No-Billag-Debatte: Lässt sich «Tagesschau» mit Pay-TV finanzieren?
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No-Billag-DebatteLässt sich «Tagesschau» mit Pay-TV finanzieren?

Mehr Werbung, Pay-TV oder kantonale Subventionen: Die Billag-Gegner sehen Alternativen zur Empfangsgebühr. Bei der SRG sorgt das für Kopfschütteln.

von
D. Waldmeier
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Ein Pay-TV-Abo für die «Tagesschau»? Laut der SRG wäre das extrem teuer.

Ein Pay-TV-Abo für die «Tagesschau»? Laut der SRG wäre das extrem teuer.

Für die SRG-Verantwortlichen ist klar: Ein Ja zur Initiative käme einem «Lichterlöschen» gleich. «Sollte ‹No Billag› angenommen werden, gäbe es die SRG schlicht und einfach nicht mehr», sagte Viktor Baumeler, Präsident des SRG-Verwaltungsrats, in der «Medienwoche». Die Initianten der No-Billag-Initiative kontern: «Die SRG wird mit der Initiative auf keinen Fall eingestampft.»

Für die SRG-Verantwortlichen ist klar: Ein Ja zur Initiative käme einem «Lichterlöschen» gleich. «Sollte ‹No Billag› angenommen werden, gäbe es die SRG schlicht und einfach nicht mehr», sagte Viktor Baumeler, Präsident des SRG-Verwaltungsrats, in der «Medienwoche». Die Initianten der No-Billag-Initiative kontern: «Die SRG wird mit der Initiative auf keinen Fall eingestampft.»

Keystone/Jean-christophe Bott
Können wir noch die «Tagesschau» schauen, wenn die No-Billag-Initiative angenommen wird? Co-Präsident des No-Billag-Komitees Silvan Amberg ist überzeugt: «Beliebte Qualitätssendungen wie die «Tagesschau», «Reporter» oder «Dok» werden weiter über den Bildschirm flimmern.» Konsumenten würden für Sendungen, die sie bei privaten Anbietern nicht zu sehen oder hören bekommt, gern in die Tasche greifen wird.

Können wir noch die «Tagesschau» schauen, wenn die No-Billag-Initiative angenommen wird? Co-Präsident des No-Billag-Komitees Silvan Amberg ist überzeugt: «Beliebte Qualitätssendungen wie die «Tagesschau», «Reporter» oder «Dok» werden weiter über den Bildschirm flimmern.» Konsumenten würden für Sendungen, die sie bei privaten Anbietern nicht zu sehen oder hören bekommt, gern in die Tasche greifen wird.

Es ist das Szenario, das SRG-Boss Gilles Marchand erschaudern lässt: Bei einer Abschaffung der Empfangsgebühr fehlten der SRG 1,2 Milliarden Franken oder rund 75 Prozent der Einnahmen. Sie müsste – so die oft wiederholte Warnung der SRG – den Betrieb einstellen und Mitarbeiter auf die Strasse stellen.

Dagegen bestreiten die Initianten, dass ein Ja zu «No Billag» das Ende der SRG bedeutet: Sie müsse abspecken, sich umorientieren und auf dem freien Markt neue Finanzierungsquellen erschliessen – mittels innovativer Werbeformen, Pay-TV-Angeboten, Gönnern oder Subventionen von Kantonen. Doch lässt sich damit ein Programm in allen Sprachregionen finanzieren? Die Meinungen gehen weit auseinander.

1. Werbefinanzierung

Laut SVP-Nationalrat Gregor Rutz müsste die SRG ihr Angebot straffen, gewisse Formate im Unterhaltungsprogramm könnten Private übernehmen: «17 Radiosender oder 108 Facebook-Seiten braucht es kaum.» Gleichzeitig wäre die SRG aber freier im Bereich der Werbung und hätte die Möglichkeit, neue Einnahmen zu generieren. Heute darf die SRG etwa im Radio oder Internet keine Werbung schalten. Auch Billag-Gegner Silvan Amberg sagt, dass die SRG zusätzliche Werbeeinnahmen erschliessen könnte: zum Beispiel mit innovativen Werbeformaten, Sponsoring von Sendungen, strategischen Partnerschaften mit Firmen oder Vermarktung von Events oder Product Placement.

«Eine reine Werbefinanzierung ist nicht realistisch, zumal bereits heute die Einnahmen aus der Fernsehwerbung rückläufig sind», kontert SRG-Sprecher Edi Estermann. Hinzu komme, dass ohne Sendegebühren Angebot und Reichweite stark zurückgehen würden – somit wäre die SRG auch für Werbekunden weniger interessant. Diego Yanez, Ex-Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und Mitglied des Komitees «Nein zum Sendeschluss», ergänzt, dass die SRG im Internet kaum Geld erwirtschaften könnte: «Der überwiegende Teil der Werbung im Digitalen fliesst zu den grossen US-Konzernen Google, Facebook und Co. In der Schweiz bleiben die Brosamen.» Und das Sponsoring-Volumen ist in der Schweiz viel zu klein.

