Aktualisiert 31.10.2011 12:40

Calmy-Rey Nachfolge«Le Roi» und der Kronprinz

Eine Partei, zwei Favoriten, zwei Charaktere: 20 Minuten Online hat die Pressekonferenzen der SP-Bundesratskandidaten Berset und Maillard besucht. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

von
R. Nicolussi

Alain Berset und Pierre-Yves Maillard sind nicht einfach zwei Namen im Rennen um den frei werdenden SP-Sitz im Bundesrat. Der Freiburger Ständerat und der Waadtländer Staatsrat sind die unbestrittenen Favoriten. Auf den ersten Blick haben die beiden Romands durchaus Gemeinsamkeiten. Sie sind beide selbstbewusst, rhetorisch stark – sprechen jedoch nur gebrochen Deutsch. Beide sind ehrgeizig, sportlich, für etablierte Politiker jung – sehen aber älter aus, als sie sind.

Gleichzeitig sind Berset und Maillard zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Deutlich zeigte sich das an den Medienkonferenzen, an denen sie ihren Entschluss für eine Kandidatur begründeten; einer vor, einer nach den Wahlen. Aber nicht nur der Zeitpunkt, auch der Rahmen der Anlässe sorgte für eine ungleiche Wahrnehmung. Während Berset im ersten Stock eines Freiburger Restaurants zu den Journalisten sprach, predigte Maillard im Saal eines Vier-Sterne-Hotels in Lausanne über Mikrofon von einem Podium.

«Das kann dauern!»

Dabei schien Maillards Bundesratskandidatur nur am Rande Thema der Medienkonferenz vom Mittwoch zu sein. In der ersten Viertelstunde erklärte der 43-Jährige den Anwesenden in einer programmatischen und leidenschaftlichen Rede die Welt – oder zumindest seine Sicht auf diese. Eine welsche Journalisten verdrehte dabei die Augen und meinte: «Das kann dauern!» Schliesslich schwenkte Maillard doch noch auf den eigentlichen Zweck der Konferenz ein und sagte: «In diesem Sinne stehe ich meiner Partei für eine Bundesratskandidatur zur Verfügung.»

Ganz anders präsentiert sich Berset. Dieser hatte seine Rede Anfang Oktober mit den nüchternen Worten begonnen: «Ich habe Sie heute eingeladen, um Ihnen meine Bundesratskandidatur bekannt zu geben.» Im Weiteren drehte sich Bersets Rede um den Prozess seiner Entscheidungsfindung. Er wog Chancen ab, zählte auf, welche Qualitäten er mitbringe und wie er diese einsetzen wolle. Dabei zeigte sich der dreifache Familienvater auch über die Konsequenzen im Klaren, die ein solches Amt für sein familiäres Umfeld mitbrächte.

Wahlerfolg als Legitimation

Maillard vermied es, sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Stattdessen machte er die Ansprüche der Genferseeregion auf einen Bundesratssitz geltend, sofern sie einen valablen Kandidaten – in diesem Fall ihn selbst – präsentieren kann. Die Familie kam gar nicht zu Wort. Zu seiner Entscheidungsfindung sagte Maillard wenig. Er sieht jedoch durch den Wahlerfolg der Waadtländer SP seine Kandidatur legitimiert. Berset war genau den gegenteiligen Weg gegangen. Erst durch seine Kandidatur kurz vor den Wahlen hatte er eine grosse Mobilisierung der Freiburger Sozialdemokraten bewirkt.

Dafür war der 39-jährige Freiburger während seiner Medienkonferenz viel zurückhaltender als Maillard. Er sprach erst, nachdem David Bonny, Präsident der SP Freiburg, die Medienkonferenz eröffnet und ihm das Wort erteilt hatte. Maillard schritt bereits zehn Minuten vor Beginn des Medientermins im Saal mit Spiegeldecke majestätisch auf die Bühne und ergriff sogleich das Wort. Erst danach war die Reihe an Ständerätin Géraldine Savary und an der Waadtländer SP-Präsidentin Cesla Amarelle, die den Magistraten sekundierten.

Vier Fragen auf einen Streich

Anders als Berset, der seine Rede ruhig und sachlich ab Blatt vortrug, parlierte Maillard weitgehend frei. Dabei zeigte sich sein geübter Umgang mit den Medien. Ohne grosse Vorbereitung verlor er zu Beginn ein paar Worte zur geplanten Schliessung eines Novartis-Betriebs in Prangins. Routiniert zeigte sich der Waadtländer Staatsrat auch bei den Fragen der Journalisten.

Eine um die andere zu beantworten, wäre ihm zu lang gegangen. Maillard sammelte jeweils vier, fünf Fragen, bevor er diese dann flott und zuweilen pointiert beantwortete. Dass er dabei zwei Fragen überging, war wohl keine Absicht. Sachpolitiker Berset hatte sich derweil pedantisch genau auf mögliche Journalistenfragen vorbereitet, sodass er die fertigen Antworten auf seinen Blättern nur noch suchen musste – was er bisweilen auch tat. Besonders wenn Fragen auf Deutsch gestellt wurden.

Während Maillard nur punktuell auf Deutsch gefragt wurde, deckten die Journalisten Berset von Beginn weg mit Fragen auf Deutsch ein. Aber nicht nur sprachlich stand der Freiburger mehr unter Druck. Er musste sich auch viel kritischeren Fragen stellen. Möglicherweise deshalb, weil das Gespräch auf Augenhöhe stattfand. Maillard wurde auf seiner Kanzel, auf der er am Ende der Medienkonferenz auch Einzelfragen beantwortete, hingegen kaum geprüft.

Keine Einzelinterviews

Während der Waadtländer damit seine Schuldigkeit gegenüber den Medien als erfüllt sah, nahm sich Berset den Rest des Tages Zeit, um Interviews zu geben. Aus Maillards Umfeld hatte es am Vorabend der Medienkonferenz noch geheissen, Einzelinterviews seien nicht vorgesehen. Man wolle aber abklären und noch vor Beginn des Pressetermins melden, ob es doch möglich sei. Das Telefon klingelte nicht mehr.

Einig waren sich beide Kontrahenten beim Anspruch der lateinischen Schweiz auf den vakanten Sitz im Bundesrat. Beide beanspruchten diesen mit der Begründung, dass ihre Präsenz im Bundesrat für eine regional repräsentative Regierung notwendig sei. Dabei blendeten sowohl Berset wie Maillard mit derselben Begründung den verfassungsmässig gegebenen Anspruch der dritten Landessprache im Bundesrat aus.

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