Aktualisiert 17.10.2014 10:58

Mark Balsiger«Kultur des Zuhörens ist vor die Hunde gegangen»

In einem Jahr wählt die Schweiz ihr neues Parlament. Politologe Mark Balsiger über sein neues Buch, die Macht des Aussehens und Gesprächsverweigerung im Wahlkampf.

von
J. Büchi
Mark Balsiger kritisiert die gegenseitige Gesprächsverweigerung der Parteien.

Mark Balsiger kritisiert die gegenseitige Gesprächsverweigerung der Parteien.

Herr Balsiger, am Dienstag lancierte die SVP ihren Wahlkampf für 2015 mit der Präsentation ihres neuen Maskottchens, Plüsch-Sennenhund «Willy». Ein cleverer Schachzug?

«Willy» erzeugt einen Jöö-Effekt, obwohl er in China produziert wurde. Der Berner Sennenhund wedelt bei allen Menschen freudig mit dem Schwanz, was die SVP für sich vermutlich nicht in Anspruch nehmen will. Insgesamt tragen Maskottchen zu einer Entpolitisierung des Wahlkampfes bei. Dass sie zu mehr Wählerstimmen führen, glaube ich nicht.

In Ihrem neuen Buch «Wahlkampf statt Blindflug» befassen Sie sich damit, wie eine erfolgreiche Wahlkampagne aussieht. Wie lautet das Rezept?

Rezepte gibt es nicht. Ich zeige mit Fallbeispielen auf, was funktioniert und was nicht. Dazu kommen viele Dos and Don'ts. Zentral ist: Parlamentswahlen sind als Mannschaftswettbewerb zu verstehen und nicht als Einzelzeitfahren. Viele Kandidaten begreifen das nicht und schauen nur für sich selber. Sie vergessen, dass die Chancen für eine Partei nur dann intakt sind, wenn die ganze Liste gut abschneidet.

In den letzten Jahren haben vermehrt junge Politiker den Sprung ins nationale Parlament geschafft. Woran liegts?

Die Ochsentour, also über die Lokalpolitik, ist noch immer der typische Weg, der 15 bis 20 Jahre dauert. Dass junge, gut ausgebildete und selbstbewusste Politisierende heute schneller Karriere machen, hat verschiedene Gründe: einflussreiche Götti und Gotten in der Partei, Listenplatz, Timing, Aussehen – und Glück.

Das Aussehen?

Ja, die Wissenschaft hat bestätigt, dass die äussere Erscheinung definitiv zu den Erfolgsfaktoren zählt. Es geht allerdings nicht primär darum, gut auszusehen, sondern sympathisch rüberzukommen. Die Wähler haben ein feines Gespür dafür, ob eine Person authentisch ist oder nicht.

Mit einer Liste von Beaus gewinnt man also keine Wahl?

Nein. Die Wähler wollen keine zu perfekten Politiker – weder, wenn es ums Aussehen geht, noch punkto Know-how. Wer sehr gut aussieht, kann sogar ein Handicap haben. Bestes Beispiel dafür ist die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die lange gegen die Verkürzung auf ihr Aussehen kämpfen musste.

Apropos Präsentation gegen aussen: Heute hat fast jeder Politiker einen Twitter-Account. Wie verändert die digitale Revolution den Wahlkampf?

Innovationen im Wahlkampf gibt es heute nur noch im Internet. Alles andere ist schon erfunden. Das haben etliche Politisierende in der Schweiz erkannt – die Mehrheit nutzt diese Chance aber noch viel zu wenig oder falsch. Deshalb ist das Kapitel über Internet und Social Media in meinem Buch das längste.

Welche Art von Wahlkampf wird uns in den nächsten zwölf Monaten erwarten?

Die urschweizerische Kultur des Zuhörens und des Aushandelns von Kompromissen ist – pardon – vor die Hunde gegangen. Stattdessen gilt: wir und die anderen. Die anderen werden im politischen Diskurs ausgegrenzt oder als inkompetent bezeichnet – eine himmeltraurige Entwicklung.

Bei allen Parteien?

Ja, die Gesprächsverweigerung ist weit verbreitet. Es heisst: «Es hat ja doch keinen Sinn, mit den anderen zu reden.» Diese sehr unschweizerische Haltung hat sich leider innert weniger Jahre durchgesetzt. Mit schuld sind die sozialen Medien und die «Dialogkultur» auf den Newsportalen: Wer die aggressivsten Kommentare postet, bekommt am meisten Beifall.

Wie sind die Parteien ein Jahr vor den Wahlen programmatisch aufgestellt?

Die programmatische Arbeit hat sehr früh begonnen, das ist positiv. Allerdings hängen derzeit ein grosses und ein kleines Damoklesschwert über der Schweiz: Das Problem mit den bilateralen Verträgen, die im Februar 2017 wegfallen dürften, ist erdrückend. Es ist wie ein bleischwerer Teppich: Die Parteien wissen, es ist das wichtigste Thema auf der Agenda, sie können aber wenig ausrichten. Zudem sorgt die proportional falsche Zusammensetzung des Bundesrats latent für Unruhe.

Wem nützt diese Unruhe, wem schadet sie?

Sie schadet allen. FDP und BDP zittern um ihre Sitze. Die grösste Verliererin dabei ist die Sachpolitik.

«Wahlkampf statt Blindflug»

Mark Balsiger ist Politologe und geschäftsführender Inhaber der Kommunikationsagentur Border Crossing AG. Sein drittes Buch über Wahlen ist ab Samstag, 18. Oktober, online erhältlich.

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