Gesuchter Täter: «Kuster hat mit 7 gekifft und mit 12 gekokst»

Aktualisiert

Gesuchter Täter«Kuster hat mit 7 gekifft und mit 12 gekokst»

Nach einem Tötungsdelikt im Zürcher Seefeld besteht ein dringender Tatverdacht gegen den 23-jährigen Tobias Kuster. Ein ehemaliger Freund weiss mehr über ihn.

von
qll
1 / 12
Das Fahndungsbild von Tobias Kuster: Die Polizei suchte damit nach dem 23-Jährigen. Er war am 23. Juni 2016 aus seinem ersten unbegleiteten Hafturlaub nicht in die Strafanstalt Pöschwies ZH zurückgekehrt.

Das Fahndungsbild von Tobias Kuster: Die Polizei suchte damit nach dem 23-Jährigen. Er war am 23. Juni 2016 aus seinem ersten unbegleiteten Hafturlaub nicht in die Strafanstalt Pöschwies ZH zurückgekehrt.

Kust wurde verdächtigt, das Tötungsdelikt im Seefeld begangen zu haben. Ein 43-Jähriger wurde dort am 30. Juni 2016 auf der Altenhofstrasse am hellichten Tag erstochen.

Kust wurde verdächtigt, das Tötungsdelikt im Seefeld begangen zu haben. Ein 43-Jähriger wurde dort am 30. Juni 2016 auf der Altenhofstrasse am hellichten Tag erstochen.

20 Minuten
Der Täter sei über die Bahngeleise geflüchtet, hiess es. Die Polizei verhaftete kurz darauf einen Mann, auf den das Signalement passte. Der 25-Jährige trug offenbar wie der Tatverdächtige beigefarbene Hosen und hatte tätowierte Arme.

Der Täter sei über die Bahngeleise geflüchtet, hiess es. Die Polizei verhaftete kurz darauf einen Mann, auf den das Signalement passte. Der 25-Jährige trug offenbar wie der Tatverdächtige beigefarbene Hosen und hatte tätowierte Arme.

Nach dem Tötungsdelikt an einem Mann im Zürcher Seefeld, sucht die Kantonspolizei nach dem aus der Strafanstalt Pöschwies geflohenen Häftling Tobias Kuster. Der 23-Jährige wird dringend verdächtigt, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Ein bereits am Donnerstag verhafteter 25-jähriger Schweizer befindet sich in Untersuchungshaft.

Kuster, Vater einer kleinen Tochter, war nach einem Hafturlaub nicht mehr in die zürcherische Strafanstalt zurückgekehrt, wie die Zürcher Behörden mitteilten. Der Geflüchtete sei als gewaltbereit einzustufen und dürfte bewaffnet sein.

«Tobias hat sich extrem verändert»

Während ihren Ermittlungen tauchte die Polizei am Samstag auch beim ehemaligen besten Freund von Kuster auf. «Sie zeigten mir ein Bild von Tobias», sagt der zu 20 Minuten. «Darauf ist Tobias nicht wieder zu erkennen, er wirkt kühl und emotionslos. Obwohl er früher klein, schmächtig und eher introvertiert war, war er aufgeweckt und sprühte vor Lebensenergie. Er war auch sehr naturverbunden.» Der 24-Jährige betont jedoch, dass er Kuster vor sieben Jahren das letzte Mal gesehen habe.

Laut seinem Freund hatte es Kuster nie einfach: «Er hat mit sieben Jahren zum ersten Mal gekifft und mit zwölf Jahren Kokain konsumiert», erzählt er. «Im Dorf kannte ihn jeder und viele haben versucht, ihm zu helfen.» So sei Kuster mit zwölf zum ersten Mal in psychologische Behandlung gekommen. Auch später sei er immer wieder in verschiedenen Institutionen untergekommen, doch nirgends habe er zu sich finden können: «Er fiel immer wieder in alte Muster zurück und liess sich auf die falschen Menschen ein.»

