Lehrermangel: Laien-Lehrer treiben Schüler in den Heimunterricht

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LehrermangelLaien-Lehrer treiben Schüler in den Heimunterricht

Homeschooling nimmt zu - auch weil in der Personalnot vermehrt Lehrkräfte ohne Diplom unterrichten. Das verunsichere die Eltern, sagen Elternverbände.

von
Claudia Blumer
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Mutter unterrichtet ihr Kind zuhause: Mehrere Kantone registrieren eine deutliche Zunahme von Homeschooling für das Schuljahr 2022/2023.

Mutter unterrichtet ihr Kind zuhause: Mehrere Kantone registrieren eine deutliche Zunahme von Homeschooling für das Schuljahr 2022/2023.

So etwa die Kantone Zürich, Aargau und Luzern.

So etwa die Kantone Zürich, Aargau und Luzern.

Tamedia
«Das Problem ist, dass jetzt mit dem Notfallszenario, in dem auch Laien unterrichten dürfen, ein ungünstiges Signal ausgesandt wird: Jeder und jede kann unterrichten!», sagt Gabriela Kohler von den Elterngremien im Kanton Zürich.

«Das Problem ist, dass jetzt mit dem Notfallszenario, in dem auch Laien unterrichten dürfen, ein ungünstiges Signal ausgesandt wird: Jeder und jede kann unterrichten!», sagt Gabriela Kohler von den Elterngremien im Kanton Zürich.

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Darum gehts

Homeschooling ist im Trend (siehe Box). Doch mit dem jetzt beginnenden Schuljahr 2022/2023 steigt die Zahl der Kinder, die der Volksschule fernbleiben und zuhause unterrichtet werden, nochmals deutlich an.

So zählt der Zürcher Volksschulamt 789 Schülerinnen und Schüler, die ab August 2022 privat unterrichtet werden. Die Zahl ist noch nicht definitiv, die Anmeldefrist läuft am 22. August ab. Zum Vergleich: Im Herbst 2019 waren es 248 Schüler. Ähnlich sprunghaft ist der Anstieg im Kanton Aargau: Von 287 im Schuljahr 2018/2019 auf 606 im jetzt beginnenden Herbst. Im Kanton Luzern ist die Zahl der Homeschooling-Kinder von 110 auf 150 gestiegen, wie die NZZ am Sonntag berichtet. Schon während der Corona-Pandemie stieg die Zahl der Kinder mit Heimunterricht, aber nicht so fest wie jetzt.

«Signal: Jeder kann unterrichten»

Diese Zunahme habe auch mit dem Lehrermangel und dem Beizug von Laien-Personal zu tun, sagen Vertreter von Elternverbänden. «Zuerst die Pandemie, dann die Folgen des Ukraine-Kriegs, und jetzt kommen noch die Laien-Lehrpersonen dazu», sagt Gabriela Kohler, Präsidentin des Verbands der Elterngremien im Kanton Zürich. «Das Problem ist, dass jetzt mit dem Notfallszenario, in dem auch Laien unterrichten dürfen, ein ungünstiges Signal ausgesandt wird: Jeder und jede kann unterrichten!» Da sage sich wohl die eine oder andere Familie, dass sie es dann gleich selber machen kann. 

Verstehst du, dass Laien-Lehrer die Eltern abschrecken?

Auch wenn viele Homeschooling-Eltern selber auch kein Diplom besitzen: «Es gibt schon einen Unterschied zwischen Laien, die das Kind kennen, und Laien, die es nicht kennen», sagt Kohler. Zudem gebe es auch vermehrt befristete Stellvertretungen, Studierende, die ihr Diplom noch nicht erlangt haben, sowie pensionierte Lehrpersonen, die einspringen. Vereinzelt würden auch Klassen aufgelöst werden müssen.

Eltern machten sich etwa Sorgen, ob mit Laien die individuelle Förderung noch gewährleistet ist und ob sie selber wieder vermehrt als Hilfslehrer einspringen müssen, weil der Schulstoff zuhause nachgeholt werden muss. Man müsse jetzt aber abwarten und dem neuen Modell eine Chance geben, sagt Gabriela Kohler. «In den Herbstferien wissen wir mehr.»

«Volksschule erfüllt Ansprüche nicht»

«Dass an der staatlichen Volksschule nun auch nicht qualifiziertes Personal die Schülerinnen und Schüler unterrichtet, löst bei uns grosse Irritation aus», sagt Fredi Jaberg vom Verein Elternlobby Schweiz. Nicht, dass die Qualität des Unterrichts zwingend vom Diplom abhänge. Doch es bestünden extrem hohe Anforderungen an Privatschulen und den Heimunterricht - «doch die öffentliche Volksschule erfüllt diese Ansprüche offenbar selber nicht im Geringsten». Diese Ungleichbehandlung sei eklatant und eine Form von Willkür, die verboten sei.

Das Misstrauen gegenüber der Volksschule nehme zu, sagt Fredi Jaberg. Er spricht von einer unheilvollen Entwicklung. Eltern fühlten sich immer ohnmächtiger, Schulen und Lehrpersonen versteckten sich hinter Verordnungen und deckten ein mangelhaftes System. «Laien-Lehrkräfte brauchen intensive Begleitung, bis sie eingearbeitet sind. Doch die qualifizierten Lehrpersonen, die ich kenne, haben dafür keine Ressourcen.»

Zwar setze sich die Elternlobby für Wahlfreiheit beim Bildungsmodell ein - doch die staatliche Volksschule sei für den Verein enorm wichtig, sagt Fredi Jaberg. «Wir bedauern es sehr, dass die Volksschule in solchen Schwierigkeiten steckt. Sie ist ein elementares Instrument der schweizerischen Bildungslandschaft.»

Verantwortung der Eltern

Die steigende Homeschooling-Quote hat auch ihre Schattenseiten, wie Dagmar Rösler, Präsidentin des Schweizer Lehrerinnen- und Lehrerverbands sagt: «Die Eltern müssen sich bewusst sein, dass sie den Kindern damit Erlebnisse in der Klasse und das gemeinsame Lernen in der Peer-Gruppe vorenthalten. Doch der Entscheid und die Verantwortung dafür liegt bei den Eltern.»

Rösler sagte vor wenigen Tagen an einer Medienkonferenz, der Lehrerverband mache sich grosse Sorgen, weil die Bildungsqualität in Gefahr sei, und dass sie als Mutter nicht mehr ruhig schlafen könnte, wenn ihr Kind von einer nicht genügend qualifizierten Lehrperson unterrichtet würde. «Die Qualität des Unterrichts ist jetzt noch immer gewährleistet, weil ganz viele Lehrpersonen die Stellung halten und alles daran setzen, den Unterricht und die Kontinuität für die Schülerinnen und Schüler aufrechtzuerhalten.» 

Gut 3000 Kinder werden zuhause unterrichtet

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