Aktualisiert 16.02.2012 14:14

Weltmeister-Besieger

Kuwait ist der grosse Fussball-WM-Favorit

Es klingt wie ein Witz: Kuwait hat am Freitag die Chance, inoffiziell Weltmeister zu werden. Gegen Nordkorea. Im Fussball. Wie das gehen soll? Dank der Idee eines cleveren Briten.

von
Manuel Jakob
Können sich diese Fussballer bald «Weltmeister» nennen?

Können sich diese Fussballer bald «Weltmeister» nennen?

Am 15. November 2011 lief die japanische Nationalmannschaft im mit 50 000 Zuschauern voll besetzten Kim-Il-Sung-Stadion von Pjöngjang auf. Nordkorea gewann die Partie überraschend mit 1:0. Es war ein Spiel im Rahmen der Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien. Japan hatte sich bereits zuvor die Qualifikation für die nächste Runde gesichert, die Nordkoreaner waren schon ausgeschieden. Das Spiel hatte entsprechend keine grosse Bedeutung. Wäre da nicht Paul Brown.

Brown ist freier Journalist. 2003 hat er für die britische Zeitung «The Guardian» eine Website und damit ein Projekt ins Leben gerufen: die «inoffizielle Fussballweltmeisterschaft». Aufgegriffen hatte Brown eine Idee, die in Schottland schon seit Jahrzehnten kursierte: Die dortigen Fussballfans sind und waren immer der Meinung, dass ihre Nationalelf am 15. April 1967 dem damaligen Fifa-Weltmeister England den Titel eigentlich entrissen habe. Die Schotten fügten den Three Lions nach deren Titel an der Heim-Weltmeisterschaft 1966 ihre erste Niederlage zu.

Dass dieser Triumph keine Bedeutung hatte, empfanden die Schotten als ungerecht. Ein Weltmeister sollte nicht nur alle vier Jahre neu ermittelt werden, sondern seinen Titel häufiger verteidigen, so ihr Gedankengang. Im Fussball müsste es funktionieren wie beim Boxen: Wer den Titelhalter zu einem Kampf herausfordert, kann mit einem Sieg den Titel erben.

Also setzte sich Brown hin und begann, in den Archiven der Fussballgeschichte zu graben. Hatte Schottland mit diesem Sieg 1967 tatsächlich den Engländern den Titel entrissen? Seine Idee war simpel: Er begann mit dem ersten offiziellen Länderspiel der Geschichte. Dieses fand - wie kann es anders sein - natürlich zwischen den Nationen statt, die beide für sich beanspruchen, das Mutterland des Fussballs zu sein: Am 30. November 1872 spielte in Glasgow die schottische gegen die englische Nationalmannschaft.

Weil dieses erste Länderspiel mit einem torlosen Unentschieden endete, wurde der erste Titelträger erst drei Monate später in London erkoren. Mit dem 4:2-Sieg errang England am 8. März 1873 den ersten inoffiziellen Weltmeistertitel der Geschichte. Denn, so Browns Vision, wer als Herausforderer den Titelverteidiger bezwingt, wird neuer inoffizieller Weltmeister.

157 Spiele und 58 Jahre lang blieb der Titel auf den britischen Inseln

Brown rollte die Fussballgeschichte neu auf: Die ersten 97 Titelkämpfe um die Krone des inoffiziellen Weltmeisters bestritten ausnahmslos Schottland, England, Wales und Irland, wobei fast immer die beiden Übermächte Schottland und England den Titel hielten. Ein Schelm, wer Brown jetzt unterstellen würde, er habe mit seiner Idee nur die Absicht gehabt, England so viele Titelgewinne wie nur möglich zuzuschanzen.

