Mohammed-Kritik: Leben mit der ständigen Bedrohung
Aktualisiert

Mohammed-KritikLeben mit der ständigen Bedrohung

Vor dem Mohammed-Film gab es «Die satanischen Verse» und die dänischen Karikaturen. Ihre Urheber wurden bedroht und leben teils noch heute unter Polizeischutz.

von
Peter Blunschi
Salman Rushdie, Kurt Westergaard und Nakoula Basseley Nakoula - alle drei haben sich mit dem Propheten Mohammed auseinandergesetzt, allerdings auf sehr unterschiedlichem Niveau.

Salman Rushdie, Kurt Westergaard und Nakoula Basseley Nakoula - alle drei haben sich mit dem Propheten Mohammed auseinandergesetzt, allerdings auf sehr unterschiedlichem Niveau.

Nakoula Basseley Nakoula ist untergetaucht. Der 55-jährige, mehrfach vorbestrafte Kopte hat sich am Samstag mit seiner Familie an einen «sicheren Ort» begeben, nachdem ihn die Behörden von Los Angeles wegen möglichen Verstosses gegen seine Bewährungsauflagen vernommen hatten. Nakoula gilt als Schlüsselfigur hinter dem islamfeindlichen Film «Innocence of Muslims». An einem unbekannten Ort hält sich seit Samstag auch der christliche Fundamentalist und Vietnam-Veteran Steve Klein auf, der Nakoula beraten hatte und den Medien in den Tagen zuvor bereitwillig Auskunft gab. Er soll bedroht worden sein.

Ein normales Leben werden die beiden Islamhasser in Zukunft kaum mehr führen können. Dies zeigt das Beispiel von zwei weitaus seriöseren Kulturschaffenden, die ins Visier fundamentalistischer Muslime gerieten. Der vielfach ausgezeichnete britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie musste sich nach 1989 jahrelang im Untergrund aufhalten. Er hatte damals den Roman «Die satanischen Verse» veröffentlicht, in dem nach Ansicht des iranischen Revolutionführers Ajatollah Khomeini der Prophet Mohammed beleidigt wurde. Khomeini verhängte über Salman Rushdie eine Fatwa mit einem Todesurteil.

Angriff auf Karikaturist

Für Aufruhr in der islamischen Welt sorgten auch die Mohammed-Karikaturen, welche die dänische Zeitung «Jyllands-Posten» 2006 publiziert hatte. Bei den teilweise gewalttätigen Protesten starben mehr als 50 Menschen, auf die Karikaturisten wurde ein Kopfgeld in Millionenhöhe ausgesetzt. Zur Zielscheibe wurde vor allem ein Zeichner, der heute 77-jährige Kurt Westergaard. Er hatte den Propheten mit einer Bombe als Turban karikiert. Seit Ende 2007 leben Westergaard und seine Frau unter massivem Polizeischutz.

Trotzdem gelang es einem somalischen Asylbewerber mit Verbindungen zu Al Kaida an Neujahr 2010, mit einem Messer und einer Axt bewaffnet in das Haus des Zeichners einzudringen. Kurt Westergaard und seiner Enkelin konnten rechtzeitig in den eigens eingerichteten Schutzraum flüchten. Der Täter wurde zu zehn Jahren Gefängnis mit anschliessender Ausweisung aus Dänemark verurteilt. Für Westergaard ist ein Ende seiner Rund-um-die-Uhr-Bewachung nicht abzusehen, doch er bereut nichts. «Ich brauche kein Mitleid. Ich habe ein gutes Leben», sagte er in einem Interview mit Tages-Anzeiger.ch.

Rushdies Depressionen

Salman Rushdie dagegen entschied sich vor zehn Jahren, das Versteckspiel aufzugeben. Der heute 65-Jährige verzichtete im Frühjahr 2002 auf die Polizeieskorte, die ihn stets begleitet hatte. Seither lebt er überwiegend in New York. Heute Dienstag erscheint zeitgleich in 27 Ländern seine Autobiographie «Joseph Anton». Dieser Name war das Pseudonym, das er während seiner Zeit im Untergrund benutzt hatte, eine Kombination aus den Namen zweier Lieblingsautoren: Joseph Conrad und Anton Tschechow.

In dem Buch schildert Rushdie erstmals ausführlich die Jahre im Verborgenen. Anfangs litt er unter teilweise schweren Depressionen. Sie führten dazu, dass er sich zeitweise sogar zum Islam bekannte. Diese Phase ging bald vorbei. «Ich war ganz unten, und ein Vorteil davon ist, dass man dann weiss, wie es ganz unten aussieht», erklärte er dem «Guardian». Heute bezeichnet sich Rushdie als «zutiefst unreligiösen Menschen». Der Mohammed-Film ist für ihn «ein böswilliges Stück Müll», doch die Reaktionen seien völlig überzogen: «Die muslimische Welt muss aus diesem Denkmuster heraus finden.»

Der Schriftsteller zweifelt allerdings daran, dass sie dazu fähig ist. Als Reaktion auf den Film hat eine iranische Stiftung das auf Rushdie ausgesetzte Kopfgeld auf 3,3 Millionen Dollar erhöht. Doch Salman Rushdie will sich nicht länger einschüchtern lassen. Heute ist er ein freier Mann, und er will es laut dem «Guardian» für den Rest seines Lebens bleiben.

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