Aktualisiert

Raser«Leere Strassen können zum Rasen animieren»

Zurzeit wird auf manchen Schweizer Strassen deutlich mehr gerast. Ein Experte erklärt, dass viele die Strasse nutzen, um Dampf abzulassen.

von
Daniel Krähenbühl

Wie ein Leser-Video zeigt, gibt es auch Innerorts riskante Fahrmanöver.

Leser-Reporter

Wieso drücken jetzt besonders viele Leute aufs Gas?

Ich kann nicht ausschliessen, dass die Schnellfahrer-Fälle im Moment einfach auffälliger sind. Das heisst, wenn jemand in der Stadt aus Angeberei heraus mit hohen Drehzahlen beschleunigt und den Motor aufheulen lässt, dann fällt er damit stärker auf als vor der Krise, weil es generell auf der Strasse im Moment weniger Verkehr und weniger Lärm gibt. Raser sind wahrscheinlich durch die Polizei ebenfalls im Moment leichter ausfindig zu machen und werden wohl öfter aus dem Verkehr gezogen. Gleichzeitig ist es wahrscheinlich schon so, dass diejenigen, die es brauchen, mit ihrem Auto aufzufallen, es jetzt besonders geniessen, dass sie mit ihren Manövern noch sichtbarer sind als vorher, da die Strassen ansonsten weniger befahren sind.

Benjamin Graber ist Fachpsychologe für Verkehrspsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)

Benjamin Graber ist Fachpsychologe für Verkehrspsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)

privat

Also sind die leeren Strassen eine Einladung für Raser?

Die leeren Strassen können sicher zum schnellen Fahren animieren. Für einmal ist einem niemand im Weg, der einen bei der Verfolgung seiner Ziele behindert und die ganze Atmosphäre aufgrund der Krise
vermittelt den Eindruck, dass im Moment nicht die gleichen Regeln gelten, wie sonst immer. Und es gibt Leute, die im Moment mehr Zeit haben als vorher. Dadurch haben sie auch mehr Zeit, sich auf der Strasse auszuleben.

Ist die Schnellfahrerei eventuell ein Ventil, um dem Corona-Lockdown zu «entfliehen» oder Dampf abzulassen?

Ja. Jetzt während der Krise haben allgemein die Leute teilweise mehr Sorgen als vorher – etwa existenzielle Ängste oder finanzielle Sorgen – oder sind sonst ein bisschen angespannt. Sei es betreffend der Ungewissheit, wie es in Zukunft weitergeht, wie es um ihre und die Gesundheit ihrer Angehörigkeit steht oder einfach aufgrund eines allgemeinen «Lagerkollers» im Homeoffice und Konflikten aufgrund des Zusammenlebens mit Mitbewohnern. Anderen ist es einfach sehr langweilig.
Die Personen, die sich auch sonst viel mit Autos beschäftigen, die einen starken Bezug dazu haben, die fahren als Ausgleich dazu eben häufiger einmal unnötig auf den Strassen herum. Weil sie Freude an der Geschwindigkeit haben, oder um innere Spannungen abzubauen. Dies, während andere, die das nicht so haben, vielleicht Sport treiben würden oder sich zu Hause mit etwas anderem beschäftigen würden. Zudem ist das Autofahren etwas von den wenigen Dingen, die kaum mit Einschränkungen belegt wurden.

Schnelles Fahren wird von ihnen oftmals als Kavaliersdelikt betrachtet

Benjamin Graber

Wie kommt es zu einem Raser-Rennen?

Oftmals treffen sich die Lenker auf Parkplätzen, wo sie einander ihre Fahrzeuge präsentieren oder über Autos diskutieren. Einige kommen dann auf die Idee, zu testen, wessen Auto schneller ist. Manchmal erfolgen Beschleunigungsrennen aber auch weniger abgesprochen, sondern passieren eher spontan. Die Personen, die es betrifft, erkennen andere, die sich darauf einlassen könnten, oftmals an deren Fahrzeug oder Fahrweise. Ein «Rennen» oder sonstige gefährliche Fahr-, beziehungsweise Überholmanöver können entweder aus einem wortlos signalisierten Einverständnis heraus geschehen oder durch gegenseitige Provokationen hervorgerufen werden.

Das sind aber nur die extremsten Fälle, die vergleichsweise selten vorkommen. Zu groben Geschwindigkeitsüberschreitungen kommt es auch oft, weil jemand für sich sein leistungsstarkes neues Auto austesten will, er gerade emotional ist oder weil er sich von seinen Freunden beeinflussen lässt oder weil er glaubt, damit viel Zeit einzusparen. Es muss sich also nicht in jedem Fall um die Suche nach dem Geschwindigkeitsrausch handeln, sondern es gibt auch Leute, die sich eine höhere Geschwindigkeitsmarge geben, die sie noch in Kauf nehmen, wodurch es dort eher ein weniger extremes, aber gewohnheitsmässiges Schnellfahren ist.

