Briten isoliert: Lange Lastwagenkolonnen und Panikkäufe wegen Virus-Mutation
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Briten isoliertLange Lastwagenkolonnen und Panikkäufe wegen Virus-Mutation

Grossbritannien ist wegen der neu entdeckten Mutation des Coronavirus isoliert – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Drei Tage vor Weihnachten drohen der Insel Versorgungsengpässe. Jetzt sind rasche Lösungen gefragt.

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Schlangen in morgendlicher Dunkelheit: Die Sorge vor Lieferlücken liess Menschen in Bristol bereits am frühen Morgen vor den Läden anstehen. 

Schlangen in morgendlicher Dunkelheit: Die Sorge vor Lieferlücken liess Menschen in Bristol bereits am frühen Morgen vor den Läden anstehen.

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Es gebe keinen Grund für Panikkäufe, die Lager seien noch gut gefüllt, beruhigen die Detaillisten und appellieren an die Kunden, «verantwortungsvoll einzukaufen». 

Es gebe keinen Grund für Panikkäufe, die Lager seien noch gut gefüllt, beruhigen die Detaillisten und appellieren an die Kunden, «verantwortungsvoll einzukaufen».

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Darum gehts

  • Der Eurotunnel sowie der britische Hafen Dover sind wegen der entdeckten Coronavirus-Mutation geschlossen.

  • Grossbritannien befürchtet nun Lieferengpässe, und das ausgerechnet in der letzten Weihnachtswoche.

  • Die Sorge, zu Weihnachten kein Essen zu haben, trieb die Leute bereits ab 5 Uhr morgens vor die Supermärkte.

  • Die Regierung hält am Montag ein Krisentreffen ab. Dabei soll geklärt werden, wie der Warenfluss gewährleistet werden kann. Die EU kommt ihr mit einem «Notfallprotokoll» entgegen.

Eine eben entdeckte Mutation des Coronavirus isoliert Grossbritannien von der Welt: Diverse europäische Länder verhängten Flugverbote oder Grenzschliessungen. Auch die Schweiz, Argentinien, Kolumbien, Chile, Kanada und der Golfstaat Kuwait stoppten Flüge von der Insel wegen der Mutation, die nach ersten Erkenntnissen um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form sein soll.

Seit der Nacht auf Sonntag sind auch der Eurotunnel sowie der wichtige britische Hafen Dover geschlossen. Zuvor hatte Frankreich ein zweitägiges Einreiseverbot für Reisende aus Grossbritannien auf dem Luft-, See- und Landweg verhängt.

Premierminister Boris Johnson hat für Montag ein Krisentreffen der Regierung einberufen. Die EU beabsichtigt laut Frankreichs Transportminister Jean-Baptiste Djebbari «in den nächsten Stunden» ein «Notfallprotokoll» zu erlassen, das die Wiederaufnahme des Warenflusses nach Grossbritannien wieder erlaubt.

Salat, Blumenkohl, Broccoli und Zitrusfrüchte

Normalerweise würden in der Vorweihnachtszeit etwa 10’000 Lastwagen täglich den Ärmelkanal überqueren – jetzt aber geht im Königreich angesichts der geschlossenen Grenzen und unterbrochenen Fährverbindungen die Angst vor Versorgungsengpässen um.

Die Sorge, dass Lieferengpässe die Weihnachtstage verderben könnten, hat die Menschen in mehreren Städten vor die Supermärkte getrieben, wo sich bereits um 5 Uhr morgens mitunter auch trotz Regen lange Schlangen bildeten. In den sozialen Medien zirkulieren bereits wieder Schnappschüsse von WC-Papierbergen und leeren Regalen.

