Albumkritik: Lana Del Rey ist sogar in den Flitterwochen traurig
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AlbumkritikLana Del Rey ist sogar in den Flitterwochen traurig

«Ich will nur high am Strand liegen», so das Motto von Lana Del Reys neuem Album «Honeymoon»: Elizabeth Grant ist immer noch nicht glücklich.

von
Neil Werndli

Lana Del Rey ist ein «guilty pleasure» – also jene Sorte Musik, die viele eher heimlich hören. Elizabeth Grant, wie Lana Del Rey richtig heisst, macht so kitschige Songs, dass man sich fast schämen könnte. Wer will schon ein Jammerlappen sein? Und trotzdem ist die Melancholie von Hits wie «Sommertime Sadness» faszinierend.

Pünktlich zum Ende des Sommers, wenn der Herbst-Blues langsam einsetzt, erscheint «Honeymoon» (Dt.: Flitterwochen), das dritte Album von Lana Del Rey. Sogar in den Flitterwochen ist bei der 30-Jährigen alles düster und am liebsten würde sie sowieso nur am Strand liegen und sich zudröhnen, um die Welt um sich herum zu vergessen, wie die Single «High by the Beach» andeutet.

Mit Schmollmund durch Hollywood

Ganz im Widerspruch zur depressiven Atmosphäre, ist das Cover von «Honeymoon» in warmen Farben gehalten. Grant sitzt in einem Auto für eine Hollywood-Tour und zeigt der Traumfabrik ihren Schmollmund.

Der Titeltrack, mit dem Lana Del Rey ihr drittes Album eröffnet, ist vertonte Enttäuschung: Was, wenn man sich über Jahre auf das Glück einer festen Partnerschaft gefreut hat und dann in den Flitterwochen merkt, dass eine Hochzeit kein Allheilmittel ist? «Alles, was du tust, ist nur flüchtig», schmachtet Grant, «sag, dass du mich auch willst.» Aber auch auf der Metaebene ist der Einstieg eine Enttäuschung: «Honeymoon» startet mit einem eher schwachen Barock-Pop-Track. Sobald die sechs Minuten durchgehalten sind, nimmt das Album aber an Fahrt auf.

Es lässt sich schon hier erkennen, in welche Richtung Lana Del Rey will: War der Vorgänger «Ultraviolence» mit seinen kantigen Sounds und Rockelementen noch experimenteller, besinnen sich Grant und ihr Produzent Rick Nowels auf das Konzept des Debüts: Cineastische Streicher in Kombination mit Hip-Hop-Beats, viel Hall und eine Stimme, die klingt wie sieben Tage Regenwetter.

An den falschen Orten nach Liebe suchen

Der zweite Song «Music to Watch Boys to» hat dann bereits wieder Hitpotenzial. Über einen dumpfen Beat, mit Flöten angereichert, singt Grant von ihrer Faszination für pink Flamingos, vergleicht Liebe mit Limonade und stellt fest, dass sogar Gold vergänglich ist. Für solche Songs liebt man Lana Del Rey.

Die schönsten Perlen finden sich aber in der zweiten Hälfte des Albums. «Art Deco» etwa wäre ein genialer James-Bond-Song. Im grossartigen «The Blackest Day» (mit Jazz-Bläsern und David-Bowie-Referenzen) wird die Zeit nach einer Trennung als ein einziger finsterer Tag beschrieben. Sie suche immer noch an den falschen Orten nach Liebe, gibt Grant zu. Das mag plump klingen und trotzdem – wer sich nicht mit solchen Zeilen identifzieren kann, war einfach noch nie unglücklich verliebt.

Die Freiheit einer Melancholikerin

Lana Del Reys Style ist im aktuellen Popgeschehen eigentlich völlig fehl am Platz. Und genau das macht sie so spannend. Während die Taylor Swifts und Ariana Grandes dieser Welt in einem Club feiern, hat man sie nicht reingelassen, weil sie nicht hübsch genug lächelt. Dafür hat sie aber die Freiheit, niederschmetternde Perlen wie «Freak» zu schreiben. «Wir können auch zu Rockmusik langsam tanzen», heisst es darin.

Abgesehen von einigen Schwächen («Terrence Loves You») kann «Honeymoon» locker mit seinen Vorgängern mithalten. Es wäre sogar legitim zu behaupten, Grant setzt hier ihre Vision für die Kunstfigur Lana Del Rey am konsequentesten um. «Guilty pleasure»? Mag sein – aber man darf ruhig zugeben, wenn man bei Lana Del Rey Gänsehaut bekommt.

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