Aktualisiert

Küttel in Oberstdorf auf Rang 2 - Amman Fünfter

Den Schweizer Skispringern ist der Auftakt in die Vierschanzentournee gelungen: Andreas Küttel sprang in Oberstdorf hinter dem unwiderstehlichen Österreicher Gregor Schlierenzauer auf Rang 2, Simon Ammann wurde Fünfter.

Küttel riss nach seinem zweiten Flug die Arme hoch, Trainer Berni Schödler jubelte ausgelassen. Der Einsiedler war im zweiten Durchgang auf 136,5 m gesegelt und setzte die drei verbleibenden Springer mächtig unter Druck. Der Österreicher Martin Koch scheitere klar, und auch Ammann blieb mit 133 m einen Tick zu kurz. Der erst 16-jährige Schlierenzauer hingegen, der erstmals einen Wettkampf auf der Schattenberg-Schanze bestritt, flog vor 21 000 Zuschauern in einer eigenen Liga. Mit 142 m deklassierte er seine Konkurrenten, schuf sich im Tourneeklassement einen Vorsprung von 9,5 Punkten, was umgerechnet mehr als fünf Weitenmeter beträgt, und riss nach dem bereits dritten Sieg im sechsten Springen seiner Karriere erstmals das Trikot des Weltcup-Führenden an sich.

Noch vor einem Jahr hatte Küttel seine Ambitionen auf eine Spitzenklassierung in der Vierschanzentournee mit einem 20. Rang begraben müssen. Nun positionierte er sich mit seinem insgesamt zehnten Podestrang im Weltcup als erster Verfolger des österreichischen Überfliegers, der am Schlusstag der Tournee in Bischofshofen seinen 17. Geburtstag feiern wird. «Ich zeigte zwei tolle Sprünge, habe aber noch Reserven», meinte Küttel. Im ersten Umgang liess er sich nach dem Absprung etwas zuwenig in die Höhe tragen und geriet in eine zu flache Flugkurve.

Küttel sorgte bei der 55. Tournee für die bislang beste Klassierung eines Schweizers in Oberstdorf. Ammann, Stefan Zünd, Walter Steiner und zweimal Hans Schmid hatten zuvor 3. Ränge erreicht. Der Doppel-Olympiasieger von 2002 vergab mit einer «Trainingslandung» sogar das zweite Zweifach-Podest für die Schweiz im Rahmen der Tournee. 1974 waren Schmid (2.) und Steiner (3.) gemeinsam in Innsbruck aufs Stockerl gestiegen.

Ammann verliess die Wettkampf-Arena verärgert. Er wollte im zweiten Umgang die letzten Meter aus seinem Flug herauskitzeln und patzerte prompt mit einer Parallel-Landung anstelle eines Telemarks. Dadurch verlor er in der Stilnote rund vier Punkte, zum Podest fehlten ihm bloss deren 3,4. «Die schwierigste Schanze der Tournee ist vorbei. Jetzt freue ich mich auf die nächsten Springen», meinte der Toggenburger. Die Anlage in Oberstdorf gilt als sehr selektiver Bakken, der kaum Fehler verzeiht. Mit den Rängen 2 und 5 haben die Swiss-Ski-Adler die erste Hürde souverän genommen.

Den Finaldurchgang als Zuschauer verfolgten Michael Möllinger (32.) und Guido Landert (49.). «Ich war zu brav», sagte Möllinger, der vor einer durchaus lösbaren Aufgabe gestanden hätte. Im K.o.-Duell unterlag er mit 120,5 m dem ebenfalls schwachen Weiten-Weltrekordhalter (239 m) Björn Einar Romören, der bloss 122 m schaffte und letztlich 28. wurde.

Zu den Verlierern des Tages zählte auch Vorjahres-Sieger Jakub Janda (Tsch), der nicht über Rang 21 hinauskam. Janne Ahonen (Fi) hingegen, Ex-aequo-Sieger im Vorjahr, bewies mit Rang 7 aufsteigende Form. Trotz seinem 4. Rang war das Abschneiden von Anders Jacobsen eine leise Enttäuschung. Der Norweger hatte das letzte Weltcup-Springen in Engelberg und die Qualifikation in Oberstdorf gewonnen.

