Tod im Irak: LaVena Johnsons Selbstmord gibt Rätsel auf
Aktualisiert

Tod im IrakLaVena Johnsons Selbstmord gibt Rätsel auf

Wie und wieso die Army-Gefreite LaVena Johnson zu Tode kam, ist bis heute unklar. Eindeutig ist hingegen: Die US Army tut sich mit der Bewältigung von sexueller Gewalt schwer.

von
Martin Suter
New York

LaVena Johnson ist schon acht Jahre tot, aber ihr umstrittenes Schicksal bewegt Amerika noch heute: Wurde die damals 19-jährige, aus Missouri stammende Gefreite in der neunten Woche ihres Irak-Einsatzes vergewaltigt und danach ermordet? Oder stimmt der Untersuchungsbefund der US Army, wonach die Frau den Abbruch einer Beziehung nicht verdauen konnte, den Lauf ihres M-16-Sturmgewehrs in den Mund steckte und abdrückte?

Das Pentagon steht nach wie vor voll hinter seiner Version der Ereignisse. Wie die «Los Angeles Times» 2009 mit einer detaillierten Recherche herausfand, hatten andere Soldatinnen und Soldaten den Army-Ermittlern berichtet, Johnson habe von ihrer depressiven Verfassung erzählt. Angeblich entzündete die entmutigte Frau in einem Zelt ein kleines Feuer, um Seiten ihres Tagebuchs zu verbrennen, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzte.

Die Eltern der nach ihrer Erfahrung lebenslustigen Frau können sich einen solchen Verlauf nicht vorstellen. John Johnson, der Vater, kommt aufgrund von Fotos der Leiche und des Ereignisorts zu ganz anderen Schlussfolgerungen. LaVena habe Verletzungen im Gesicht und Kratzwunden an den Armen gehabt, die nur durch Selbstverteidigung bei einem Angriff entstanden sein können, glaubt er. Zudem hat nach seiner Auffassung jemand die Schamgegend seiner Tochter mit einer ätzenden Flüssigkeit verletzt, um Spuren einer Vergewaltigung zu vertuschen.

Die Eltern lassen nicht locker

Für den Vater und LaVenas Mutter Linda wurde der Tod ihrer Tochter eine Obsession. Die Eltern hatten selbst in den US-Streitkräften gedient. Sie fühlen sich von der Army betrogen, weil diese sich weigert, die Umstände des Todes neu zu untersuchen.

Trotz der verhärteten Fronten ist LaVena Johnsons Schicksal zum Vorzeigefall für Armeekritiker geworden. Auf der Website der New Yorker Senatorin Kirsten Gillibrand ist ihr Tod das erste Fallbeispiel, mit dem die Politikerin die Notwendigkeit einer Reform des militärischen Sexualstrafrechts begründet. Gillibrand verweist darauf, dass die Zahl der unerwünschten sexuellen Übergriffe auf amerikanische Soldatinnen vergangenes Jahr 26'000 erreicht hat, 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Vergewaltigungen sind laut Pentagon-Berichten 3374-mal vorgekommen.

Reformidee geht vielen zu weit

Die engagierte New Yorker Senatorin will die ersten Ermittlungen zu sexuellen Angriffen militärischen Staatsanwälten übergeben, anstatt sie bei den Kommandanten zu belassen. Viele Senatskollegen auch in Gillibrands Demokratischer Partei warnen jedoch davor, die Befugnisse der Vorgesetzten zu begrenzen. Kommandanten hätten eine wichtige Rolle zu spielen, wenn es darum gehe, sexuellem Fehlverhalten vorzubeugen und für Disziplin zu sorgen, glauben sie.

Im Moment sieht es nicht so aus, als werde Gillibrand für ihre weitergehenden Vorschläge eine Mehrheit finden. In Verhandlungen zwischen dem Senat und dem Repräsentantenhaus bahnte sich Anfang Woche ein Kompromiss an. Er sieht zwar Verschärfungen bei der Verfolgung von Sexualtaten vor, kommt aber ohne die von Gillibrand geforderte Rolle von Staatsanwälten aus.

Was die Eltern von LaVena Johnson über die Reformen denken, ist nicht bekannt. In ihrer Trauer und Wut suchen sie vor allem eins: Gerechtigkeit für ihre Tochter.

Dokumentarfilm «The Silent Truth» über LaVena Johnson:

(Video: Youtube/truthhurts7777)

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