Lovely Me - «Kundinnen wollen sich wegen meiner Krankheit nicht von mir bedienen lassen»
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Lovely Me«Kundinnen wollen sich wegen meiner Krankheit nicht von mir bedienen lassen»

Lisa (21) leidet seit ihrer Geburt an der Hautkrankheit Neurodermitis. Die dazugehörigen Allergien und sichtbaren Kratzverletzungen erschweren ihren Alltag.

von
Deborah Gonzalez
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Die 21-jährige Lisa leidet an der Hautkrankheit Neurodermitis.

Die 21-jährige Lisa leidet an der Hautkrankheit Neurodermitis.

Privat
Bereits als Baby wurde die Krankheit ausgelöst. Den Ausschlag bekommt sie meist an Armen, Beinen und im Gesicht.

Bereits als Baby wurde die Krankheit ausgelöst. Den Ausschlag bekommt sie meist an Armen, Beinen und im Gesicht.

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Der Juckreiz ist so stark, dass das Kratzen wie eine Sucht ist: «Meine Haut juckt so sehr, dass ich sie am liebsten aufreissen würde», sagt die Bernerin.

Der Juckreiz ist so stark, dass das Kratzen wie eine Sucht ist: «Meine Haut juckt so sehr, dass ich sie am liebsten aufreissen würde», sagt die Bernerin.

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Darum gehts

  • Lisa (21) aus Bern leidet seit ihrer Geburt an Neurodermitisgenauso wie ihr Vater. An ihren Armen, Beinen und im Gesicht treten immer wieder Ausschläge auf.

  • Das Schlimmste an der Krankheit: der Juckreiz. Oft kratzt Lisa sich blutig.

  • Die Neurodermitis schränkt sie im Alltag sehr ein, auch weil sie deswegen an zahlreichen Allergien leidet.

  • Die Reaktionen ihrer Mitmenschen schüchtern die Bernerin ein. In der Schule wurde sie wegen ihrer Haut oft gemobbt.

  • Auch heute wird sie von vielen schräg angeschaut und auch beschimpft.

Lisa, was macht dich besonders?

Ich leide an Neurodermitis, einem Hautausschlag, den ich immer an den Armen, Beinen und im Gesicht bekomme. Die Hautkrankheit tritt in sogenannten Schüben in unregelmässigen Abständen auf. Dazu kommt, dass ich sehr hellhäutig bin und keine Farbe annehme, ausserdem ist meine Haut sehr trocken, was zu einem unendlich starken Juckreiz führt. Das Kratzen ist fast wie eine Sucht, es beisst so sehr, dass ich mir am liebsten die Haut aufreissen würde. Danach blute ich immer stark. Mit einem normalen Jucken wie nach einem Mückenstich, ist das nicht zu vergleichen.

Was ist Neurodermitis?

Neurodermitis ist eine chronisch wiederkehrende Hautkrankheit. Symptome sind trockene Haut und Juckreiz, dazu kommen Rötungen, Entzündungen und Veränderungen der Haut. Die nervenbedingte Hautkrankheit hängt meist mit Allergien zusammen. Oft leiden Neurodermitikerinnen und Neurodermitiker unter Hausstaubmilben-, Pollen- oder Nahrungsmittelallergien. Die Krankheit ist nicht ansteckend. Neurodermitis wird nicht direkt vererbt, aber die Veranlagung dazu kann von den Eltern übertragen und somit vielen Neugeborenen mit in die Wiege gelegt werden.

Seit wann leidest du an der Hautkrankheit?

Seit ich denken kann. Mein Vater hat die Krankheit auch, ich nehme an, ich habe sie von ihm. Schon als Kind im Alter von zwei Jahren haben sich bei mir viele schlimme Allergien entwickelt. Schweinefleisch, Milch, rohe Tomaten, Weizen, Pilze, Sellerie, Himbeeren, Haselnüsse, Eigelb, Meeresfrüchte, Gräser oder zu viel Zucker sind nur einige davon. Nehme ich die Produkte trotzdem zu mir, bekomme ich einen Ausschlag und geschwollene Augen, sodass ich fast nichts mehr sehe. Auch mein Hals und mein Gesicht schwellen massiv anso sehr, dass ich nicht mal mit Schminke was dagegen machen kann.

Abgesehen von den Allergien. Inwiefern schränkt dich die Krankheit im Alltag ein?

Es gibt Dinge, die ich nicht tun kann. Ein Beispiel: Zu viel Sonne setzt mir zu, ich könnte niemals einfach so am Strand liegen. Das Meer habe ich zum ersten Mal mit 18 Jahren gesehen, habe es aber nicht ausgehalten. Ich habe zu sehr geschwitzt, meine Haut war sehr gereizt. Aber im Grossen und Ganzen schränkt es mich nicht sehr ein. Es gibt zwar Tage, an denen ich mich schlecht fühle oder meine Haut ganz schlimm aussieht. Während dieser Zeit versuche ich die Öffentlichkeit so gut es geht zu meiden.

Wie lange dauert ein Schub und kann man etwas dagegen tun?

Heutzutage gehen die Phasen viel länger als früher. So ein Schub kann bis zu drei Monate anhalten. Genauso kann es aber auch sein, dass ich drei Monate lang nichts habe - jedoch muss ich dann extrem darauf achten, was und vor allem wieviel ich davon esse. Wenn ich beispielsweise an Weihnachten viel Süsses esse, weiss ich genau, dass der Ausschlag nicht lange auf sich warten lässt. Wirklich etwas gegen Neurodermitis tun, kann man nicht. Kortison hilft zwar, ist aber auch nicht wirklich toll, weil die Hautschichten dadurch dünner werden. Etwas anderes gibt es meines Wissens nach nicht dagegen.

Schon in Kindertagen hattest du grossflächige Ausschläge. Wie hast du die Zeit erlebt?

Es war immer sehr hart. In der Schule wurde ich oft runtergemacht wegen meiner sehr hellen Hautfarbe und meinen schlimmen Ausschlägen. Immer wieder kam die Frage, ob ich denn ansteckend sei. Es macht mich heute noch traurig, weil ich ja nichts für meine Krankheit kann. Ich nehme es aber niemandem übel. Schliesslich waren wir zu der Zeit noch Kinder.

Schlimmer ist, dass ich auch heutzutage noch gemobbt werde - und zwar von Erwachsenen! In meinem Beruf als Detailhandelsfachfrau wurde ich schon einige Male angefeindet. Einmal wollte sich eine Kundin nicht von mir bedienen lassen, weil ich schlimme Ausschläge im Gesicht und stark angeschwollene Augen hatte. Sie sagte: «Kommen Sie mir nicht zu nahe. Sind Sie ansteckend? Warum tun Sie nichts dagegen? Ich will nicht von Ihnen bedient werden!» Diese Art Reaktionen schocken mich immer wieder. Allein die vielen Blicke, die mir immer wieder zugeworfen werden, reichen schondas mindert mein Selbstwertgefühl jedes Mal aufs Neue! Trotzdem bin ich sehr stark und akzeptiere mich so, wie ich bin. Ich habe gelernt mit meiner Neurodermitis zu leben, schliesslich kann ich sie nicht einfach wegzaubern!

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-)Mobbing betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Fachstelle Mobbing (kostenpflichtig)

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder auch Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon! Für unser Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Schönheitsidealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem – oder gerade deswegen – wohlfühlen. Zeig dich, erzähle uns hier von deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity:

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