Wo die Nati wohnt: Kultautos, Mafiamorde und viele Arbeitslose
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Wo die Nati wohntKultautos, Mafiamorde und viele Arbeitslose

Die Stadt Toljatti, wo die Schweizer Fussball-Nati ihr WM-Camp aufschlägt, gibt es nur wegen einer Autofabrik.

von
Florian Raz
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Schön ist anders: Die 700'000-Einwohner-Stadt Toljatti wurde Mitte der 1960er-Jahre wegen einer Autofabrik gebaut. Einst hiess sie Stawropol, sie versank jedoch, als 1955 die Wolga gestaut wurde.

Schön ist anders: Die 700'000-Einwohner-Stadt Toljatti wurde Mitte der 1960er-Jahre wegen einer Autofabrik gebaut. Einst hiess sie Stawropol, sie versank jedoch, als 1955 die Wolga gestaut wurde.

AP/Mstyslav Chernov
Die neue Stadt wurde 1964 nach dem italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti benannt.

Die neue Stadt wurde 1964 nach dem italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti benannt.

Keystone/str
Die meisten Einwohner sind noch heute abhängig von der Fabrik AwtoWas.

Die meisten Einwohner sind noch heute abhängig von der Fabrik AwtoWas.

AP/Mstyslav Chernov

Der Ort, wo die Schweizer Fussballer während der WM leben, entstand wegen einer wahnwitzigen Idee: Die Stadt wurde allein für eine riesige Autofabrik gebaut. «Habe mein Haus verkauft. Treffe morgen mit dem Motorschiff ein», schreibt ein Arbeiter Mitte der 1960er-Jahre. Er zieht voller Hoffnung nach Toljatti, das soeben rund 800 Kilometer südöstlich von Moskau aus dem Boden gestampft wird.

Der ursprüngliche Name Stawropol geht zusammen mit der alten Stadt unter, als die Wolga für ein Wasserkraftwerk gestaut wird. Benannt wird die neue sowjetische Stadt nach dem italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti. Aus Italien kommen auch ein Kredit von 320 Millionen Dollar, das Know-how und die Maschinen für die Fabrik AwtoWAS. Was erst wie ein Coup aussieht, bezahlen die Italiener später teuer. Der Stahl, mit dem die Sowjets ihre Schulden zurückzahlen, ist so korrosionsanfällig, dass italienische Autos über Jahrzehnte als Rostlauben gelten.

Korrupte Fabrikleiter

In Russland aber rollt 1970 der erste Wagen von den 300 Kilometer langen Produktionsbändern. Es ist eine Kopie des Fiat 124, besser isoliert gegen die russische Kälte, mit Trommelbremsen gegen den Schlamm und erhöhtem Fahrzeugboden wegen der Schlaglöcher. Wie die nahen Berge wird er Schiguli genannt. Im Ausland heisst er Lada. Kultstatus erhält das Modell Niva aus dem Jahr 1976. Ein unzerstörbarer Geländewagen, der noch heute vom Band läuft.

Das zeigt das Problem der Fabrik. Nach dem Untergang der Sowjetunion sind die Modelle hoffnungslos veraltet. Bis 2012 wird der erste Lada gebaut – eine Kopie von «Europas Auto des Jahres 1967».

Zudem leidet die Fabrik während der Privatisierung. Der später unter ungeklärten Umständen verstorbene Oligarch Boris Beresowski wird dank korrupter Fabrikleiter reich. Er zahlt 3500 Dollar für ein Auto, dessen Produktion 4700 Dollar kostet. Und verkauft es danach für 7000 Dollar.

Diebstahl vom Fliessband und ständig Auftragsmorde

AwtoWAS wird auch sonst zum Selbstbedienungsladen. In den späten 90ern tobt ein Mafiakrieg darum, wer am meisten von Fliessbändern und aus Lagern stehlen darf. 29 Auftragsmorde werden in jenen Jahren gezählt. Noch 2006 wird ein hoher Manager erschossen. Von 2000 bis 2003 sterben vier Journalisten, die über mafiöse Verstrickungen berichten, ohne dass die Morde an ihnen aufgeklärt werden.

Heute hält der Renault-Nissan-Konzern über 80 Prozent der Aktien. Und nach milliardenhohen Verlusten gibt es im Frühjahr 2018 erstmals wieder einen bescheidenen Gewinn. Doch die Stadt bezahlt einen hohen Preis. 2009 sind 102'000 Menschen bei AwtoWAS angestellt, heute sind es rund 40'000. Ende 2018 sollen es noch 32'000 sein.

Schwere Schläge für die 700'000 Einwohner, die alle irgendwie von der Fabrik abhängen. In einer Umfrage von 2016 zur Lebensqualität von 38 russischen Städten belegt Toljatti den drittletzten Platz, obwohl die nahen Schiguli-Berge wegen ihrer Schönheit auch «Perle Russlands» genannt werden. Nur Wolgograd und Omsk sind anscheinend noch unattraktiver als Toljatti.

Hier logiert die Schweizer Nati in Russland

Am Montagmorgen reiste die Schweizer Nationalmannschaft nach Russland ab. Für ihr Basislager hat sie sich den Ort Toljatti ausgesucht. Untergebracht ist sie in einem ruhigen Ressort direkt an der Wolga. Im Video sehen Sie, was Spieler und Betreuer erwartet. (Video: Tamedia/SDA)

Hier logieren die Schweizer. (Video: Tamedia/SDA)

Von den grauen Plattenbauten aus der Sowjetzeit und den Arbeitslosen werden die Schweizer Fussballer wenig mitbekommen. Sie logieren dort, wo die Reichen von Toljatti leben: an der grünen Wolga. Ihr Hotel heisst, wie könnte es anders sein, Lada-Resort.

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