Aktualisiert 19.07.2018 08:11

Künstliche Burger

«Laborfleisch ist für Hardcore-Fleischesser»

Mark Post will Laborfleisch marktreif machen. Bereits 2013 zeigte er den ersten künstlichen Burger. Im Interview erklärt er, was die grössten Hürden in der Entwicklung sind.

von
R. Knecht
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Bell finanziert die Firma Mosa Meat mit, die im Labor Fleisch heranzüchtet. Die wichtigsten Fragen.

Bell finanziert die Firma Mosa Meat mit, die im Labor Fleisch heranzüchtet. Die wichtigsten Fragen.

Keystone/Georgios Kefalas
Was ist «kultiviertes Fleisch»?Das Fleisch wird künstlich im Labor hergestellt. Dafür braucht man Stammzellen, die mit einer Muskelbiopsie den lebenden Tieren wie Kühen, Schweinen oder Hühnern entnommen werden. Unter den richtigen Bedingungen wachsen dann Fasern, aus denen ein Burger gemacht werden kann.

Was ist «kultiviertes Fleisch»?Das Fleisch wird künstlich im Labor hergestellt. Dafür braucht man Stammzellen, die mit einer Muskelbiopsie den lebenden Tieren wie Kühen, Schweinen oder Hühnern entnommen werden. Unter den richtigen Bedingungen wachsen dann Fasern, aus denen ein Burger gemacht werden kann.

David Parry / pa Wire
Warum Fleisch aus dem Labor?Mit Kunstfleisch will man die Umweltbelastung eindämmen, die die Massentierhaltung für den weltweiten Fleischkonsum verursacht.

Warum Fleisch aus dem Labor?Mit Kunstfleisch will man die Umweltbelastung eindämmen, die die Massentierhaltung für den weltweiten Fleischkonsum verursacht.

Keystone/JÖrg Sarbach

Künstliches Fleisch könnte eine Lösung für das Nahrungsproblem der Welt sein. Kürzlich gab die Coop-Tochter Bell bekannt, dass sie sich mit 2 Millionen Franken am Start-up Mosa Meat beteiligt. Das Unternehmen um Chief Scientific Officer Mark Post tüftelt schon seit einigen Jahren am Hackfleisch aus dem Reagenzglas. 20 Minuten hat mit dem Mann, der 2013 der Welt den ersten Laborburger präsentierte, gesprochen.

Herr Post, wie schmeckt das Fleisch aus dem Reagenzglas?

Wie Fleisch, denn das ist es auch. Noch wichtiger ist, dass es sich tatsächlich wie Fleisch anfühlt. Diese Konsistenz mit Proteinprodukten zu erreichen, ist im Vergleich zum Fleischgeschmack viel schwieriger.

Kann ich bald auch ein blutiges Steak aus dem Labor essen?

Momentan konzentrieren wir uns auf Hackfleisch, weil das am einfachsten herzustellen ist. Schliesslich werden wir uns aber auch Stücke wie Filet Mignon oder Rib-Eye-Steak vornehmen. Dazu braucht es aber noch zusätzliche Technologien, die teilweise schon für die medizinische Gewebeherstellung entwickelt worden sind.

Was sind Nachteile von Laborfleisch?

Eine disruptive Technologie hat immer auch Nachteile. Sie wird eine grosse Industrie verwandeln, was Unsicherheiten schafft. Zudem muss die Produktionskapazität erst einmal geschaffen werden, und das dauert lange. Der Wandel wird also nicht abrupt stattfinden. Und wenn Sie gern viele Kühe auf den Feldern sehen – und sich nicht an den Methan-Emissionen stören –, ist kultiviertes Fleisch natürlich eine schlechte Neuigkeit.

Eignet sich das Fleisch für Vegetarier?

Kommt drauf an. Das Fleisch ist für alle sicher, auch Vegetarier. Unsere Zielgruppe sind aber nicht die Vegetarier, sondern die Hardcore-Fleischesser. Zwar werden einige der rationalen Argumente für vegetarische oder vegane Ernährung, etwa der Umweltschutz oder die Angst um das Wohl der Tiere, mit der Einführung von kultiviertem Fleisch verschwinden. Aber es gibt auch Vegetarier und Veganer, die Fleisch einfach nicht mögen.

Erwarten Sie, dass Vegetarier zu Fleischessern werden?

Wir haben kürzlich eine nicht repräsentative Umfrage bei 400 Besuchern einer Vegetarier- und Veganer-Konferenz gemacht: Rund 30 Prozent sagten, sie würden Laborfleisch essen, wenn es erhältlich wäre. Das zeigt, dass die Bevölkerung unterschiedlicher Meinung ist und dass einige Vegetarier und Veganer wieder zu Fleischessern werden könnten.

Fürs Laborfleisch dürfte es schwierig werden

Schweizer Konsumenten kaufen im Detailhandel laut Proviande jährlich Fleisch für knapp 5 Milliarden Franken. Ob gezüchtetes Fleisch davon einen grossen Marktanteil erobern kann, hängt von der Akzeptanz der Konsumenten ab, wie Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft, zu 20 Minuten sagt.

Bis Schweizer solche Produkte akzeptieren, dürfte es lange gehen, glaubt der Experte. Konsumenten hätten emotionale Vorbehalte gegen "komisches" Fleisch. Auch wenn Laborerzeugnisse erschwinglich werden, wäre das in der Schweiz kein grosses Argument, da Konsumenten sich hierzulande meist auch teures Fleisch leisten könnten. Slembeck vergleicht gezüchtetes Fleisch mit Insektenburgern: Auch diese sind trotz grossem Hype ein Nischenprodukt geblieben.

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