Es gebe keinen Grund für Panikkäufe, die Lager seien noch gut gefüllt, beruhigen die Detaillisten und appellieren an die Kunden, «verantwortungsvoll einzukaufen». Der Transport von frischen und verderblichen Waren sei nun die grösste Herausforderung, so Richard Burnett, Chef des Transportverbands RHA. Eine Sprecherin der Supermarktkette Sainsbury’s bestätigte: «Wenn sich nichts ändert, werden wir in den kommenden Tagen Versorgungslücken sehen. Etwa bei Salat, Blumenkohl, Broccoli und Zitrusfrüchten, die zu dieser Jahreszeit alle von der EU importiert werden.»

Ikea GB entschuldigt sich

Dabei bemerkt die Insel schon seit einiger Zeit, dass es bei manchen Waren stockt. Das Weihnachtsgeschäft, die grossen Lieferungen von Medizin- und Pflegeprodukten in der Corona-Pandemie und die Ungewissheit über den Ausgang des Brexit-Dramas – all das führte auf den Zufahrten des Ärmelkanals bereits seit Tagen zu einem Lastwagen- und Frachtverkehrschaos. Erst vor einigen Tagen entschuldigte sich Ikea UK öffentlich für die teils massiven Lieferverzögerungen und das ausgedünnte Angebot in einigen Filialen, wie Spiegel.de schreibt. Auch vielen Spielzeughändlern im Land gehe zunehmend die Ware aus.

Jetzt, da der Verkehr über den Ärmelkanal geschlossen ist, stauen sich am Hafen von Dover die Lastwagen über Kilometer. Das britische Transportamt teilte am Montag mit, im Manston Airport in Kent werde Platz für bis zu 4000 Lastwagen geschaffen, um das Chaos auf der Strasse einzudämmen. Grundsätzlich sollten Lastwagen die Häfen in Kent vorerst gar nicht mehr anfahren.

«Meeresfrüchte im Wert von Millionen von Pfund geladen»

Ein Tweet des schottische Meeresfrüchteexporteurs Lochfyne veranschaulicht das Elend zum Auftakt der letzten Weihnachtswoche: Die Schliessung der französischen Grenze sei ein «Desaster», teilte er auf Twitter mit: «In der für uns wichtigsten Woche sind Lastwagen aus ganz Schottland auf dem Weg nach Kent und haben Fisch und Meeresfrüchte im Wert von Millionen von Pfund geladen.» Selbst wenn die Sperrungen nach 48 Stunden wieder aufgehoben würden, «werden wir die Weihnachtsdeadline verpassen. Es ist unglaublich.»

Insel im Weihnachts-Lockdown

Die britische Regierung verschärft die Corona-Restriktionen deutlich: Für Millionen Menschen fallen Weihnachtsfeiern mit Familien und Freunden nun aus. «Wenn das Virus seine Angriffsmethode ändert, müssen wir unsere Verteidigungsmethode ändern», sagte Premierminister Boris Johnson.

Statt drei Corona-Warnstufen gibt es künftig vier – in die höchste fallen ausser der Hauptstadt London auch Regionen im Südosten. Dort dürfen die Bewohner nur noch aus wichtigen Gründen ihre Wohnung verlassen, etwa, um zum Arzt oder zur Arbeit zu gehen. Auch an Weihnachten dürfe man keine Angehörigen anderer Haushalte treffen, betonte Johnson.

Alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte sowie andere Einrichtungen wie Fitnessstudios, Friseure, Kinos oder Schönheitssalons müssen schliessen. Einwohner der höchsten Corona-Stufe 4 dürfen diese Zone nicht verlassen. Bisher war erlaubt, dass sich vom 23. bis 27. Dezember bis zu drei Haushalte zu «Weihnachtsblasen» zusammenschliessen können. Dies wurde nun – ausserhalb der Zone 4 – auf den ersten Weihnachtstag beschränkt.

Auch in anderen Landesteilen, die selbst über Corona-Massnahmen entscheiden können, wurden die Restriktionen verschärft. So soll in Wales von diesem Sonntag an ebenfalls ein Shutdown gelten – analog zur vierten Stufe in England. Schottland verhängte ein Reiseverbot in andere Teile des Vereinigten Königreichs.

(gux)

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