Aktualisiert 12.08.2014 12:50

Wegen Lehrermangels

Laien-Lehrer kocht mit Schülern Alkoholsuppe

Lehrer, die nicht richtig schreiben können - oder den Schülern Alkohol servieren: Wegen des Lehrermangels werden in der Schweiz Hunderte unqualifizierte Laien-Lehrer angestellt.

von
Florian Meier
Ein Lehrer erklärt seinen Schülern an der Wandtafel den Stoff. Dass diese Tätigkeit von ausgebildeten Pädagogen ausgeübt wird, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Ein Lehrer erklärt seinen Schülern an der Wandtafel den Stoff. Dass diese Tätigkeit von ausgebildeten Pädagogen ausgeübt wird, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Weil an einer Schule keine ausgebildete Lehrperson gefunden wurde, stellt man kurzerhand einen Koch als Hauswirtschaftslehrer an. Doch statt mit seinen Schülern eine gesunde Gemüsebrühe zuzubereiten, köchelt er mit seinen Siebtklässlern eine alkoholhaltige Suppe.

Ein anderer Hauswirtschaftslehrer - ebenfalls ohne pädagogische Ausbildung - gestaltet mit seinen Schülern eine Menükarte. Sie ist übersät mit Rechtschreibfehlern.

«Leider sind das keine Einzelfälle. Wegen des Lehrermangels sehen sich immer mehr Schulen gezwungen, auf unqualifiziertes Personal zurückzugreifen», sagt Franziska Peterhans vom Schweizerischen Lehrerverband. Die Kantone müssten dringen sicherstellen, dass der Lehrernachwuchs gesichert ist.

In der Schweiz werden Hunderte unqualifizierte Laien als Lehrer eingestellt. Allein im Kanton Bern stehen momentan 348 Personen im Dienst, die nie pädagogisch ausgebildet wurden. «Es kommt beispielsweise vor, dass gelernte Schreiner angestellt werden, um Werken zu unterrichten», sagt Christoph Michel vom Lehrerverband des Kantons Bern. Eine methodisch-didaktische Ausbildung sei aber von grosser Wichtigkeit: «Es reicht einfach nicht, mit Holz und Säge professionell umzugehen.» Jeder Schüler habe ein Recht darauf, von einer gut ausgebildeten Lehrperson unterrichtet zu werden. «Wenn ich mein Auto reparieren lassen will, bringe ich es ja auch lieber zu einem gelernten Automechaniker.» Verschärfe sich das Problem weiter, erwarte er, dass der Kanton endlich etwas unternehme.

Auch im Kanton Aargau werden Schüler nicht immer von ausgebildeten Pädagogen unterrichtet. Die Präsidentin des Aargauer Lehrerverbands, Elisabeth Abbassi, kennt laut Radio SRF Fälle von Personen, die als höchste Qualifikation eine Ausbildung als Pfadi-Leiter vorzuweisen hätten. Auch gebe es Chemiker, die Chemie unterrichten würden, ohne eine Lehrerausbildung zu haben. Das Aargauer Bildungsdepartement würde den Lehrermangel nicht ernst genug nehmen.

Kantone verteidigen sich

Der zuständige Aargauer Regierungsrat Alex Hürzeler verteidigt sich: «Die Aargauer Schulen sind klar dazu verpflichtet, qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer anzustellen.» Bis jetzt sei ihm nicht bekannt, dass es diesbezüglich zu einer negativen Entwicklung gekommen sei.

Auch der Kanton Bern wehrt sich: «Für bestimmte Teilpensen ist es oft schwierig, ausgebildete Lehrkräfte zu finden», sagt Martin Werder von der Erziehungsdirektion des Kantons Bern. Aus diesem Grund seien viele Schulen froh, wenn sie für Fächer wie Musik, Fremdsprachen und Gestalten Fachkräfte anstellen können, die keine Lehrer-Ausbildung haben. Ausserdem seien von den rund 12'700 Lehrpersonen, die im Kanton Bern unterrichten, nur etwa 2,7 Prozent ohne pädagogische Ausbildung.

«Lehrerberuf wird wieder attraktiver»

Dass nicht überall in der Schweiz vermehrt Lehrkräfte ohne entsprechende Qualifikationen eingestellt werden, zeigt der Kanton St. Gallen. «Bei uns ist dieses Problem eher rückläufig», sagt Hansjörg Bauer, Präsident vom Lehrerverband St. Gallen. Dies habe zwei Gründe. Einerseits befinde sich der Kanton nahe der Grenzen zu Deutschland und Österreich. So könne im Notfall auf Fachkräfte aus dem Ausland zurückgegriffen werden. «Andererseits können wir beobachten, dass der Lehrerberuf bei uns wieder beliebter wird.» Das könne damit begründet werden, dass Jugendliche gemerkt hätten, dass sie mit einem PH-Abschluss aufgrund des Lehrermangels mit grosser Wahrscheinlichkeit einen Job finden werden.

Nachgefragt bei PH-Rektor Bircher

Herr Bircher*, was halten Sie davon, dass zunehmend Laien als Lehrer arbeiten?

Vor allem in den unteren Klassen reicht Fachwissen alleine nicht aus. Damit die Schüler auf die Anforderungen der höheren Stufen vorbereitet werden können, muss eine Lehrperson genau wissen, wie ein Kind lernt.

Warum ist dies vor allem in den unteren Klassen wichtig?

Die Schüler haben sehr unterschiedliche Niveaus, wenn sie in die Schule kommen. Während die einen bereits schreiben können, haben die anderen noch Mühe mit der deutschen Sprache. Um auf derart unterschiedliche Bedürfnisse eingehen zu können, braucht es eine Lehrerausbildung.

Ist der Lehrerberuf also gar nichts für Quereinsteiger?

Doch. Wenn Fachpersonen ihr Wissen aus der Berufspraxis weitergeben können, ist das gut. Sie brauchen aber trotzdem eine fundierte pädagogische Ausbildung. Deshalb gibt es bei uns ein spezielles Programm für Quereinsteiger.

*Walter Bircher ist Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich

(flm)

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