SOS-Kinderdorf: Leben im Schatten Tschernobyls
Aktualisiert

SOS-KinderdorfLeben im Schatten Tschernobyls

25 Jahre nach Tschernobyl leiden die Menschen immer noch an den Folgen des Super-GAUs. SOS-Kinderdorf unterstützt die Opfer bis heute.

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dhr
Kinder im SOS-Kinderdorf Borovjlany in der Nähe von Minsk. (Bild: SOS-Kinderdorf/Benno Neeleman)

Kinder im SOS-Kinderdorf Borovjlany in der Nähe von Minsk. (Bild: SOS-Kinderdorf/Benno Neeleman)

Am 25 April 1986 um 1:23 Uhr nachts explodierte im sowjetischen Kernkraftwerk in Tschernobyl in der heutigen Ukraine Reaktor Nummer vier, nachdem ein Test schief gegangen war. Radioaktives Material wurde freigesetzt und verstrahlte dabei eine Fläche von 80 000 Quadratkilometern. Radioaktiver Regen viel sogar im Nordwesten Irlands. Dem Desaster, das 100 Mal mehr Strahlung freisetzte als die Bomben von Nagasaki und Hiroshima im Zweiten Weltkrieg, folgte die Umsiedlung von zehntausenden Menschen. Viele davon konnten nie mehr zurück.

Die Katastrophe traf das kleine Weissrussland, in dem 70% des radioaktiven Niederschlags fielen, besonders hart. 2,2 der 10,4 Millionen Menschen, darunter 500 000 Kinder, wurden davon betroffen. Viele Folgen zeigten sich erst Jahre später.

Kampf gegen die Folgen der Katastrophe

Die Folgeschäden der Katastrophe halten weiter an. Laut dem Fachmagazin «Swiss Medical Weekly» haben beispielsweise zwischen 1990 und 2000 die Krebsraten um 40% zugenommen. Allein in 2001 gab es etwa 10 000 Bauchspeichelkrebs-Erkrankungen bei Kindern. Mit diesen Folgen ist das SOS-Kinderdorf Borovjlany, das 1996 etwas ausserhalb der Hauptstadt Minsk gebaut wurde, auch 25 Jahren nach der Katastrophe täglich konfrontiert. Das SOS Sozialzentrum «Mutter und Kind» in Borovjlany bietet Familien Unterkunft, deren Kinder im nahegelegenen «Centre of Child Oncology» gegen Krebs behandelt werden. Jedes Jahr leben hier etwa 250 Familien vorübergehend im SOS-Kinderdorf.

Beistand der Familie

Zurzeit ist auch der an Leukämie erkrankte Lesha mit seiner Mutter im Sozialzentrum von SOS-Kinderdorf. Er ist froh, während der Krebsbehandlung bei seiner Mutter zu sein. «Nach der Therapie fühle ich mich immer sehr schlecht, dann ist es gut, dass meine Mutter bei mir ist und mir beistehen kann», so der 23-Jährige, der aus der schwer betroffenen Region Mogilev stammt.

Neben der kostenlosen Unterkunft erhalten die Patienten auch psychologischen Beistand und finanzielle Hilfe. Zudem gibt es Schulkurse für Kinder, die während der sechs- bis zwölfmonatigen Therapie nicht zur Schule gehen können. Die Ärzte der Klinik sind froh über diese wichtige Unterstützung. «Es ist gut, dass hier Familien während der Behandlungen zusammenbleiben können. Dies ist für die Kinder und Jugendlichen ein grosser Vorteil und es erlaubt uns zudem, noch mehr junge Patienten zu behandeln», so Dr. Petina vom «Centre of Child Oncology».

Zum Beispiel der elfjährige Vlad

Eines der Kinder im Zentrum von SOS-Kinderdorf ist der elfjährige Vlad, der an Bauchkrebs erkrankt ist. Er ist hier gemeinsam mit seinem Onkel Maxim, der ebenfalls an den Folgen der radioaktiven Verseuchung leidet. Vlad spricht auf die Behandlung an und er hofft, diesen Sommer ins Sommercamp von SOS-Kinderdorf gehen zu können.

Soziale Folgeschäden

SOS-Kinderdorf unterstützt in Weissrussland viele Familien, die nach der Katastrophe umgesiedelt wurden und ihr Zuhause verloren. „Viele dieser Familien leiden nicht nur an den körperlichen Folgen, sondern auch an den sozialen», so Lilya Shestokova, Leiterin des SOS-Sozialzentrums. «Viele dieser Menschen fanden keine Arbeit mehr, verfielen dem Alkohol und vernachlässigten so ihre Kinder.» Diese Familien werden nun durch die Familienstärkungsprogramme unterstützt. Mit monatlichen Essenspaketen, Rechtsbeistand oder zusätzlichen Schulprogrammen wird dafür gesorgt, dass diese Familien trotz allen Schwierigkeiten zusammenbleiben können.

SOS Kinderdorf Schweiz

SOS-Kinderdorf ist ein privates, politisch und konfessionell ungebundenes Kinderhilfswerk. Die Organisation gibt weltweit in 132 Ländern Kindern und Jugendlichen ein bleibendes und liebevolles Zuhause. 2009 feierte die Organisation ihr 60-jähriges Bestehen.

Die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz finanziert SOS-Einrichtungen in Entwicklungsländern und Osteuropa.

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