Streit um Viertagewoche – «Kürzere Arbeitszeiten sind überfällig in der Schweiz»
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Streit um Viertagewoche«Kürzere Arbeitszeiten sind überfällig in der Schweiz»

Immer mehr Firmen verkürzen die Arbeitszeit ihrer Angestellten bei vollem Lohn, von Weltmarken wie Panasonic bis zu Schweizer IT-Buden. Das sind die Vor- und Nachteile dieses Arbeitsmodells.

von
Fabian Pöschl
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Arbeiten von acht bis 17 Uhr und von Montag bis Freitag ist bei immer weniger Firmen gefragt.

Arbeiten von acht bis 17 Uhr und von Montag bis Freitag ist bei immer weniger Firmen gefragt.

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Dafür setzen immer mehr Firmen auf die Viertagewoche bei vollem Lohn, darunter Weltmarken wie Panasonic …

Dafür setzen immer mehr Firmen auf die Viertagewoche bei vollem Lohn, darunter Weltmarken wie Panasonic …

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… und Unilever …

… und Unilever …

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Darum gehts

  • Immer mehr Firmen setzen auf Viertagewochen, auch in der Schweiz.

  • Tests zeigen, dass die Angestellten durch die zusätzliche Freizeit produktiver sind.

  • Doch sie könnten dadurch auch gestresster sein.

Grosskonzerne wie Panasonic und Unilever setzen auf die Viertagewoche bei vollem Lohn. Auch bei immer mehr Schweizer Firmen kommt dieses Arbeitsmodell gut an. Durch den zusätzlichen freien Tag sind die Angestellten besser organisiert und effizienter, sagt Fabian Schneider von der Solothurner IT-Firma Seerow in der «SonntagsZeitung» nach einer Testphase.

Nach den Erfahrungen und Rückmeldungen der Angestellten ist sein Fazit positiv: «Es sieht stark danach aus, als ob wir die Viertagewoche beibehalten werden», sagt Schneider. Die neun Angestellten arbeiten an vier Tagen je 8,75 Stunden. Zu Einbussen soll es deswegen nicht kommen. Das Team überlege sich nun genauer, welche Sitzungen nötig seien und wer dabei sein müsse.

«Gleicher Lohn bei weniger Arbeit ist eine Illusion»

Trotz des gelungenen Tests der IT-Firma ist nicht klar, ob die Viertagewoche grossflächig in der Schweiz zur Anwendung kommt. Noch sind solche Firmen die Ausnahme. Laut Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), wollen gar zig Arbeitgeber die Arbeitszeit verlängern. Dabei wäre es «überfällig», dass die Arbeitszeiten in der Schweiz kürzer werden, sagt Lampart zu 20 Minuten.

Ganz anderer Meinung ist Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch. «Gleicher Lohn bei weniger Arbeit ist eine Illusion, das geht nicht», sagt er auf Anfrage. Ausserdem fände er es unschweizerisch, falls die Arbeitszeiten zentral geregelt werden. «Diese werden branchenmässig oder von Firmen im Rahmen des OR definiert und das soll auch so bleiben», so Minsch.

Die Chefökonomen von SGB und Economiesuisse, Fabian Schneider von der IT-Firma Seerow sowie der Organisations- und Arbeitspsychologe Roland Schaad nennen die Vor- und Nachteile der Viertagewoche:

Vorteile:

  • Entschleunigung: «Die zusätzliche Freizeit bietet uns die Möglichkeit, herunterzukommen und zu entschleunigen, das ist gerade in stressigen Zeiten wie der Pandemie wichtig», sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Roland Schaad zu 20 Minuten.

  • Mehr Möglichkeiten: «Die zusätzliche Freizeit bietet neue Möglichkeiten, unser Verhalten zu ändern. Wir können Neues erfahren, lernen und uns weiterbilden», sagt Schaad.

  • Mehr Zeit für die Familie: «Die Viertagewoche hat Vorteile für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sofern an den vier Arbeitstagen rechtzeitig Feierabend ist», sagt SGB-Chefökonom Daniel Lampart.

  • Mehr Leistung bei der Arbeit: «Die bessere Work-Life-Balance der Mitarbeitenden trägt aufgrund des zusätzlichen freien Tages ohne Überstunden und zusätzlichen Stress zur Leistungssteigerung bei», sagt Fabian Schneider, Geschäftsführer der Firma Seerow.

Nachteile:

  • Mehr Stress: «Wenn man den Lohn unverändert liesse, müsste man die Produktivität um 20 Prozent steigern, das geht nicht auf oder führt zu Stress», sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch.

  • Sinkende Löhne: «Eine Reduktion der Arbeitszeit führt zu sinkenden Löhnen, wie das Beispiel Frankreich mit der 35-Stunden-Woche zeigt. Niemand will einen Mindestlohn von 1200 Euro wie in Frankreich», sagt Minsch.

  • Sinkender Wohlstand: «Mit tieferen Löhnen fallen auch die Sozialabgaben und Steuern tiefer aus. Der Staat müsste mit weniger zurechtkommen, wodurch auch der Wohlstand in der Schweiz sinkt», sagt Minsch.

  • Schlechtes Signal für Schweizer Wirtschaftsstandort: «Zentralisierte Lösungen in der Schweiz, die alle Branchen überteuern, wären ein schlechtes Signal. Es würde bedeuten, dass die Schweiz weg vom föderalen System geht, das Unternehmern viele Freiheiten zuliess», sagt Minsch.

  • Mehr Verunsicherung: «Arbeit ist nicht nur ein Belastungsfaktor, sondern gibt uns auch Halt. Mit einem Tag weniger Arbeit fallen auch gewisse Strukturen weg, die verunsichern können», sagt Arbeits- und Organisationspsychologe Schaad.

In der IT-Branche kommt die Viertagewoche

Momentan gehen laut Daniel Lampart vom SGB vor allem Firmen im IT-Bereich neue Wege bei der Arbeitszeit. In anderen Branchen ist man hingegen bei Weitem noch nicht so weit. «Auf dem Bau wäre es gut, wenn die Arbeitenden regelmässig eine 5-Tage-Woche hätten», so Lampart. In vielen Jobs wäre die Viertagewoche auch schwierig zu planen, sagt Rudolf Minsch von Economiesuisse, so etwa beim Kellnern oder in der Fabrik. «Die Schichten müssten anders organisiert werden, das käme teuer», so Minsch.

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