Islam: «Landeskirche wäre eine Chance für uns Muslime»
Aktualisiert

Islam«Landeskirche wäre eine Chance für uns Muslime»

Die Zustimmung für eine anerkannte muslimische Landeskirche ist überwältigend. Die Muslime erhoffen sich so in der Gesellschaft mehr Akzeptanz.

von
Ph. Flück
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Auf der Facebookseite «Du bisch Albaner, wenn ...» wurde dazu aufgerufen, möglichst oft abzustimmen. (Bild: Facebook)

Auf der Facebookseite «Du bisch Albaner, wenn ...» wurde dazu aufgerufen, möglichst oft abzustimmen. (Bild: Facebook)

Kadir T.:«In der Schweiz leben alle Religionen friedlich miteinander.»

Kadir T.:«In der Schweiz leben alle Religionen friedlich miteinander.»

Arta C.:«Die Anerkennung des Islam wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.»

Arta C.:«Die Anerkennung des Islam wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.»

Der Vorschlag, den Islam in der Schweiz als Landeskirche zu anerkennen, hat hohe Wellen geschlagen: Der Artikel wurde über 840'000-mal gelesen (Stand: Dienstagabend) und unzählige Leute schrieben an die Redaktion, um ihre Meinung kundzutun. Im Fokus stand auch unsere nicht repräsentative Kurzumfrage, in der wir von den Lesern wissen wollten, ob der Islam ihrer Meinung nach offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt werden soll.

So wurde etwa auf der Facebookseite «Du bisch Albaner, wenn …» dazu aufgerufen, an der Umfrage teilzunehmen – und zwar mit so vielen Geräten wie möglich. Die Folge: Nachdem sich zuerst eine Mehrheit gegen eine Anerkennung des Islams ausgesprochen hatte, gewannen die Befürworter mit der Zeit klar die Oberhand. Bis Montagabend nahmen knapp 200'000 Personen an der Umfrage teil. Es scheint klar: Das Thema hat bei den Schweizer Muslimen einen Nerv getroffen. Im Gespräch mit 20 Minuten erklärten einige von ihnen, weshalb.

Wichtig für die Integration

Bisher hätten in der Schweiz alle Religionen friedlich miteinander gelebt, sagt uns Kadir T. (20), deshalb sei nun die Zeit gekommen, auch den Islam als öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaft zu akzeptieren. «Obwohl ich Schweizer bin, werde ich zum Teil immer noch mit anderen Augen angeschaut, wenn ich mich als Muslim oute.» Dies wäre sicher anders, würde die Schweiz den Islam als Landeskirche anerkennen.

In die gleiche Kerbe schlägt Arta C. (21): «Viele Muslime haben aufgrund ihrer Religion Mühe, vollständig akzeptiert zu werden.» Würde aber der Islam als Landeskirche gelten, hätten viele Jugendliche mit Migrationshintergrund bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft würden Schweizer Muslime aufgrund ihrer Religion nicht als Schweizer gesehen, obwohl sie den Schweizerpass hätten. «Die Anerkennung des Islams wäre ein grosser Schritt in die richtige Richtung.»

Würde die Schweiz den Islam als Landeskirche anerkennen, könnten auch Imame in der Schweiz ausgebildet werden. Für Leser Sadat B. (30) ist dies entscheidend. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Imame die Schweizer Kultur und die Mentalität unseres Landes verstehen. Damit werde auch die Integration der Muslime in der Schweiz erleichtert. Die Gegner befürchten im Gegensatz dazu, dass eine Anerkennung des Islams die Ausbildung einer Parallelgesellschaft bewirken würde.

«Integration ist keine Einbahnstrasse»

Die Basler Koordinatorin für Religionsfragen, Lilo Roost Vischer, findet, dass die rechtliche Anerkennung von muslimischen Institutionen eine gute Integrationsmassnahme sein könnte. Es müssten aber von beiden Seiten aktive Arbeit geleistet, Diskussionen geführt und Begegnungen ermöglicht werden. «Integration ist eben keine Einbahnstrasse.» Unter diesen Voraussetzungen drohe auch keine Parallelgesellschaft zu entstehen.

Roost Vischer betont jedoch: «Grundsätzlich kann nicht eine ganze Religion, sondern nur eine einzelne religiöse Institution – also beispielsweise ein Moscheeverein oder ein Dachverband – öffentlich anerkannt werden.» Sie verweist zudem darauf, dass das Anerkennungsverfahren nicht auf nationaler, sondern auf kantonaler Ebene stattfindet.

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