Lambiel: «Das wäre nicht ich»

Aktualisiert

Lambiel: «Das wäre nicht ich»

Der zweifache Weltmeister Stéphane Lambiel legt eine Wettkampfpause ein. Deshalb wird der 21-jährige Unterwalliser in der nächsten Woche nicht an den Europameisterschaften in Warschau teilnehmen.

«Der Entscheid ist nicht von einem Tag auf den anderen gefallen», sagte Lambiel. Bereits seit dem Ende der vergangenen Saison fehle ihm das innere Feuer. Im Training habe er gedacht, dass dies nur eine Periode sei. «Der Zustand hielt jedoch an.» Deshalb rang sich der Olympia-Zweite am Dienstag zu diesem Entschluss durch. «Es war nicht einfach, dies zu akzeptieren. Ich wollte kämpfen, habe alles unternommen. Aber innerlich war ich nicht zufrieden», fügte Lambiel an. Die Erleichterung war ihm anzusehen.

Dass er den Entscheid so lange hinausgezögert hat, lag auch an seiner neuen Flamenco-Kür, die er an den nationalen Meisterschaften im vergangenen Dezember in Genf zum bisher einzigen Mal präsentierte. Für das neue Meisterwerk investierte er sehr viel Zeit; unter anderem reiste er zu seinem Flamenco-Lehrer Antonio Najarro nach Madrid.

«Das wäre nicht ich»

Der Grund für Lambiels EM-Forfait könnte seinen Charakter nicht besser widerspiegeln. Denn er befindet sich derzeit in besserer Form als vor den kontinentalen Titelkämpfen im vergangenen Jahr in Lyon, als er hinter dem überlegenen russischen Olympiasieger Jewgeni Pluschenko die Silbermedaille gewann. Am vergangenen Freitag stand er im Training regelmässig seinen Problemsprung, den dreifachen Axel.

Für Lambiel ist die Sportart jedoch mehr als die Aneinanderreihung der geforderten Elemente, für ihn ist sie im wahrsten Sinne des Wortes Kunst. Er will die Zuschauer mit seiner Leidenschaft in den Bann ziehen. Derzeit fühlt er sich dazu jedoch nicht im Stande, sodass er die Konsequenzen daraus gezogen hat. «Die Emotionen bringen mich in einem Wettkampf in eine andere Welt», erklärte Lambiel. Er bräuche sie, um seine Leistung abrufen zu können. «Es bringt keinen Spass, wenn nur der Körper auf dem Eis ist. Das wäre nicht ich.»

Nichts Aussergewöhnliches

Was Lambiel derzeit durchmacht, ist nichts Aussergewöhnliches. Viele Sportler fallen nach Olympischen Spielen in ein Motivationsloch. Beim Schützling von Peter Grütter ist dies umso verständlicher, als er seit 2001 in jedem Jahr jeweils an einer EM und WM teilnahm. «Mein Entscheid ist das Resultat von allen Saisons. Ich muss nun erstmals alles verdauen, um weiter zu gehen. Du kannst keinen Hunger haben, wenn der Bauch voll ist», umschrieb er seine Gemütslage. Dadurch, dass er so erfolgreich sei, realisiere er gar nicht mehr, wie schön er es eigentlich habe. Er müsse es jetzt geniessen. Aus diesem Grund brauche er Zeit für sich.

Was er konkret machen möchte, darauf konnte Lambiel noch keine Antwort geben. «Ich bin erst 21, habe noch viele Sachen zu entdecken», erklärte der siebenfache Schweizer Meister. Er sei nicht mehr der kleine Prinz. Er wolle neue Erfahrungen in verschiedenen Bereichen machen, einen neuen Horizont erreichen. Als mögliche Optionen gab er Theater oder Tanzen an. Auch wieder zu studieren, kann er sich vorstellen.

Trotz seiner Wettkampfpause wird Lambiel normal weiter trainieren. Und seine Auftritte Anfang Februar bei Art on Ice in Zürich und Lausanne sowie bei der Eisgala in Davos nimmt er wie geplant wahr. «Ich habe nach wie vor Spass auf dem Eis», führte der in Lausanne wohnhafte Walliser aus. Auch die Titelverteidigung an den Weltmeisterschaften vom 19. bis 25. März in Tokio hat er noch nicht abgeschrieben.

Um sich weiter zu entwickeln, müsse man manchmal einen Schritt rückwärts machen, so Lambiel. Vielleicht animiere ihn die Pause zu etwas Neuem. «Ich bin sicher, dass der Hunger wieder kommt, was mein Ziel ist. Und wenn nicht, muss ich das akzeptieren.» Insofern schloss Lambiel auch den Rücktritt nicht vollkommen aus, was zum jetzigen Zeitpunkt verständlich ist.

Pfeifhofer ersetzt Lambiel

Moris Pfeifhofer, Bronzemedaillen-Gewinner an den Schweizer Meisterschaften im vergangenen Dezember in Genf, wird als Ersatz für Lambiel an die Europameisterschaften von nächster Woche in Warschau reisen. Der 18-jährige Zürcher nimmt erstmals an kontinentalen Titelkämpfen teil. Im vergangenen Jahr belegte er an den Junioren-WM Rang 14. Neben Pfeifhofer wird Jamal Othman in der Männer-Konkurrenz starten. (si)

Pluschenko entging schwerem Unglück

Olympiasieger Jewgeni Pluschenko ist auf dem Weg zu Werbeaufnahmen auf Sri Lanka nur knapp einem schweren Unglück entronnen. Der Jeep des dreifachen Weltmeisters aus Russland kam nur dank einer Notbremsung wenige Meter vor einem tonnenschweren Felsbrocken zum Stehen. Das heruntergefallene Gestein hatte wenige Sekunden vorher einen Bus zermalmt und sechs Menschen in den Tod gerissen.

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