Es sind sehr viele Fälle. Sind das alles klassische Raser?

Leute, die als Raser erwischt werden, sind in der Regel schon eher solche, die das nicht zum ersten Mal gemacht haben. Oftmals sind sie bereits mit Ausweisentzügen aus ähnlichen Gründen vorbelastet. Es ist also eher wahrscheinlich, dass diejenigen, die schon die Tendenz haben, jetzt eher einmal auf die Strasse gehen als die anderen. Bei den Betroffenen erfüllt das Autofahren elementare Bedürfnisse, wie das Bedürfnis nach Spannung oder Aufregung.

Oftmals hat es auch eine Funktion zur Erhaltung des Selbstwerts, weil sie sich als gute Autofahrer darstellen können oder als Leute, die sich ein teures Auto leisten können und ihnen gleichzeitig andere Formen der Anerkennung fehlen. Schnelles Fahren wird von ihnen oftmals als Kavaliersdelikt betrachtet. Die Leute überschätzen oft Ihre eigenen Fähigkeiten als Autofahrer und unterschätzen die Risiken, die sie mit ihrer Fahrweise eingehen. Gerade wenn es nicht viel Verkehr hat haben sie das Gefühl, es könne nicht viel passieren.

Normalbürger rasen also nicht aus Frust über den Lockdown?

Dass man als Person, die vorher nie Probleme mit Geschwindigkeit hatte plötzlich zum Raser wird, ist sehr unwahrscheinlich. Sicher kann es auch solchen Personen passieren, dass sie zu schnell fahren, aber nicht in dem extremen Ausmass und nicht so oft. In diesen Fällen passiert es am ehesten aus Unachtsamkeit. Dadurch, dass auf der Strasse nicht viel läuft, passiert es schnell, dass man sich auf etwas anderes, als auf das Fahren konzentriert und dann nicht genug auf die Geschwindigkeit oder die Umgebung achtet, was dann auch wiederum gefährlich sein kann.

Dass man als Person, die vorher nie Probleme mit Geschwindigkeit hatte plötzlich zum Raser wird, ist sehr unwahrscheinlich. Sicher kann es auch solchen Personen passieren, dass sie zu schnell fahren, aber nicht in dem extremen Ausmass und nicht so oft. In diesen Fällen passiert es am ehesten aus Unachtsamkeit. Dadurch, dass auf der Strasse nicht viel läuft, passiert es schnell, dass man sich auf etwas anderes, als auf das Fahren konzentriert und dann nicht genug auf die Geschwindigkeit oder die Umgebung achtet, was dann auch wiederum gefährlich sein kann.

Leere Strassen verleiten dazu, sich nicht auf den Verkehr zu konzentrieren, auch dort, wo es nötig wäre. Zudem ist es auch denkbar, dass im Moment Leute die krank sind eher einmal das Auto benutzen, statt die öffentlichen Verkehrsmittel und dabei ist dann das Risiko, dass die Leistungsfähigkeit herabgesetzt ist, also beispielsweise die Konzentrationsfähigkeit und die Reaktionsfähigkeit.

Was empfehlen Sie den Autofahrern in der jetzigen Situation?

Es ist generell nicht empfehlenswert, unter dem Einfluss von starken emotionalen Zuständen zu fahren, beispielsweise, wenn man sich Sorgen macht, wie es im Moment vielleicht öfter der Fall sein kann, wenn man etwa berufliche Existenzängste hat. Aber auch wenn man sich ärgert oder traurig ist oder euphorisch. Dies, weil man sich dann unter Umständen weniger aufmerksam ist oder die Tendenz hat, sich impulsiv zu verhalten. Dann sollte man am besten versuchen, sich zuerst ein bisschen zu beruhigen, bevor man fährt, damit man die Fahraufgabe bewusst und sicher wahrnehmen kann.

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45 Kommentare
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Autoliebhaber

20.04.2020, 01:30

Ich finde es zu 100% richtig dass solche Raser zur Rechenschaft gezogen werden... was mich aber richtig nerft ist, dass die meisten Leser mit solchen Berichten alle Autofahrer unter 30 mit einem sportlichen Auto in den gleichen Topf werfen (ich 27. audi rs6 gekauft,nein nicht von papas geld) wieviele herablassende Blicke, und fragen wie ich mir den dass leisten könne schon über mich ergehen lassen musste... würde mich freuen dass ab und zu in diesen Berichten zu lesen, JUNG UND TEURES AUTO NICHT= RASER. Danke...

Wundersam

19.04.2020, 23:40

Wo ist die Begründung, warum es sich vermehrt um ausländische Mitbürger handeln, welche mit PS Boliden unterwegs sind?

MG

19.04.2020, 23:00

Super Beitrag. Ich besitze ein Tuning-Fz und wurde in der letzten Woche drei kontrolliert :P