Noch nie gehörte Songs: Kurt Cobains Solo-Album ist eine Enttäuschung
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Noch nie gehörte SongsKurt Cobains Solo-Album ist eine Enttäuschung

Für die Cobain-Doku «Montage of Heck» wurden alte Wohnzimmer-Demos des Nirvana-Sängers ausgegraben. Das Album entzaubert die Rock-Ikone.

von
Neil Werndli

Das Preview von Kurt Cobains «Montage of Heck – The Home Recordings». <i>(Quelle: YouTube/<a href="https://www.youtube.com/watch?v=TMgHdZZ7eKk" target="_blank">Universal Music Austria</a>)</i>

Das Gerücht hält sich seit seinem Suizid 1994 hartnäckig: Kurz vor seinem Tod habe Nirvana-Sänger Kurt Cobain mit der Produktion eines Solo-Albums begonnen.

Als Brett Morgen, Regisseur des Cobain-Films «Montage of Heck», ankündigte, ein Album mit Home-Recordings zu veröffentlichen, hofften Fans, dies seien die lange verschollenen Solo-Aufnahmen. Sie werden bitter enttäuscht: Zwar finden sich auf «The Home Recordings» einige Perlen. Diese sind nur für ausgewiesene Nirvana-Experten interessant.

Kurt kann auch fröhlich

Über 200 Stunden Material soll Brett Morgen auf Kassetten durchgehört haben. Daraus erstellte er eine 13 Song starke Sammlung an Demos, vagen Song-Ideen und Instrumentals. In der Deluxe-Edition erweitert er Cobains erstes (und wohl einziges) Solo-Album auf 31 Stücke, von denen ein Grossteil bereits im Film auftaucht.

Der Start von «The Home Recordings» lässt aufhorchen: Cobain jodelt – oder er versucht es immerhin. Nach etwas Gejaule setzt ein Riff ein, das nur so nach Nirvana schreit: Vier Akkorde, unsauber geschrammelt. Im Gegensatz zu einem Grunge-Kracher ist jedoch hier die Intimität der Wohnzimmer-Aufnahmen spürbar. Cobain klingt unbekümmert – man hört ihn lächeln. Auch «The Happy Guitar», ein leichtfüssiges Instrumental mit Folk-Einschlag, zeigt eine wenig bekannte Seite Cobains: So verspielte, sorglose Ideen hätten im Nirvana-Kontext fehl am Platz gewirkt.

Das Beste bereits gehört

Trotzdem überzeugt das Projekt nicht. Frühe Demos von bekannten Nirvana-Songs («Scoff», «Been a Son») sprechen definitiv nur diejenigen an, die bereits Cobains gesamte Diskografie kennen. Und abgesehen von der gespenstischen Version von «Sappy» werden sogar sie immer wieder in Versuchung kommen, den Skip-Button zu drücken.

Spannend sind höchstens noch die Song-Ideen, die man noch nie zuvor gehört hat: In «Desire» etwa singt Cobain in hoher Falsett-Lage. Und das Beatles-Cover «And I Love Her» überrascht. In «She Only Lies» finden sich dann auch typische Nirvana-Lyrics: «Sie lügt nur, um meine Gefühle zu schützen.» Der Song «Letters To Frances» (Frances ist der Name von Cobains Tochter), hat einen faszinierenden Titel, ist aber nichts anderes als Cobain, der an einem langweiligen Riff arbeitet.

Das stärkste Pulver aus Cobains Wohnzimmer wurde bereits 2005 auf dem Box-Set «With the Lights Out» verschossen. So etwa «Do Re Mi», ein zuckersüsses Demo und angeblich der letzte Song, den Cobain geschrieben hat.

Missbrauchtes Erbe

Die normale Version von «The Home Recordings» gibt also wenig her – die Deluxe Edition ist dann schon fast ein Witz: Zwischen die Songs schiebt Morgen absurde Sound-Collagen («Scream»), gesprochene, nicht besonders witzige Sketches («Sea Monkeys»), oder einfach nur Lärm («Kurt Ambiance»). Kein Mensch muss das gehört haben. «Aberdeen», in welchem Cobain von einem Suizidversuch in seiner Jugend erzählt, hat Morgen bereits im Film ausgeschlachtet.

So bleibt von «The Home Recordings» vor allem, dass es den Hörer erahnen lässt, wie Cobain seine Songs geschrieben hat. Bisher wenig bekannt war Cobains Experimentierfreudigkeit mit den technischen Spielereien seiner Bandmaschine. Am Ende ist «The Home Recordings» nicht einmal für Nerds Pflichtstoff. Viel eher dürften diese sich aufregen, wie hier das Erbe eines der grössten Songwriters unserer Zeit missbraucht wird. Unvorstellbar, dass Cobain diesem Release zugestimmt hätte.

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