«Joanne»-Albumkritik: Lady Gaga ist tot – lang lebe Stefani Germanotta
Aktualisiert

«Joanne»-AlbumkritikLady Gaga ist tot – lang lebe Stefani Germanotta

Auf ihrem neuen Album «Joanne» zeigt sich Lady Gaga ungeschminkt und feiert ihre Wiedergeburt als ernst zu nehmende Musikerin.

von
Neil Werndli

«Du müsstest mal ihre alten Videos sehen», hört man oft über Stefani Joanne Angelina Germanotta. Damals, als sie in verrauchten New Yorker Bars hinter dem Klavier sass und einfach sang. Und wie.

Ihr fünftes Album «Joanne» ist die Rückkehr dieser subtileren, natürlicheren Lady Gaga, die sich mit ihrem Talent statt mit Effekthaschereien positioniert.

Vom Pop-Produkt zur Musikerin

Es war aber ein langer Weg: Nach dem bahnbrechenden Album «Born This Way» verrannte sich Lady Gaga mit ihrem überambitionierten Werk «Artpop». Der Spagat zwischen Kunst und Pop endete in schrägen, teilweise sehr düsteren Songs, die sich nicht fürs Radio eigneten, aber auch Nerds nicht wirklich ansprachen. Das Album wurde ein finanzielles Desaster und Lady Gagas Stern schien zu sinken. Dann kam doch noch die Wende: Mit «Cheek to Cheek», dem Jazz-Album, das Germanotta gemeinsam mit Tony Bennett aufnahm, gelang der Imagewechsel vom Pop-Produkt zur glaubwürdigen Künstlerin. Endlich hatte auch der Mainstream erkannt, dass hier eine talentierte Sängerin am Werk ist. «Tony hat mein Leben gerettet», sagte Lady Gaga damals.

Genau genommen, war es aber das Ende von Lady Gaga – der Tod ihrer Kunstfigur – und die Geburt der Stefani Germanotta. Das neue Album «Joanne» baut auf dieser neuen Wahrnehmung auf, was auch den persönlichen Titel erklärt: Joanne ist Stefanis eigener zweiter Vorname und auch der Name ihrer kürzlich verstorbenen Grossmutter.

Raus aus der Disco ...

Statt mit anderen Popsternchen arbeitet Germanotta auf «Joanne» mit gestandenen Musikern: Josh Homme (Queens of the Stone Age) übernahm die Gitarren, Kevin Parker (Tame Impala), Father John Misty und Beck schrieben an Songs mit und Über-Produzent Mark Ronson («Uptown Funk») hatte als Tätschmeister im Studio das Kommando. Ronson war es auch, der den Sound von «Joanne» am stärksten prägte. Sein Einfluss ist in Songs wie «John Wayne» klar hörbar. Wie gewohnt vereint der Produzent Retro-Pop mit elektronischen Elementen und einer gehörigen Portion Funk.

Für die Single «A-YO» hatten die beiden ganz klar «Uptown Funk» im Hinterkopf, wie auch ein Making-of-Video aus dem Studio zeigt. «Ja, ich weiss, dass es so gut wie ‹Uptown Funk› sein muss, fuck you», schimpft Germanotta, als Ronson sie kritisiert.

Lady Gaga und Mark Ronson im Studio. (Quelle: Youtube / Lady Gaga)

«A-YO» ist der radiotauglichste Song auf «Joanne» und gleichzeitig auch der einzige, der noch ein bisschen nach Disco klingt. Ansonsten glitzert und funkelt hier rein gar nichts mehr. Statt Party zu machen, flirtet Germanotta mit dem Spaghetti-Western-Country («Sinner's Prayer»), lässt sich vom 90s-Soft-Rock à la No Doubt inspirieren («Dancin' in Circles») und schüttet ihr Herz in einer gefühlvollen Piano-und-Mellotron-Ballade («Angel Down») aus.

... zurück in die verrauchte Bar

Jahrelang hat Germanotta ihr Talent hinter der provokativen Kunstfigur Lady Gaga versteckt und ihre grossartige Stimme mit schrillen Outfits übertönt. Auf «Joanne» zeigt sie sich endlich ungeschminkt. Es ist kein radikales Album, aber der nächste logische Schritt in der Evolution einer echten Künstlerin. «Ich wollte dahin zurück, wo ich herkomme», sagt Germanotta über das Album. Und irgendwie klingt sie tatsächlich fast wieder wie damals in der verrauchten New Yorker Bar.

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