Aktualisiert 25.05.2010 08:25

Glaziologie-Experiment

Künstlicher Gletscher auf dem Klein Matterhorn

Ein deutscher Wissenschaftler will mit einer speziellen Methode dem Gletscherschwund entgegenwirken. Experten haben Zweifel am Erfolg des Experiments.

von
Jigme Garne
Will auf dem Klein Matterhorn einen Gletscher züchten, um weiterem Gletscherschwund vorzubeugen: Eduard Heindl. (Bild: gletscherprojekt.de)

Will auf dem Klein Matterhorn einen Gletscher züchten, um weiterem Gletscherschwund vorzubeugen: Eduard Heindl. (Bild: gletscherprojekt.de)

Eduard Heindl und die Bergbahnen Zermatt haben Grosses vor: Der promovierte Physiker aus Furtwangen im Schwarzwald und die Bergbahnbetreiber wollen auf dem Klein Matterhorn einen künstlichen Gletscher züchten. Auf der kahlen Stelle mit dem Namen «Trockener Steg» soll im September ein Gletscher mit der Fläche von 30 000 Quadratmetern entstehen. Diese Woche haben sie gemeinsam die Finessen für das Projekt besprochen.

Werkzeug: Rasensprenger

Schon bevor ihm die Idee zu den künstlichen Gletschern kam, züchtete der Professor der Hochschule Furtwangen University (HFU) Eiszapfen in seiner Freizeit. Vor zwei Jahren ist er dann sein erstes Eis-Experiment nahe Furtwangen angegangen. Heindls Prinzip ist überraschend einfach: Er kaufte sich handelsübliche Sprinkler im Baumarkt und sprengte nicht den Rasen, sondern Schnee. Das Resultat waren mehr als zwei Meter hohe Eiszungen. «Und dank dieser simplen Idee wird keine Energie zur Gefrierung benötigt», sagt er erfreut.

Das Projekt könnte für den Schweizer Tourismus von Bedeutung sein. Denn für Experten ist längst Fakt: Die Gletscher schmelzen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich das Volumen der Schweizer Gletscher praktisch halbiert. Sichtbar wird das etwa auf dem Theodulgletscher in den Walliser Alpen, wo man einen jährlichen Rückgang der Gletscherzunge von einem Meter verzeichnet. Die Zermatter Bergbahnen stehen deshalb in Kontakt mit Gletscherzüchter Heindl.

Umstrittenes Projekt

Unklar ist bisher, ob Heindl tatsächlich Gletscher produzieren kann. «Genau genommen, habe ich ja erst Toteis hergestellt», gibt Heindl zu. Denn während Toteis mit überdimensionierten Eiswürfeln zu vergleichen ist, haben Gletscher andere Eigenschaften: Sie wachsen und bewegen sich. Für Heindl stellt dieser Unterschied kein Hindernis dar: «In Furtwangen konnte ich herausfinden, wie und dass das Projekt in einem grösseren Rahmen technisch umsetzbar ist.»

Der ETH-Professor und Glaziologe Martin Funk hält dennoch wenig vom Projekt in den Alpen. «Im Sommer, wenn viel Wasser vorhanden wäre, bringt man das Wasser unter natürlichen Bedingungen nicht zum Gefrieren», sagt er. Und im Winter wiederum gebe es kein Wasser – oder es sei nur schwierig zu erreichen (lesen Sie hier das ganze Interview).

Eduard Heindl indes lässt diese Zweifel nicht gelten. Für seinen künstlichen Gletscher auf dem Klein Matterhorn steht ihm Wasser aus einem nahegelegenen See zur Verfügung. Und er kann sogar zurückgreifen auf vorhandene Wasserleitungen, die eigentlich der künstlichen Schneeproduktion dienen.

Selbst wenn die Gegebenheiten einer Region nicht ganz so ergiebig sind, ist das Projekt in seinen Augen machbar. Müsste das Wasser 500 Meter hoch gepumpt werden, «und das ist schon sehr viel», würde ein Quadratkilometer Gletscher rund 100 000 Euro kosten. «Wenn man vergleicht, was sonst in Anlagen für den Alpinsport investiert wird, ist das realistisch.»

Aktuelle Situation der Gletscher

In den Schweizer Alpen gibt es momentan 120 Gletscher. Tendenziell sind 79% der Gletscher am Schmelzen. Die Gletscherschmelze ist eine Folge der Klimaveränderung. Diese bewirkt den Anstieg der Durchschnittstemperatur sowie die Abnahme der Niederschläge. Gletscher haben daher keine Möglichkeit mehr, das Eis, welches sie im Sommer verloren haben, über den Winter wieder zuzunehmen.

Über den Autor

Der Artikel ist im Rahmen einer Werkstatt des Institut für Angewandte Medienwissenschaft enstanden. Jigme Garne ist Journalismus-Student und ist für 20 Minuten Online dem Thema nachgegangen.

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