Basel: «Kunstszene wehrte sich gegen das Fixerstübli»
Aktualisiert

Basel«Kunstszene wehrte sich gegen das Fixerstübli»

Der Künstler Pascal Trudon lässt ein ehemaliges Gassenzimmer für Drogensüchtige beim Basler Kunstmuseum wieder aufleben. Dieses sorgte damals für einen handfesten Skandal in der Kunstszene.

von
sis

Am Originalort und massstabsgetreu hat der Künstler das ehemalige Gassenzimmer wieder aufgebaut. (Video: sis)

Vor 25 Jahren kam es in Basel zu einem Skandal, als die Stadt ein provisorisches Gassenzimmer neben das Kunstmuseum am St. Alban Graben bauen liess. «Weil in der Gegend niemand wohnte, erachtete man es damals als geeigneten Standort. In der Umgebung waren vor allem Unternehmen wie Versicherungsgesellschaften oder Reisebüros ansässig», erklärt Künstler Pascal Trudon. Doch die Kunstszene wehrte sich heftig.

Der 63-jährige Kunstphilosoph hat das ehemalige Fixerstübli massstabsgetreu und am Originalort wieder aufleben lassen – als Denkmal – wie er sagt. Seit Ende September kann die Installation beim Kunstmuseum besucht werden. Innerhalb der Baracke werden Porträts von damaligen Konsumenten des Gassenzimmers an Leinwände projiziert.

Museum wurde erpresst

«Besonders schockiert hat mich damals, dass der Widerstand nicht nur von den umliegenden Firmen kam, sondern insbesondere vom Kunstmuseum selbst», erinnert sich der Fotograf. Das Elend mit den herumstreundenen Junkies sei den Museumsbesuchern nicht zuzumuten, so argumentierte man. Auch bedeutende Kunstsammler und Mäzene störten sich an den neuen unerwünschten Nachbarn.

Letztlich erfolgreich: Nach rund elf Monaten wurde das Gassenzimmer abgebaut und an einen neuen Standort gelegt. «Kein Zeichen von Toleranz oder Solidarität mit den Notleidenden», sagt Trudon, der das Elend als Fotograf selbst miterlebt hat. Dabei sei das Museum aus der Tradition des Humanismus entstanden.

Versprechen an die Drogensüchtigen

Ein Jahr lang ging er 1992/93 in der Fixerstube ein und aus; gewann das Vertrauen der Konsumenten soweit, dass sie sich von ihm porträtieren liessen. Allerdings musste er ihnen versprechen, dass ihre Bilder niemals in der Zeitung zu sehen sein würden. Auch 25 Jahre später hält der Künstler sich daran.

Um die Diskrepanz des Widerstands der Kunstszene gegen das Gassenzimmer darzustellen, suchte er nach einer künstlerischen Verbindung zwischen aussen und innen – also dem Gassenzimmer ausserhalb des Kunstmuseums und einem Werk innerhalb des Museums. «Da ist mir die Idee gekommen, Bilder von den Bürgern von Calais zu machen», so Trudon.

Bei den «Bürgern von Calais» handele es sich um ein Denkmal von Rodin im Zentrum des Innenhofs, das auch eine skandalöse Entstehungsgeschichte habe. Die Bilder mit den Bürgern von Calais wechseln sich auf den Leinwänden im Inneren des Gassenzimmers mit den Porträts der Süchtigen ab.

Installation bis Anfang November

«Zur Skandalgeschichte eines Gassenzimmers, Basel 1992 – 1993», heisst die Kunstinstallation von Trudon. Noch bis zum 4. November können Interessierte sie sich in der Dufourstrasse, zwischen dem Zschokke-Brunnen und dem Picassoplatz, anschauen.

Zur Geschichte von «Die Bürger von Calais»

Bei den Bürgern von Calais handelt es sich um ein Denkmal von Auguste Rodin. Während des Hundertjährigen Kriegs im Jahr 1343 kam es im französischen Städtchen Calais zu einer Belagerung durch englische Soldaten. Um die vollständige Zerstörung Calais zu verhindern, sollten die sechs wohlhabendsten Bürger der Stadt freiwillig ihr Leben opfern. Zur Hinrichtung mussten sie sich barfuss, spärlich bekleidet und mit einem Strick um den Hals begeben (so zeigt es auch das Denkmal Rodins). Kurz bevor es zur Hinrichtung durch die Soldaten des englischen Königs Eduard III. kam, wurden sie alle auf Wunsch der Gemahlin des Königs begnadet.

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