Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Diese Tiere zeigen, wie man Ansteckungen verhindert
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Gefahr erkannt, Gefahr gebanntDiese Tiere zeigen, wie man Ansteckungen verhindert

Seit gut einem Jahr ist Social Distancing angesagt. Doch nach wie vor fühlt es sich für die meisten Menschen unnatürlich an. Einige Lebewesen machen das von sich aus – mit Erfolg.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Die Aufforderung «Stay at home» – bleibe zuhause – hören wir seit gut einem Jahr immer wieder. Denn wer Social Distancing betreibt, trägt dazu bei, das Coronavirus Sars-CoV-2 an der weiteren Ausbreitung zu verhindern.

Die Aufforderung «Stay at home» – bleibe zuhause – hören wir seit gut einem Jahr immer wieder. Denn wer Social Distancing betreibt, trägt dazu bei, das Coronavirus Sars-CoV-2 an der weiteren Ausbreitung zu verhindern.

imago images/ZUMA Wire
Der Ansatz ist gut und wichtig, wie der Blick ins Tierreich zeigt, aber nie frei von Entbehrungen. Das berichten Forschende im Fachjournal «Science». (Im Bild: Gemeiner Vampir (Desmodus rotundus), eine der drei bekanntesten Vampirfledermausarten)

Der Ansatz ist gut und wichtig, wie der Blick ins Tierreich zeigt, aber nie frei von Entbehrungen. Das berichten Forschende im Fachjournal «Science». (Im Bild: Gemeiner Vampir (Desmodus rotundus), eine der drei bekanntesten Vampirfledermausarten)

Wikimedia Commons/Desmodus/CC BY-SA 3.0
Infiziert sich etwa eine Vampirfledermaus, zieht sie sich zurück – um ihre Artgenossen zu schützen und auch, um ihre Kräfte für die Genesung zu sammeln. Passives Social Distancing nennen das Fachleute. (Im Bild: Gemeiner Vampir (Desmodus rotundus), eine der drei bekanntesten Vampirfledermausarten)

Infiziert sich etwa eine Vampirfledermaus, zieht sie sich zurück – um ihre Artgenossen zu schützen und auch, um ihre Kräfte für die Genesung zu sammeln. Passives Social Distancing nennen das Fachleute. (Im Bild: Gemeiner Vampir (Desmodus rotundus), eine der drei bekanntesten Vampirfledermausarten)

Wikimedia Commons/Uwe Schmidt/CC BY-SA 4.0

Darum gehts

  • Gefährliche Erreger kommen auch im Tierreich vor, was bei eng zusammenlebenden Arten gefährlich werden kann.

  • Doch die Tiere haben Wege gefunden, weitere Ansteckungen zu verhindern: Social Distancing.

  • Damit sind sie äusserst erfolgreich, wie Forschende im Fachjournal «Science» schreiben.

So wenig Personen wie möglich treffen und wenn, dann nur mit Abstand oder Maske. Dazu werden wir seit rund einem Jahr angehalten. Doch was die meisten Personen nur widerwillig tun, betreiben andere Lebewesen ganz freiwillig – aber ebenfalls, um Krankheiten in Schach zu halten und Ansteckungen zu vermeiden. Das berichten Forschende um Sebastian Stockmaier von der University of Texas in Austin im Fachjournal «Science».

Das sechsköpfige Team hat in einer Übersichtsarbeit untersucht, wie einige als besonders sozial geltende Tierarten reagieren, wenn infektiöse Erreger auftauchen – um von diesen zu lernen, wie Biologin Dana Hawley von der Virginia Tech in einer Mitteilung sagt: «Der Blick auf Tiere kann uns etwas darüber sagen, was wir als Gesellschaft tun müssen, um es so zu gestalten, dass Individuen sich im Krankheitsfall so verhalten können, dass sie sowohl sich selbst als auch die Gesellschaft als Ganzes schützen.»

Natürliches Verhalten

Laut den Wissenschaftlerinnen und den Wissenschaftlern beherrschen Tiere etwas, mit dem wir uns schwer tun: Sie folgen ausnahmslos ihrem Instinkt. Der Mensch dagegen kann diesen unterdrücken, «weil wir unter Arbeits-, Lern- oder Sozialdruck stehen, was unsere Gemeinschaften und uns selbst in Gefahr bringt», so Sciencealert.com. So hat sich wahrscheinlich jeder schon einmal zu Schule oder Arbeit geschleppt, obwohl er sich lieber in seinem Bett verkrochen und damit ein, wie Hawley sagt, «passives Social Distancing» betrieben hätte.

Vampirfledermäuse

Anders als ihre Früchte- und Insekten-essenden Verwandten sind Vampirfledermäuse sehr sozial. Sie ernähren sich ausschliesslich von Blut. Da das nicht besonders nahrhaft und zudem meist schwer zu finden ist, bilden Vertreter dieser Fledertier-Art starke soziale Bindungen. Sie teilen ihre Nahrung miteinander und lecken sich gegenseitig das Fell. Ist jedoch eine von ihnen krank, zieht sich die Betroffene zurück und beteiligt sich weniger an der Gemeinschaftspflege.

