produkt auf neue Art und Weise zu vermarkten.» Solange die Authentizität und Kreativität im Fokus stehen, seien solche Kooperationen für alle Involvierten toll.

Auch Daniel Koss, CEO der Influencer-Marketingagentur Yxterix, betont, wie wichtig Authentizität sei. «Wenn ein Künstler Werbung macht für eine Marke, die er früher öffentlich beleidigt hat, wirkt das extrem unauthentisch und schräg.» Das komme auch bei den Fans nicht gut an. Vielmehr sollten Werbung und Content miteinander verschmelzen: «Der Song muss so gut sein, dass die Hörerinnen und Hörer vergessen, dass es sich dabei um eine Werbung handelt.»

Das sagen Schweizer Musikschaffende zu den Werbedeals

Unter den Schweizer Musikerinnen und Musikern gehen die Meinungen zu gesponserten Songs auseinander. Der Basler Newcomer Gian (24) betrachtet sie kritisch. «Ich geniesse meine kreative Freiheit und kann mir kaum vorstellen, nicht das letzte Wort über meine Songs zu haben», so der Musiker. Solche Zusammenarbeiten seien immer auch mit Risiken verbunden. «Je nachdem wie authentisch das Endprodukt ist, riskiert der Künstler, unseriös oder als Sell-Out da zu stehen.»

Der Winterthurer Newcomer Andrry (27) hingegen findet: «In Zeiten, wo Streams und Videoklicks kaum etwas abwerfen, lassen sich so neue Wege finden, ein künstlerisches Projekt zu finanzieren. Ich würde bei einer Zusammenarbeit mitmachen, sofern ich mich künstlerisch und musikalisch nicht verbiegen müsste und die Marke meine persönlichen Werte wie Nachhaltigkeit, Klimabewusstheit und faire Arbeitsbedingungen widerspiegelt.»

«Solche Songs können eine grosse Reichweite schaffen»

Sänger Luca Hänni (26) und Sängerin Naomi Lareine (27) haben selber schon Songs für Unternehmen realisiert. So hat Luca mit der Automarke BMW, dem Hardwarehersteller Huawei und dem Versicherungsunternehmen Generali zusammengearbeitet. «Ich achte bei meinen Partnerschaften immer auf die Authentizität zur Marke. Wenn sich daraus ein cooler Song ergibt, finde ich das eine tolle Möglichkeit», sagt Luca. So werde er Anfang Oktober den Song «There for you» veröffentlichen, der zusammen mit Generali entstanden sei.

Naomi ihrerseits hat im März zusammen mit der Glace-Marke Magnum den Song «Limitless» herausgebracht. Ihr sei es bei musikalischen Partnerschaften wichtig, welche Message der Song und die Firma vermitteln wollen. Grundsätzlich sehe sie darin eine Chance für Künstlerinnen und Künstler: «Solche Songs können für Kunstschaffende eine grosse Reichweite schaffen.»

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