Irrer Film: Lebendig begraben: So fühlt es sich an
Aktualisiert

Irrer FilmLebendig begraben: So fühlt es sich an

90 Minuten in einem Holzsarg: Wer sich im Kino den neuen Film «Buried» antut, stirbt selbst ein bisschen mit.

von
Léa Spirig

Hautnah erlebt der Zuschauer einen Albtraum mit: Man teilt die einsame Verzweiflung eines Menschen, eingesperrt in einem Sarg weit unter der Erde. Der Film ist ein Psycho-Experiment für den Zuschauer. Man bekommt Angst und Verzweiflung selten so unmittelbar vermittelt.

Einziger Schauplatz im ganzen Film ist der Holzsarg. Keine Szene spielt über dem Boden. Das beklemmende Gefühl zieht sich ganze 90 Minuten durch. Ab und an keimt kurzzeitig Hoffnung auf, denn in den Sarg wurde dem Gefangenen Paul ein Handy mitgegeben. Das Telefon wird zum winzigen Strohhalm, an den er sich klammert. Als Zuschauer stellt man sich die Frage: Wen würde man in den letzten Minuten selbst noch anrufen und mit wem würde man seine Ängste teilen – bevor die Luft ausgeht?

Buried

Der 33-jährige Schauspieler Ryan Reynolds spielt die Rolle des Eingesperrten überzeugend. Filmemacher Rodrigo Cortés hatte weniger als zwei Millionen Dollar Budget und nur 17 Drehtage zur Verfügung. Er nahm sich für das Gelingen des düsteren Kinoereignisses Meisterregisseur Alfred Hitchcock zum Vorbild. Dieser zeigte bereits in den 40er-Jahren mit «Lifeboat», dass man einen Film durchaus an einem einzigen Schauplatz drehen kann. Und dass eine einzige Einstellung in Echtzeit, wie er es bei «Cocktail für eine Leiche» machte, den Zuschauer auf irre Weise fasziniert.

20 Minuten Online traf den Regisseur Rodrigo Cortés und sprach mit ihm über den Film.

Weshalb haben Sie den Schauplatz des Sarges nicht verlassen?

Rodrigo Cortés: So wird der Film zu einem psychischen und physischen Experiment. Der Zuschauer soll den Film nicht nur sehen, sondern erleben. Man nimmt die Perspektive des Protagonisten ein und ist für eineinhalb Stunden genauso gefangen, wie er es ist.

Dann war es von Anfang an klar, dass der ganze Film in einem Sarg spielt?

Cortés: Es war für mich der einzige Weg, diesen Film zu drehen. Hätte ich ihn an mehreren Orten spielen lassen und mehrere Personen auftreten lassen, hätte er an Intensität verloren und wäre in die Oberflächlichkeit abgedriftet. Der Film ist dennoch actionreich, gefangen auf kleinstem Raum eine Art Indiana Jones in einem Sarg. Doch in diesem Sarg ist so viel verborgen, man springt zwischen Pyramiden und schwimmt in schwarzen Seen. Das alles passiert in der Fantasie der Zuschauer.

Was ist die wichtigste Botschaft des Films?

Cortés: Ich glaube nicht, dass der Film eine bestimmte Botschaft enthält. Der Film wirft ganz viele Fragen auf, aber ich gebe keine Antworten. Wir haben in diesem Film auf das Essentielle fokussiert und alle Oberflächlichkeiten weggelassen. Der Film lebt von einer starken Metaphorik.

Inwiefern?

Cortés: Es geht darum, dass wenn man denkt, am schlimmsten Punkt angekommen zu sein, es genau dann noch schlimmer wird. Der Film widerspiegelt wie Dinge in einer schlimmen Zeit funktionieren. Während der Mann im Sarg, vergraben in einer Wüste, in Amerika bei den wichtigen Stellen um Hilfe anruft, kümmert man sich dort primär um seine Sicherheitsnummer, anstatt ihm wirklich zu helfen. Ausserdem steht der Film für den Überlebenskampf. Wir hören nie auf, vorwärts zu gehen, egal wie aussichtslos die Situation scheint.

Wie kamen Sie auf Ryan Reynold?

Cortés: Ryan Reynold war nicht eine Option, sondern die einzige. Ich sah ihn in einem kleinen Film und war von ihm zu hundert Prozent überzeugt. Er spielt nie, er ist. Reynold hat einen perfekten Sinn fürs Timing, seit Cary Grant habe ich keinen Schauspieler dieser Sorte mehr gesehen.

Ich stelle mir einen Dreh in 17 Tagen unglaublich anstrengend vor.

Cortés: Das war es, glauben Sie mir. An einem Tag drehten wir 55 Szenen, das ist ein gelebter Albtraum für alle Beteiligten. Das Team litt unendlich mit, denn was man den ganzen Tag tut, ist brutal und abgründig. Doch hätten wir nicht so gelitten, hätten wir das Material niemals so zusammengekriegt, das wir für den Film brauchten. Das Publikum leidet beim Sehen des Films, so ist es nur logisch, dass wir beim Drehen auch leiden mussten.

In welcher Weise hat Sie Hitchcock inspiriert?

Cortés: Hitchcock ist ein Meister des Fachs. Er zeigte uns, dass im Filmbereich alles, wirklich alles möglich ist. Technisch kann man machen, was man will und Grenzen sprengen, wo welche sind. Hitchock zeigte uns, wie man in Echtzeit und Realort filmt und wagte es, filmisch zu dehnen und zu verdichten.

Was denken Sie in Hinsicht auf die Oscarverleihung?

Cortés: Ich habe vor und während des Drehs nie an die Oscars gedacht. Wenn das nun mit so einem Film zum Thema wird, freut mich das natürlich sehr. Gerade, da so viele Regisseure und Filmschaffende den Film vorab nicht drehbar fanden.

«Buried» läuft ab dem 4. November in den Schweizer Kinos.

Vorab können Sie im Buried-Wettbewerb eine Paul Conroy's Uhr, eine Hamilton Khaki Officer Automatic sowie limitierte BURIED-Zippos, gewinnen, indem Sie die Frage richtig beantworten.

Deine Meinung