«Passive soziale Distanzierung bei Vampirfledermäusen ist ein ‹Nebenprodukt› des Krankheitsverhaltens», erklärt Biologe Stockmeier. «Zum Beispiel könnten kranke Vampirfledermäuse lethargischer sein, damit sie Energie für eine kostspielige Immunantwort abzweigen können. Wir haben gesehen, dass diese Lethargie den Kontakt zu anderen reduziert und dass kranke Vampirfledermäuse sich weniger gegenseitig pflegen.» Ganz auf den sozialen Kontakt verzichten sie jedoch nicht. So teilen die anderen immer noch ihre Blutnahrung mit ihnen, bleiben ansonsten aber auf Abstand.

Ameisen

Aktives social distancing praktizieren dagegen viele Ameisenarten: Sie verlassen ihre Kolonien, wenn sie sich krank fühlen. In diesen Fällen wird die Selbstaufopferung des erkrankten Individuums als ein Akt des Gemeinwohls gesehen, um den Rest der Kolonie zu schützen.

Es gibt aber auch einige Arten, in denen die gesunden Tiere alles daran setzen, kranke Mitglieder aus der Gruppe auszuschliessen und den Kontakt mit ihnen ganz zu vermeiden. Verletzten Tieren eilen zumindest Vertreter der afrikanischen Matabele-Ameisen zu Hilfe: Sie verarzten ihre Kollegen.

Karibik-Languste

Bei den im Westatlantik, in der Karibik und im Golf von Mexiko heimischen Karibik-Langusten sind es die gesunden Tiere, welche die Gruppe verlassen, wenn eines der Mitglieder erkrankt. Dabei gehen sie ein grosses Risiko ein: Denn mit dem Entfernen aus ihren Unterschlüpfen, die sich zwischen oder unter Felsen und Riffen befinden, verlassen sie auch einen geschützten Raum und setzen sich so der Gefahr aus, im offenen Wasser gefressen zu werden. Das scheint es ihnen jedoch wert zu sein, um einem tödlichen Virus zu entgehen.

Bienen

Bienen sind eine weitere Gruppe von sozialen Insekten, deren Hauptziel es ist, alles für das Wohl ihrer Königin zu tun. Denn wenn die Königin krank wird, steht die Zukunft des Bienenvolkes auf dem Spiel. Denn sie ist es, die für Nachkommen sorgt. Wenn also infizierte Bienen im Bienenstock entdeckt werden, haben die gesunden Bienen keine andere Wahl, als die infizierten Bienen auszuschliessen: Sie werfen kranke Artgenossen einfach aus dem Bienenstock. Zimperlich, so die Forschenden, gehen sie dabei nicht vor.

Unklar ist nach wie vor, wie die Bienen erkennen, dass eine von ihnen erkrankt ist. Es ist möglich, dass sie durch ein verändertes Verhaltensmuster und eine veränderte Chemie der Körperoberfläche auffallen.

Mandrille

Die in Westafrika heimischen Primaten gelten als hochsozial. Sie riechen, wenn ein Gruppenmitglied erkrankt ist und lassen diesem keine oder zumindest weniger soziale Fellpflege zukommen als gesunden Tieren. Das sogenannte Grooming ist eigentlich von enormer Bedeutung für die Gruppenmitglieder, weil es Konflikte minimiert und das Wohlbefinden beider Grooming-Partner erhöht. Mandrille sind sich jedoch offenbar bewusst, dass die dabei entstehende körperliche Nähe das Risiko einer Übertragung von Krankheitserregern und verzichten temporär darauf. Fachleute bezeichnen das als «verhaltensgesteuerte Immunsystem».

Termiten

Termiten besitzen ein faszinierendes Talent: Bereits 15 Minuten, nachdem sie mit einem Erreger in Kontakt gekommen sind, senden sie Warnsignale aus, um ihre Artgenossen zu warnen. Etwa wenn sie mit Pilzsporen konfrontiert wurden: Einige Termitenarten beginnen dann zu vibrieren, um ihren Nestgenossen mitzuteilen, dass sie gemieden werden müssen. Alternativ rufen sie die anderen dazu auf, sie schnellstmöglich im Rahmen eines Massen-Groomings von den Sporen zu befreien. Zwar setzen sich die Herbeizitierten dabei ebenfalls den gefährlichen Sporen aus. Allerdings hilft es auch, die Infektion rasch zu bekämpfen, ohne dass sie beim betroffenen Tier grossen Schaden anrichten kann.

Der Mensch nicht allein

Der Blick aufs Tierreich zeigt laut den Forschenden, dass Selbstisolation, Vermeidung, Ausschluss und gruppenweite soziale Distanzierung das Ausmass der Ansteckung stark beeinflussen können. Frühzeitiges und schnelles Reagieren auf Infektionen sei der Schlüssel, um einen Ausbruch in den Griff zu bekommen – und um Mutation eines Erregers zu verhindern. Dafür müssen auch wir Menschen uns – besonders in Zeiten der Pandemie – um uns selbst und um andere kümmern, schlussfolgern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und das mit einem Verhalten, das heute zwingender ist als je zuvor: Der aktiven sozialen Distanzierung.

Wie bei uns Menschen müssen auch die Tiere dafür an anderer Stelle zurückstecken. Doch immerhin: Anders als sie haben wir Menschen Technologien wie Zoom entwickelt, um soziale Verbindungen und Brücken zu schaffen.

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