Eltern kamen nicht klar mit ihm

Zwar hätten ihn seine Eltern mit einer fürsorglichen Strenge erzogen, für Kuster sei das aber wohl nicht die richtige Erziehung gewesen, so der Freund: «Es wirkte, als ob sie für ein Kind wie ihn nicht gewappnet waren.» Trotz der Probleme hätten Kusters Eltern auch in seiner schwersten Zeit versucht, für ihn da zu sein und hätten ihn im Gefängnis besucht. Auch seine drei Geschwister hätten ihrem Bruder beigestanden.

Wo Kuster jetzt sein könnte, weiss der Jugendfreund nicht. Doch: «Wenn er nicht ganz dumm ist, flieht er wie viele andere Häftlinge ins Ausland.» Trotzdem hofft er, dass sich Kuster freiwillig stellt. Wie gefährlich sein Freund ist, kann er nicht sagen. «Bis er 16 war, hat er nur Jugend-Blödsinn gemacht, aber wenn ich mir vorstelle, was er sich in der Zwischenzeit alles geleistet hat und mit wem er abgehangen ist, kann ich mir gut vorstellen, dass er gefährlicher geworden ist.»

Normale Kindheit bis zum Zeckenbiss

Aus Gerichtsakten geht hervor, dass Kuster in Winterthur geboren wurde und zusammen mit seinem älteren Bruder und zwei jüngeren Schwestern bei seinen Eltern aufgewachsen ist. Seine Kindheit sei bis zu einer Infektion mit Neuroborreliose in der dritten Primarschule normal verlaufen.

Als Folge der Infektion habe er immer wieder an Depressionen gelitten. Laut einem Gutachter hängen diese aber nicht mit der Ansteckung zusammen. Trotzdem: Aufgrund der Borreliose sei Kuster fast erblindet. Geblieben seien Konzentrationsschwierigkeiten und auch psychische Probleme. Nach der Diagnose habe er eine Schule für Sehbehinderte besucht.

Geschwänzt, Alkohol getrunken und gekifft

Die beiden letzten Jahre habe er an einer Privatschule in Winterthur absolviert. Er habe oft geschwänzt, Alkohol getrunken und gekifft. Als er die siebte Klasse in einer Psychiatrie hätte besuchen sollen, sei er immer wieder abgehauen. Vom zwölften bis zum 15. Lebensjahr musste er an verschiedenen Orten in Europa Time-outs absolvieren. Doch all die Massnahmen brachten bei Kuster keine Verhaltensänderung.

Der 23-Jährige ist gemäss Gerichtsurteilen in der Schweiz mehrfach vorbestraft. So wurde er im September 2015 vom Zürcher Obergericht zu einer Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren mit strafvollzugsbegleitender Massnahme verurteilt. Seit Februar 2014 sass er in Untersuchungshaft, seit August 2014 im vorzeitigen Vollzug. Die zahlreichen Vorstrafen und die Unbelehrbarkeit des jungen Mannes wurden gemäss «NZZ am Sonntag» als straferhöhend gewertet. So wurde Kuster auch während der laufenden Strafuntersuchung und nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft erneut straffällig.

SVP kritisiert Justizdirektion

Die Zürcher SVP hat am Montag im Kantonsrat in einer Fraktionserklärung von der Justizdirektion «ein Ende der katastrophalen Verhätschelungspolitik» gefordert.

Die Partei kritisierte insbesondere, dass Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) nicht informiert habe, dass ein Gefangener nach einem unbegleiteten Hafturlaub verschwunden war.

Der Gefangene war am 23. Juni nicht in die Justizvollzugsanstalt Pöschwies zurückgekehrt. Am vergangenen Samstag wurde bekannt, dass der 23-Jährige im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt im Zürcher Seefeld vom 30. Juni gesucht wird.

«Es geht nicht an , dass Schwerkriminelle unbegleitet Urlaub erhalten», sagte SVP-Fraktionspräsident Jürg Trachsel (Richterswil). Und es gehe schon gar nicht an, dass die Öffentlichkeit über eine Woche nicht darüber informiert werde.

Die Justizdirektion will am Montagnachmittag über «den aktuellen Stand der Dinge» informieren. (sda)

Deine Meinung