2. Pay-TV

Statt eine «Zwangsgebühr» zu entrichten, könnten Konsumenten Abonnements für verschiedene Angebote der SRG lösen. Billag-Gegner Amberg kann sich verschiedene Modelle vorstellen: ein Komplettpaket oder auch nur ein spezifisches Abo für Informationssendungen oder Sport. «Auch der Kauf einzelner Sendungen ist eine Option – die «Tagesschau» gäbe es dann beispielsweise für einen kleinen Betrag. Auch SVP-Nationalrat Gregor Rutz ist überzeugt, dass Leute bereit sind, für hochstehende Informationssendungen Geld auszugeben – bei Zeitungen funktioniere das Modell schliesslich auch immer noch. «Ich kann mir ein Abonnement der ‹Tagesschau› lebhaft vorstellen und würde es wohl auch lösen.»

Für Ex-SRF-Mann Diego Yanez ist das nicht realistisch: «In ganz Europa – wahrscheinlich in der ganzen Welt – gibt es keinen Sender, der Info-Sendungen im Pay-TV-Modell anbietet. Das hat einen guten Grund: Ein solches Angebot wäre viel zu teuer. Das gilt erst recht im kleinen Schweizer Markt.» Auch ein Sport-Paket, wie es SRF anbietet, finanziere sich nur gerade zu ungefähr 15 Prozent aus Werbung und Sponsoring. «Ein vergleichbares Paket im Pay-TV dürfte mehr als die heutige Billag-Gebühr kosten.» Auch die SRG hält fest, dass es im Informationsbereich heute keine funktionierenden Bezahlmodelle gibt. Mit einem Pay-per-view-Angebot würde der TV-und Radio-Konsum zudem deutlich teurer.

3. Private Gönner und Crowdfunding

Gemäss Rutz bedeutet ein Ja zu «No Billag» nicht, dass die SRG nur noch günstige Sendungen mit grosser Reichweite einkaufen könnte – etwa TV-Serien aus dem Ausland. «Ich bin überzeugt, dass sich auch für Programmteile, die sich auf dem freien Markt nicht finanzieren lassen, Lösungen finden liessen.» Denkbar sei eine Finanzierung von Sendungen über private Stiftungen, die sich für den Service public engagieren. Auch Amberg sieht in der privaten Finanzierung, beispielsweise über Crowdfunding, eine weitere Möglichkeit.

Laut den Initiativgegnern gefährdet eine private Finanzierung dagegen die journalistische Unabhängigkeit: «Ein Mäzen, der ein derart grosses Engagement eingehen würde, dürfte sein ‹Geschenk› an Bedingungen knüpfen. Dies ist mit dem Wert der Unabhängigkeit in keiner Art und Weise vereinbar», sagt Yanez. Und Crowdfunding eigne sich zum Anstossen von meist kleinen Projekten, nicht aber für eine dauerhafte Finanzierung.

4. Subventionen durch Kantone

Der Initiativtext verbietet es dem Bund, Radio- und Fernsehstationen zu subventionieren – laut den Initianten sind Subventionen durch Kantone oder Gemeinden grundsätzlich aber denkbar. «Es ist nicht in unserem Sinne, aber nicht verboten», sagt Amberg. Auch Rutz sagt, der Kanton Graubünden könnte etwa eine Info-Sendung wie «Telesguard» unterstützen.

Abenteuerlich findet die Idee SRG-Sprecher Estermann: «Die Förderung durch Kantone basierend auf einem Konkordat setzt die Zustimmung der entsprechenden Kantonsparlamente voraus. Der Zeitbedarf beträgt rund zwei bis vier Jahre.» Auch Yanez sagt: «Dann hätten wir tatsächlich einen Staatssender. Das will niemand. Wohl auch nicht die Initianten, die alles Heil vom Markt erwarten.»

«Die SRG würde deutlich kleiner»

Für Wirtschaftsprofessor Mark Schelker von der Universität Freiburg hinge es im Falle einer Annahme von «No Billag» stark von der neuen Strategie der SRG und den Reaktionen der anderen Sendern ab, wie sich die Werbeeinnahmen entwickeln würden. Aber: «Ein ähnliches Programm wie bisher liesse sich ohne staatliche Unterstützung nicht finanzieren. Die SRG würde deutlich kleiner.» Gerade bei Informationssendungen sei das Potenzial von Pay-TV beschränkt, da News einfach weitergegeben und damit kaum vermarktet werden können.

Für Schelker zielt die Diskussion um den Erhalt der SRG am eigentlichen Kern vorbei: «Es stellt sich die Frage, wie die Medienpolitik in Zukunft aussehen soll.» Er glaubt, dass es nicht ohne den Staat gehen wird. Die einseitige Subvention der SRG sei jedoch überholt. «Die Medienförderung muss alle Medien unterstützen, die Informationen bereitstellen – die Beiträge würden nach ihrer Veröffentlichung oder Ausstrahlung unterstützt.» Mehrere unabhängige Medienkommissionen würden beurteilen, ob ein Beitrag unterstützenswert sei. «Die Medienvielfalt würde grösser.»

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