Doch mit dem 29. Mai 1909 kam das erste offizielle Länderspiel eines auf diesem Weg errechneten Weltmeisters gegen einen Nicht-Insulaner. Noch unterlag Ungarn dem damaligen Titelhalter England in Budapest allerdings mit 2:4. Es dauerte danach noch einmal fast 22 Jahre und 60 Titelkämpfe, bis der erste inoffizielle Weltmeister von ausserhalb der britischen Inseln kam: Am 16. Mai 1931 bezwang das österreichische «Wunderteam» um Mittelstürmer Matthias Sindelar in Wien den Titelhalter Schottland mit 5:0.

Für seine Idee grub Paul Brown tief in den Archiven der Landesverbände und erschuf so seine ganz eigene Welt, in der auch exotische Nationalmannschaften den Titel erobern konnten. So kam es, dass das Spiel in Pjöngjang eben nicht einfach irgendeine Partie war: Es war ein Spiel zwischen dem inoffiziellen Weltmeister Japan und dem Herausforderer Nordkorea. Japan hatte den Titel über ein Jahr zuvor errungen. Am 8. Oktober 2010 besiegten die Asiaten den damaligen - ebenfalls inoffiziellen - Titelhalter Argentinien. Daraufhin verteidigten sie ihren Titel in 15 Spielen – und wurden in der Zwischenzeit immerhin auch Asien-Meister.

Der grosse Tag für ein abgeschottetes Land

Am 15. November 2011 dann die Überraschung: Nordkorea holte sich mit dem Sieg gegen Japan (siehe Video unten) den Titel. Und nun müssen die Mannen aus dem abgeschotteten Land diesen verteidigen. Dass ihr nächstes Spiel ein Freundschaftsspiel ist, tut für Paul Brown nichts zur Sache. Einzige Bedingung dafür, dass ein Spiel als Titelkampf gewertet wird, ist eine offizielle Anerkennung der Partie durch die Fifa.

Fussball-Weltmeister Kuwait ... Daran müsste man sich erst einmal gewöhnen. Es geht aber noch exotischer, wie ein Blick auf die Historie der Titelträger zeigt. Am 24. März 1963 wurden die Fussballer der Niederländischen Antillen Weltmeister, nachdem sie Mexiko bezwingen konnten – eine Sensation, hat der zum Königreich der Niederlande gehörende Inselstaat doch gerade mal 218 000 Einwohner. Doch schon in der nächsten Partie musste der Inselstaat seinen Titel wieder abgeben.

Auch die Schweiz kam schon zu Titelehren

Die Schweiz war ebenfalls schon Träger des Titels «Inoffizieller Weltmeister» - und das gleich mehrfach. Zuletzt waren es Spieler wie Stéphane Chapuisat, Adrian Knup oder Georges Bregy, die im legendären Spiel gegen Rumänien an der WM in den USA mit einem 4:1-Sieg den Titel holten, als Alain Sutter mit gebrochenem Zeh das Tor zum 1:0 erzielte.

Erstmals hatte die Schweiz am 16. Juni 1931 die grosse Gelegenheit gehabt, den Titel zu gewinnen. Doch damals blieben die Schweizer ohne Chance gegen das übermächtige Österreich. Im Ranking der erfolgreichsten Nationen rangiert die Schweiz auf Rang 20 mit zehn Punkten. Das bedeutet, dass die Schweizer Fussballer zehn als Titelkämpfe akzeptierte Spiele für sich entscheiden konnten. Für ein Unentschieden gibt es in dieser Rangliste keinen Punkt. Angeführt wird diese Tabelle von Schottland mit 86 Siegen.

Und nun also die grosse Chance für die Wüstenkicker von Kuwait, im Testspiel vom Freitag im chinesischen Changsha zum ersten Mal in der Geschichte zu Weltmeisterehren zu kommen. Weil das wohl kaum viele Menschen wissen, kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Partie enorm viele Zuschauer beiwohnen werden. Sollte es Nordkorea allerdings gelingen, den Titel zu verteidigen, so wartet im Qualifikationsspiel vom 29. Februar 2012 der nächste Herausforderer. Und der heisst - Tadschikistan.

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