Aktualisiert 03.02.2012 12:27

ÖV-Tarife

«Kunden werden ihr GA zurückgeben»

Wegen höherer Trasseepreise drehen die Bahnen erneut kräftig an der Preisschraube. Die SBB dürften ihre besten Kunden nicht vergraulen, warnen Experten.

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Um satte 460 Franken oder 15 Prozent steigt der Preis für ein GA 2. Klasse innert zwei Jahren. Per 9. Dezember 2012 kostet die ÖV-Flatrate für Erwachsene stolze 3560 Franken, durchschnittlich steigen die Billetpreise um 5,6 Prozent.

Mancher Gelegenheits-Zugfahrer dürfte nach dieser Preiserhöhung sein Abo nicht erneuern: «Die SBB müssen aufpassen, ihre eigentlich besten Kunden nicht zu verlieren», sagt Christian Laesser, Professor am «SBB-Lab» der Uni St. Gallen. Dies seien die sogenannten 'Convenience-Passagiere', welche ein GA vor allem aus Bequemlichkeit kaufen und das Abo nicht herausschlagen. «Gewisse Leute werden nun ihr GA zurückgeben», ist Laesser überzeugt.

Mehrverkehr als Preistreiber

Der ÖV-Experte muss es wissen: Er arbeitet an einer umfangreichen Studie, welche die Preissensibilität und damit die Schmerzgrenze der Bahnfahrer ermittelt. Man nähere sich einem kritischen Punkt, sagt Laesser. «Eine eigentliche Schmerzgrenze gibt es aber nicht, die ist für jeden ÖV-Kunden individuell.»

Die Preise steigen dieses Jahr schon wieder an, weil die Bahnen dem Bund mehr Geld für die Benützung des Schienennetzes zahlen müssen. Dies, weil der Mehrverkehr zu höheren Unterhaltskosten auf dem Bahnnetz führt, und die tausenden Profi-Pendler, welche etwa täglich Bern-Zürich fahren, ihre Kosten längst nicht decken. «Bei jedem zurückgelegten GA-Kilometer legen wir mächtig drauf», sagte SBB-Sprecher Reto Kormann. Pro gefahrenen Kilometer stehe beim GA ein Aufwand von 18 Rappen einem Ertrag von 10 Rappen gegenüber.

Das Krankenkassen-Spiel

Die Kunden kümmert es aber schliesslich wenig, wieso sie tiefer in die Tasche greifen müssen. «Geht es in diesem Stil weiter, werden die ÖV-Kunden systematisch vergrault», sagt VCS-Präsidentin Franziska Teuscher. Die Gefahr sei umso grösser, als die Bahnen weitere Preiserhöhungen planen, um dringend benötigtes Rollmaterial anzuschaffen.

Der VCS appelliert deshalb an den Bundesrat, auf eine weitere Erhöhung der Trasseepreise von 100 Millionen zu verzichten, um die Bahnpreise nicht weiter anzuheizen. Insgesamt drohe in den nächsten sechs Jahren eine Verteuerung der Billetpreise um 27 Prozent.

Auch Konsumentenschützer sind alarmiert: «Bei den Bahntarifen scheint dasselbe Spiel wie bei den Krankenkassen einzureissen. Wir wollen Klarheit, welche Kostenanteile die Kunden künftig übernehmen müssen», sagt Sara Stalder vom Schweizerischen Konsumentenschutz. Sie warnt zudem davor, die Kompetenzen des Preisüberwachers zu beschneiden, wie dies mit der Bahnreform 2 geplant ist. «Sonst wären in Zukunft Tür und Tor für Preiserhöhungen geöffnet», so Stalder.

Soll Steuerzahler bluten?

Mehr Züge ohne höhere Kosten, diese Rechnung geht auf Dauer nicht auf. Mit den stetigen Billet-Preiserhöhungen blieben die Kosten nicht am Allgemeinbürger hängen, so Laesser: «Die entscheidende Frage ist: Soll der Steuerzahler oder der Bahnbenutzer den ÖV-Ausbau bezahlen?»

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