Die weisse Gefahr: Lawinenopfer sind oft Schneeschuhwanderer
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Die weisse GefahrLawinenopfer sind oft Schneeschuhwanderer

Mehr als jeder zehnte Freerider hat schon einmal eine Lawine ausgelöst. Dennoch geht von Variantenfahrern nicht die höchste Lawinengefahr aus. Sie wissen oft um mögliche Risiken - im Gegensatz zu anderen Wintersportgruppen.

von
Olaf Kunz

29 Prozent aller alpinen Wintersportler fahren regelmässig abseits der Pisten, sofern es die Schneeverhältnisse zulassen. Weitere 28 Prozent wagen gelegentlich einen Ausflug weg von den markierten und präparierten Pisten. Dabei sind Snowboarder fast doppelt so häufig wie Skifahrer auf der Suche nach dem perfekten Powderhang. Das ist das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage von 20 Minuten Online unter 1769 Internetusern.

Auch Bergbahnen förder das Freeriden

Dass die Zahl der Freerider und Tiefschneefahrer ständig zunimmt, hat nicht nur mit dem laufend wachsenden Angebot an speziell fürs Gelände konstruierten Allmountain oder Freeride-Skiern: «Gefördert wird das zum Beispiel auch von Werbefilmen in Bergbahnstationen und den Restaurants. Da sind Freerider in tollem Pulverschnee zu sehen, wie sie ihre Kurven ziehen. Und wenn die Wintersportler das dann auch machen, dann ärgern sich die Betreiber - vor allem, wenn etwas passiert», bringt Ueli Mosimann, Bergführer und Fachverantwortlicher Sicherheit im Bergsport beim Schweizer Alpen-Club (SAC), das Dilemma vieler Skigebiete auf den Punkt.

Lawinenunfälle auf gleichem Niveau

Freerider, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Suche nach dem perfekten Powderhang gehen, leben durchaus gefährlich. 12 Prozent von ihnen haben selbst schon einmal eine Lawine ausgelöst. Vier Prozent wurden schon einmal von einer solchen erfasst und verschüttet. Weitere sieben Prozent sind haarscharf um ein Lawinenunglück drum herum gekommen.

Dass aufgrund der vielen Freerider die Zahl der Lawinenunglücke zugenommen hat, kann Mosimann indes nicht bestätigen: «Über die letzten fünf Jahre ist die Anzahl von Lawinenunfällen mehr oder weniger stabil mit leichter Tendenz nach oben. Allerdings längst nicht in dem Umfang, wie die Schar der Freeridefans gestiegen ist. Im Gegenteil: Das ist viel besser geworden, Freerider sind heute vorsichtiger. Es ist eine kleine Minderheit von Variantenfahrer, die wirklich sehr hohe Risiken eingeht.»

Tourengeher leben gefährlich

Im Jahre 2008 wurden die Schweizer Rettungsorganisationen zu 68 Lawinenunfallereignissen gerufen. Davon betroffen waren insgesamt 123 Personen, für 15 endete das Unglück tödlich. Betroffen waren 70 Skitourengeher und 31 Variantenfahrer. 22 der Verschütteten waren Schneeschuhläufer, Wanderer und Hochtourengeher zu Fuss. Die Datenbasis beruht auf den Rettungseinsätzen aller Rettungsorganisationen der Schweiz – im wesentlichen REGA, Alpine Rettung Schweiz und Kantonale Walliser Rettungsorganisation.

In den letzten Jahren haben vor allem Unfälle mit Schneeschuhgehern signifikant zugenommen. «Bei dieser Gruppe muss sich das Bewusstsein und das Know-How erst noch durchsetzen. Viele dieser Leute kommen aus dem Wanderbereich und haben mit alpinen Wintergefahren noch nicht so viel Erfahrung», erklärt Mosimann die Zunahme.

Nicht leichtsinniger wegen besserer Ausrüstung

Erfreulich aus Sicht des SAC ist, dass inzwischen viele Freerider über eine notwendige Lawinenausrüstung verfügen. Dazu zählt ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), mit denen unter Lawinen Begrabene aufgefunden werden können, eine Schaufel zum Freilegen der Verschütteten und eine Sonde. Laut Umfrage hat die Hälfte aller Ski- und Snowboardfahrer, die lieber im Gelände als auf der Piste unterwegs sind, eine entsprechende Lawinenausrüstung bei sich.

Dieser Wert deckt sich auch mit den Erfahrungen des Sicherheitsverantwortlichen beim SAC: «Bei Tourengehern haben fast 100 Prozent eine entsprechende Ausrüstung dabei. Im Variantenbereich sind es etwa 50 Prozent.» Eine solche Ausrüstung erhöht die Sicherheit erheblich: «Die meisten, die ein LVS haben, belegen auch einen Lawinenkurs», weiss Mosimann. Auch ein «Damit-bin-ich-sicher»-Effekt bleibt in aller Regel aus: « Ich glaube nicht, dass Freerider aufgrund eines LVS weniger vorsichtig sind - zumindest die Mehrheit nicht.»

Zur Umfrage

90 Prozent der 1769 Befragten treiben aktiv Wintersport. 62 Prozent der Teilnehmer fährt Ski, 36 Prozent Snowboard (Mehrfachnennungen waren möglich. 30 Prozent von ihnen fährt mit Helm und Rückenprotektor, 40 Prozent nur mit Helm und 4 Prozent nur mit Rückenprotektor.

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