Aufgepasst auf Island: Längst kein Fussballzwerg mehr

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Aufgepasst auf IslandLängst kein Fussballzwerg mehr

Die Schweiz kämpft am Dienstag mit Fussballzwerg Island um die Tabellenspitze. Fussballzwerg? Das Team von Lars Lägerback darf auf keinen Fall unterschätzt werden.

von
Philipp Reich

Über den isländischen Fussball ist in der Schweiz nur wenig bekannt. Neben den kreativen Kickern vom UMF Stjarnan, welche die Welt mit ihren geistreichen Jubelposen verzückten, ist vielleicht noch Eidur Gudjohnsen ein Begriff. Der berühmteste Fussballer Islands ging von 2000 bis 2006 für Chelsea auf Torejagd und wechselte danach zum FC Barcelona, wo er bis 2009 zehn Tore in 72 Spielen erzielte und die Champions League gewann. In 67 Länderspielen hat Gudjohnson 24 Tore erzielt. Momentan spielt er bei Cercle Brügge, für das Länderspiel gegen die Schweiz hat Island-Coach Lars Lagerbäck den 34-Jährigen nicht aufgeboten.

Vermisst wird Gudjohnson nicht gross, die Isländer haben längst einen Nachfolger für ihren Rekordtorschützen gefunden. Gylfi Sigurdsson ist Islands neuer Hoffnungsträger. Der offensive Mittelfeldspieler hat mit seinen 23 Jahren bereits eine bewegte Karriere hinter sich. 2009 wurde er als 20-Jähriger zum Cup-Helden für Reading. Gegen Liverpool erzielte er in der Nachspielzeit den Ausgleich. Zwei Runden später besorgte er den 3:2-Siegtreffer gegen West Bromwich.

Mit 13 Millionen der teuerste Isländer

Über Hoffenheim und Swansea kam Sigurdsson in diesem Sommer nach London. 13 Millionen Euro - Rekord für einen Isländer - blätterte Premier-Ligist Tottenham Hotspur für das Nachwuchstalent hin. Sigurdsson setzte sich auch bei den «Spurs» schnell durch und kam in allen sieben bisherigen Saisonspielen zum Einsatz. Ein Tor wollte ihm allerdings noch nicht gelingen.

Besser läuft es derzeit in der Nationalmannschaft. In der Regenschlacht gegen Albanien zeigte Sigurdsson, was er am besten kann. Mit einem herrlichen, direkt verwandelten Freistoss schoss er sein Team zum zweiten Sieg im dritten Spiel. Schon gegen Norwegen hatten die Isländer zu Beginn der WM-Qualifikations-Kampagne für Brasilien 2014 überraschend gewonnen.

Moderne Infrastruktur

Und so duellieren sich die Nordmänner am Dienstag mit der Schweiz um die Leaderposition in der Gruppe E. Von ungefähr kommt Islands Erfolg nicht. Zwar gelten die Kicker von der Insel mit den vielen Gletschern und Vulkanen nach wie vor als Fussballzwerg, doch unterschätzen darf man das Team von Lars Lagerbäck auf keinen Fall. Ähnlich wie die Norweger spielen die Isländer traditionell sehr körper- und kampfbetont und agieren meist mit hohen Bällen. Doch sie können auch anders: Unter ihrem schwedischen Trainer hat Island auch auf taktischer und spielerischer Ebene aufgeholt. Ein Indiz für den Fortschritt ist beispielsweise die Qualifikation für die U21-EM 2011 in Dänemark, wo die Isländer - unter anderem gegen die Schweiz - aber chancenlos blieben.

Noch werden die talentiertesten der isländischen Fussballer in England oder Dänemark ausgebildet. Das soll sich aber bald ändern. Der isländische Fussballverband KSI hat die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft bereits gestellt. 2007 wurden in Laugardalur das isländische House of Football sowie ein technisches Zentrum eingeweiht. Trainiert wird dort in Hallenfussballanlagen, die über Spielfelder in Normalgrösse verfügen. Angesichts der klimatischen Bedingungen eine absolute Notwendigkeit.

Immer wieder Überraschungen

Die Schweiz wird gegen Island am Dienstagabend allerdings nicht in einer Halle spielen können. Vier bis fünf Grad werden die Temperaturen bei schönem Wetter im bereits winterlichen Island betragen. Zudem ist im offenen Stadion mit Wind zu rechnen. Ein Selbstläufer wird die Partie sicher nicht, trotz allem ist die Schweiz zu favorisieren. Aber aufgepasst: Die Isländer haben schon einigen Favoriten auf heimischen Terrain ein Bein stellen können. In der EM-Qualifikation 2004 rangen sie Deutschland ein 0:0 ab, worauf Rudi Völler zu seiner legendären Weissbier-Rede ausholte (Video unten). 2002 wurde Tschechien besiegt, im Jahr 2000 musste Russland mit einer Niederlage heimreisen und Frankreich kam ebenfalls nicht über ein 1:1 hinaus.

Rudi Völlers legendäre Wutrede nach dem 0:0 in Island 2003 (Quelle: YouTube)

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