Ammanns Kritik

Die einst so stolze Skisprung-Nation Deutschland weint. Nicht nur wegen der schwachen sportlichen Leistungen (Rang 12 des jungen Ritzerfeld war beim Auftaktspringen das beste deutsche Resultat), sondern weil sie schon vor dem Tournee-Start auch mit Spott und Unverständnis überschüttet wurde. «Es ist für mich unverständlich, warum eine deutsche Nation mit solchen Mitteln nicht zu Siegen zurückfindet», sagte der Doppel-Olympiasieger Ammann, zurzeit die Nummer 1 der Skisprung-Welt. Ammann befürchtet einen Einbruch bei der Popularität des Skispringens, zumal der Fernsehsender RTL (dessen Vertrag mit dem deutschen Skiverband Ende Saison ausläuft) über einen Ausstieg nachdenkt - die Zugpferde Hannawald & Co. gibts nicht mehr, der letzte verbliebene Mohikaner Martin Schmitt springt der Weltspitze hinterher. «Das ist eine grosse Kritik, denn Deutschland ist sehr wichtig fürs Skispringen», unterstreicht Ammann. Die Schweiz habe im Gegensatz mit einem Bruchteil der Finanzmittel, die den deutschen Skispringern zur Verfügung stehen, gleich zwei Anwärter auf den Gesamtsieg. «Natürlich bin ich einer der Favoriten auf den Tourneesieg», gibt Ammann mit einem für einen Schweizer untypischen Selbstbewusstsein zu. Und sein Springer-Zwilling Andrea Küttel setzt gleich noch einen drauf: «Ich will acht Mal eine Bombe setzen, dann wird addiert.»

Nächstes Springen: Garmisch-Partenkirchen (De). Sonntag, 31. Dezember: 13.45 Uhr Qualifikation. - Montag, 1. Januar 2007: 13.45 Uhr 1. Durchgang, anschliessend Final.

(si/mat)

5. Simon Ammann (Sz) 276,9 (135/133). 6. Arttu Lappi (Fi) 276,3 (131/135). 7. Janne Ahonen (Fi) 274,8 (132,5/131). 8. Martin Koch (Ö) 270,6 (135/129,5). 9. Anders Bardal (No) 267,1 (130/129,5). 10. Thomas Morgenstern (Ö) 265,2 (130,5/128,5).

11. Andreas Kofler (Ö) 255,3 (128,5/120). 12. Jörg Ritzerfeld (De) 254,7 (129,5/124,5). 13. Martin Höllwarth (Ö) 254,4 (127,5/125,5). 14. Wolfgang Loitzl (Ö) 251,8 (126,5/124,5). 15. Michael Uhrmann (De) 249,3 (128,5/122,5). Ferner: 21. Jakub Janda (Tsch) 235,0 (121,5/123,5). 28. Björn Einar Romören (No) 227,0 (122/118). - Nicht im Finaldurchgang: 32. Michael Möllinger (Sz) 113,4 (120,5/K.o.-Niederlage gegen Romören). 49. Guido Landert (Sz) 88,9 (110,5/K.o.-Niederlage gegen Ahonen).

Stand nach dem 1. Durchgang: 1. Schlierenzauer 144,9 (135,5). 2. Ammann 142,5 (135). 3. Koch 140,0 (135). 4. Küttel 139,8 (133,5). 5. Ahonen 138,5 (132,5). 6. Malysz 138,1 (132). 7. Jacobsen 136,2 (131,5). 8. Lappi 135,3 (131). 9. Morgenstern 134,4 (130,5). 10. Bardal 133,5 (130).

Weltcup-Stand (6/24): 1. Schlierenzauer 410. 2. Ammann 405. 3. Jacobsen 396. 4. Küttel 286. 5. Malysz 236. 6. Lappi 213. 7. Morgenstern 179. 8. Loitzl 158. 9. Koch 142. 10. Ahonen 140. Ferner: 25. Landert 46. 58. Möllinger 3. - 61 klassiert.

Tourneeklassement (1/4): 1. Schlierenzauer 296,0. 2. Küttel 9,5 Punkte zurück. 3. Malysz 15,7. 4. Jacobsen 16,3. 5. Ammann 19,1. 6. Lappi 19,7. 7. Ahonen 21,2. 8. Koch 25,4. - Ferner: 32. Möllinger 178,6. 59. Landert 207,1.

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