Risiken unterschätzt: L'Aquila-Experten zu Haftstrafen verurteilt
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Risiken unterschätztL'Aquila-Experten zu Haftstrafen verurteilt

Vor drei Jahren starben im italienischen Ort L'Aquila bei einem heftigen Erdbeben über 300 Menschen. Sieben Experten hatten kurz vor dem Beben «keine Gefahr» attestiert.

Für 300 Menschen in L'Aquila kam jede Hilfe zu spät.

Für 300 Menschen in L'Aquila kam jede Hilfe zu spät.

Dreieinhalb Jahre nach dem schweren Beben in den Abruzzen sind sieben Experten wegen ungenügender Warnung vor Erdstössen zu jeweils sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dieses Urteil in erster Instanz fällte das Gericht von L'Aquila am Montag nach einem mehr als einjährigen Verfahren.

Die Wissenschaftler waren Mitglieder einer staatlichen Kommission zur Risikoeinschätzung. Wenige Tage vor dem Beben waren sie zu dem Schluss gekommen, dass eine Reihe von vorangegangenen Erdstössen in der Region auf kein erhöhtes Erdbebenrisiko hinweise. Ihre Empfehlungen dienten den Behörden als Entscheidungshilfe.

Richter Marco Billi befand die Kommissionsmitglieder schuldig, durch ihre falsche Einschätzung Mitschuld am Tod der Erdbebenopfer zu tragen. Das Gericht ging noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, die jeweils vier Jahre Haft verlangt hatte.

Die Analyse der angeklagten Experten sei «unzureichend und untauglich» gewesen, sagte Staatsanwalt Fabio Picuti zur Begründung. Die Seismologen und Zivilschutzbeamten hätten die Bevölkerung rund um L'Aquila nur «ungenau, unvollständig und widersprüchlich» über die Gefahren eines Bebens informiert, so die Anklage.

Bei dem Erdbeben in den Abruzzen waren 309 Menschen ums Leben gekommen. Zehntausende konnten nicht mehr in ihre zerstörten Häuser zurück.

Prominente Wissenschaftler

Bei den Kommissionsmitgliedern handelte es sich um sechs teils prominente Wissenschaftler und den damaligen Vize-Direktor der Katastrophenschutzbehörde, Bernardo De Bernardinis. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von L'Aquila gegen die sieben Experten waren nach einer Anzeige von 30 Bürgern eingeleitet worden.

Entsetzt und schockiert nahmen die Angeklagten und ihre Anwälte das Urteil auf. «Ich verstehe immer noch nicht, warum ich angeklagt bin», sagte der frühere Chef des Nationalinstituts für Geophysik und Vulkanologie, Enzo Boschi. «Ich halte mich vor Gott und den Menschen für unschuldig», sagte De Bernardinis.

Der Verteidiger Marcello Petrelli sagte, das Urteil sei unverständlich. «Es kann nur Gegenstand einer eingehenden Bewertung in der Berufung sein.» In Italien werden harte erstinstanzliche Urteile in Berufungsverfahren oft abgemildert.

Zum Prozessauftakt hatten mehr als 5000 Wissenschaftler in einem offenen Brief an den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano beklagt, dass den Angeklagten ein Strafprozess gemacht werde, obwohl die Vorhersage von Erdbeben bislang technisch unmöglich sei.

Bei einer Verurteilung werde kein Wissenschaftler sich mehr zum Phänomen Erdbeben äussern, erklärte die Verteidigung in dem Prozess. (sda)

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