Landesmutter mit Hang zu spektakulären Auftritten
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Landesmutter mit Hang zu spektakulären Auftritten

Der Rüffel, den sie zwei Tage vor ihrer Wahl von einem parlamentarischen Aufsichtsgremium erhielt, ist symptomatisch: Micheline Calmy-Rey hat seit dem Einzug in den Bundesrat immer wieder Kritik einstecken müssen. Im Volk ist die neue Bundespräsidentin aber eines der beliebtesten Regierungsmitglieder.

Die 61-jährige Aussenministerin ist erst die zweite Frau in der Geschichte des Bundesstaats, die das Amt der Präsidentin bekleidet. 1999 war diese Ehre erstmals Ruth Dreifuss zugekommen. Die anderen beiden Bundesrätinnen, Elisabeth Kopp und Ruth Metzler-Arnold, mussten beide ihre Karriere im Bundesrat als Vizepräsidentinnen abbrechen.

Der Genfer Sozialistin mit Walliser Wurzeln ging der Ruf der «eisernen Lady» voraus, als sie am 4. Dezember 2002 im fünften Wahlgang von der Vereinigten Bundesversammlung als Nachfolgerin von Dreifuss in die Regierung gewählt wurde. Eine Woche später fiel der Amtsjüngsten bei der Departementsverteilung eher überraschend das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) zu. Ausgelöst hatte dies der «echte» Walliser im Bundesrat, Pascal Couchepin, den es vom Wirtschaftsressort in das durch den Rücktritt von Dreifuss frei werdende Departement des Innern zog. Der Ökonomieprofessor Joseph Deiss packte zu und wechselte ins Volkswirtschaftsdepartement, so dass Calmy-Rey das Aussenministerium blieb.

Mit Couchepin bekam es die ehrgeizige EDA-Chefin bald auch im Bundesrat zu tun. Nach einem halben Jahr tat der FDP-Politiker öffentlich kund, das Gremium habe sich mit der Integration der neuen Kollegin etwas schwer getan. Mit dem Stil der Aussenministerin und der von ihr propagierten öffentlichen Diplomatie hatten aber auch andere Mühe. Seien es ihre kaum kaschierte Kritik an der Irak-Politik der USA, das Überschreiten der Demarkationslinie in Korea, die Blitzbesuche in Darfur und im Tsunami-Katastrophengebiet oder die jüngsten Stellungnahmen zum Krieg im Libanon: Ein Schuss Provokation ist fast immer dabei.

Ihre grössten Erfolge verbuchte die Aussenministerin in der Europa-Politik. In frischer Erinnerung ist ihr unermüdlicher Einsatz für die Kohäsionsmilliarde. Lob hatte die Sozialdemokratin bei den Verhandlungen mit der EU für die Verteidigung des Bankgeheimnisses auch von Bankenseite erhalten. Und im aktuellen Steuerstreit mit Brüssel unterscheidet sie sich kaum von der harten Haltung ihrer bürgerlichen Regierungskollegen. In der Asyl- und Ausländerpolitik hat sie sich hingegen deutlich von der Politik distanziert, die Christoph Blocher im Bundesrat durchsetzte. Für dessen Partei, die SVP, ist die weltoffene Westschweizerin ohnehin ein rotes Tuch.

Aus Genf begleitete der Übername «Cruella» die Bundesrätin nach Bern. Fordernd, hart und manchmal gar verletzend soll ihr Umgang mit den Mitarbeitenden sein. Dazu kontrastiert das öffentliche Bild der stets breit lachenden, mitfühlenden und auf die Anliegen der Mitmenschen eingehenden Politikerin. In der Beliebtheitsskala schneidet sie regelmässig auf Spitzenplätzen ab.

Calmy-Rey ist am 8. Juli 1945 geboren und stammt aus der Unterwalliser Ortschaft Chermignon. Sie studierte in Genf Politikwissenschaften und leitete zusammen mit ihrem Mann einen Buchvertrieb, bevor sie in die Politik einstieg. Am 16. November 1997 wurde Calmy-Rey in die Genfer Kantonsregierung gewählt. Als Finanzdirektorin brachte sie den schwer defizitären Staatshaushalt ins Lot. Calmy-Rey ist zweifache Mutter und mehrfache Grossmutter. (dapd)

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