«Dritte Wachstumsphase»: Landet YB in den Händen eines Ölscheichs?
Aktualisiert

«Dritte Wachstumsphase»Landet YB in den Händen eines Ölscheichs?

Ilja Kaenzig ist der neue starke Mann bei den Berner Young Boys. Seine Aufgabe: YB muss wachsen – wie das geschehen soll, ist unklar.

von
Herbie Egli
Ilja Kaenzig. Der neue, starke Mann bei YB. (Bild: Keystone)

Ilja Kaenzig. Der neue, starke Mann bei YB. (Bild: Keystone)

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: YB-CEO Stefan Niedermaier muss den Sessel nach fünf Jahren räumen und Ilja Kaenzig Platz machen. Jenem Mann, der als Fussball-Manager in der deutschen Bundesliga keine grossen Stricke zerrissen hat. Kaenzigs Aufgabe bei den Bernern ist nicht einfach. Der 37-Jährige soll den Verein auf europäisches Top-Niveau bringen und aus dem Stadion ein Tollhaus machen.

Kaenzig studierte in Lausanne Betriebswirtschaft. Mit einer selbst entwickelten Spielerkartei «bewarb» er sich 1994 beim damaligen GC-Sportchef Erich Vogel. Dieser fand Gefallen an Kaenzig sowie seinem System und der Neueinsteiger war bei den Zürchern drei Jahre für Transfers verantwortlich. 1998 zog es den gebürtigen Luzerner in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen. Zuerst amtete Kaenzig als Chef der Nachwuchsabteilung, danach als Koordinator Gesamtfussball. Von 2002 bis 2004 war der Schützling von Reiner Calmund Manager. In dieser Funktion zog Kaenzig weiter zu Hannover, wo sich die Wege 2006 wegen Unstimmigkeiten trennten.

«Kein Verein soll sich verkaufen»

Dank seiner Bundesliga-Vergangenheit pflegt Kaenzig sehr gute Kontakte zu bekannten Persönlichkeiten, Lobbygruppen und Industriellen. Einen Investor ins Boot zu holen wird auch das Ziel des neuen, starken Mannes bei YB sein. Denn ohne neue Geldquellen sind keine Toptransfers möglich, um den angepeilten europäischen Spitzenfussball bieten zu können. Und schliesslich wollen die Berner endlich weg vom Image des «Vize-YB» und Titel gewinnen.

Dass ein Schweizer Team europäischen Spitzenfussball zelebriert, ist eher unrealistisch. Dafür bräuchte es ein Budget von rund 150 Millionen Franken. Dieses hat bei weitem nicht einmal der Schweizer Liga-Krösus Basel, obwohl der europäisch ordentlich mitspielt. YB müsste also schon fast einen Ölscheich als Investor finden, um grosse Stars nach Bern zu locken.

Doch viele europäische Spitzenklubs haben mit Übernahmen aus dem Ausland schlechte Erfahrungen gemacht. Dabei gingen auch Sympathien der Fans verloren. Zu solchen Aktionen sagte Kaenzig in einem Interview mit «spox» vor zwei Jahren, «Kein Verein soll sich verkaufen und seine Tradition über Bord werfen. Aber es gibt nun mal etliche Vereine, die ohne externe Hilfe nie wieder aus ihrem Mittelmass herauskommen. Da können sie noch so viele Sponsoren finden und gute Spieler verpflichten, aber nach oben kommen sie nicht mehr, weil der Rückstand so gross geworden ist.»

Vermittler und Event-Manager

Den Investoren liegt bei einer Übernahme eines Vereins oft nicht viel am Fussball, sondern sie wollen ihr Geld vermehren. Genau solchen Leuten hilft Kaenzig. Der Manager ist Gründer und CEO der «Boutique Football». Mit dieser tritt er als Vermittler auf und führt interessierte Unternehmer mit Fussballvereinen zusammen. Ob Kaenzig im Hintergrund schon Gespräche mit einem allfälligen YB-Investor führte, ist nicht bekannt.

Die Berner Young Boys wollen neben dem sportlichen auch den wirtschaftlichen Bereich in die «dritte Wachstumsphase» führen. Das heisst, nicht nur der Fussball soll im Stade de Suisse auf Europa-Niveau angehoben werden, sondern auch die Anlässe im Stadion. Kaenzig wird in Bern den Titel eines «Delegierten des Verwaltungsrats» der Sport & Event Holding AG tragen. Diese AG ist Besitzerin des Stadions und des Fussballklubs.

Kaenzig wird im nächsten halben Jahr noch mit seinem Vorgänger Stefan Niedermaier zu tun haben. Der abgesetzte CEO amtet in dieser Zeit als Berater. Niedermaier führte das Stadion und YB in den letzten fünf Jahren sehr erfolgreich. Er verdoppelte zum Beispiel den Absatz der Saisonabos nahezu von 8500 auf über 15 000. Offenbar war Niedermaier für die neue Aufgabe nicht gut genug und wurde durch Kaenzig ersetzt. Ob die Fans diesen «Transfer» goutieren, wird sich zeigen.

YB-Fans sorgen sich

Nach der Freistellung von Geschäftsführer Stefan Niedermaier sorgen sich die Fans der Berner Young Boys um ihren Klub. Das kommt in einem Communiqué der Fanorganisationen gäubschwarzsüchtig und Ostkurve Bern zum Ausdruck.

Niedermaier habe die Fans in den letzten Jahren stets mit Respekt behandelt und ihre Anliegen ernst genommen, heisst es in der Stellungnahme vom Dienstag. So seien im gemeinsamen Dialog die Einführung von Stehplätzen und der Aufbau der Fanarbeit in Bern möglich geworden.

Dass die Investoren des Klubs Niedermaier am Montag vor die Türe stellten und durch den auswärtigen Sportmanager Ilja Kaenzig ersetzten, hinterlässt bei den Fans «einen bitteren Nachgeschmack». So sei der Zeitpunkt der Rochade - kurz vor den entscheidenden Spielen um den Einzug in die Champions League - denkbar ungünstig.

Vor allem aber zeuge der jüngste Entscheid wie zuvor die Freistellungen der Trainer Gernot Rohr und Martin Andermatt nicht gerade von strategischer Weitsicht. Keiner dieser Entscheide habe nachhaltigen Erfolg gebracht.

Bei den Entscheidungsträgern auf strategischer Ebene sei offenbar der nötige Fussballsachverstand «nicht vorhanden», schreiben die Fans. Sie befürchten, dass ihr Klub zu einem Spielzeug für reiche Leute umfunktioniert werden könnte und erinnern daran, dass der Fussball von Emotionen und Leidenschaft lebe.

«Für diese Traditionen und Werte werden wir uns weiterhin einsetzen», betonen die beiden Fanorganisationen und hoffen, «dass die neuen Verantwortlichen unsere Zweifel rasch widerlegen».

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