Neuer Staurekord: «Lastwagen könnten auch nachts fahren»
Publiziert

Neuer Staurekord«Lastwagen könnten auch nachts fahren»

Die Autobahnen sind überlastet wie nie. Politiker fordern Ausbauten, ein Experte spricht sich für teureres Autofahren aus.

von
Stefan Ehrbar
1 / 7
Im Jahr 2017 staute sich der Verkehr auf Schweizer Autobahnen so häufig wie nie. Während 25'853 Stunden standen die Autos, teilt das Bundesamt für Strassen (Astra) mit.

Im Jahr 2017 staute sich der Verkehr auf Schweizer Autobahnen so häufig wie nie. Während 25'853 Stunden standen die Autos, teilt das Bundesamt für Strassen (Astra) mit.

Keystone/Michael Buholzer
Erneut am häufigsten staute sich der Verkehr auf der Nordumfahrung Zürich–Winterthur. Dort standen die Autos während 6274 Stunden wegen Verkehrsüberlastung.

Erneut am häufigsten staute sich der Verkehr auf der Nordumfahrung Zürich–Winterthur. Dort standen die Autos während 6274 Stunden wegen Verkehrsüberlastung.

Keystone/Michael Buholzer
Ein starkes Wachstum von Staustunden verzeichnete das Astra auf der A1 zwischen Genf und Lausanne. Auf der Umfahrung Lausanne nahm die Zahl der Staustunden gegenüber dem Vorjahr um 180 zu.

Ein starkes Wachstum von Staustunden verzeichnete das Astra auf der A1 zwischen Genf und Lausanne. Auf der Umfahrung Lausanne nahm die Zahl der Staustunden gegenüber dem Vorjahr um 180 zu.

Keystone/Laurent Gillieron

Das Bundesamt für Strassen (Astra) vermeldete am Montag einen neuen Negativrekord: Während 25'853 Stunden staute sich im vergangenen Jahr der Verkehr auf den Autobahnen. Die Zunahme gegenüber dem Vorjahr betrug 7,4 Prozent, obwohl die gesamte Fahrleistung auf den Nationalstrassen nur um zwei Prozent zunahm.

Auf den kritischen Abschnitten wie vor dem Gubrist- und dem Bareggtunnel staut sich der Verkehr fast jeden Tag – auf der Zürcher Nordumfahrung durchschnittlich während 17 Stunden täglich. Das Astra warnt vor einer weiteren «unerwünschten Entwicklung»: Der Anteil der Autobahnen am Gesamtverkehr ging erstmals zurück, weil viele Abschnitte die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit erreicht hätten und sich der Verkehr so auf kantonale und städtische Strassen verlagere.

«Der Bund macht zu wenig»

Für SVP-Nationalrat Walter Wobmann ist klar, dass es mehr Beton braucht: «Die Nationalstrassen und die Umfahrungen müssen nun sehr schnell ausgebaut werden», sagt er. Das gelte insbesondere für jene Abschnitte, auf denen es viel Stau gebe. Weil die Verkehrszunahme auch durch die Zuwanderung bedingt sei, müsse auch diese gestoppt werden.

GLP-Präsident Jürg Grossen hingegen sagt, weitere Ausbauten würden nur punktuell helfen. «Richtig sinnvoll sind intelligente Konzepte zur Verkehrsvermeidung und Verkehrsleitung», sagt er. Dazu gehörten etwa Verkehrsleitsysteme, vermehrtes Homeoffice und angepasste Schul- und Arbeitszeiten. «Der Bund macht zu wenig», sagt Grossen. Zu den nötigen Massnahmen zählt er auch Mobility-Pricing, also Verkehrsabgaben, die von der Uhrzeit und der gefahrenen Strecke abhängen.

Sollen Lastwagen nachts fahren?

Das Mobility-Pricing soll in einem ersten Schritt im Kanton Zug getestet werden. Langfristig führe daran kein Weg vorbei, sagt Daniel Müller-Jentsch, Verkehrsexperte bei Avenir Suisse. «Staus sind der Preis, den man bezahlt, wenn man kein Mobility-Pricing will», sagt er. Die jährlich steigenden Stauzahlen seien schon fast ein Ritual. «Alle paar Jahre werden neue Milliardenpakete geschnürt. Aber neue Kapazitäten werden immer wieder vom Wachstum aufgebraucht.» Investitionen in Beton seien teuer und lösten das Hauptproblem nicht, nämlich die stauträchtigen Spitzenzeiten.

Um Verkehrsprobleme zu lösen, brauche es eine Kombination aus flexiblen Arbeitszeiten, variablen Tarifen für die Strassennutzung und innovative Technologien wie Elektrovelos oder interaktive Ampelschaltungen. Ein weiterer Vorschlag von Müller-Jentsch: «Für künftige selbstfahrende Elektro-Lastwagen könnte das Nachtfahrverbot aufgehoben werden.» In der Nacht seien die Strassen praktisch leer – ein riesiges Potenzial, das bisher ungenutzt bleibe.

Weniger Baustellen-Stau

Bis solche Lastwagen aber marktreif sind, dürften noch Jahre vergehen. Auf kurze Frist plant der Bund eine Entschärfung mit weiteren Ausbauten. Zurzeit wird etwa der Nordring Zürich mit einer dritten Gubrist-Tunnelröhre erweitert, und die A1 soll bei Crissier VD und zwischen Härkingen und Luterbach ausgebaut werden. Zudem will das Astra vermehrt Pannenstreifen als zusätzliche Fahrspur nutzen. Seit Anfang 2017 nutzt das Astra zudem Wechseltextanzeigen, die Autofahrern Verhaltenstipps geben, die den Verkehr flüssig halten sollen.

Immerhin einen Lichtblick hält das Astra für die staugeplagten Autofahrer bereit: Weil immer mehr Bauarbeiten zu verkehrsarmen Zeiten ausgeführt werden, sank die Zahl der Staustunden wegen Bauarbeiten auf nur noch 236 Stunden – weniger als ein Prozent aller Staustunden.

Deine Meinung