Economiesuisse zu 1:12: Lehre aus dem Abzocker-Debakel gezogen?

Aktualisiert

Economiesuisse zu 1:12Lehre aus dem Abzocker-Debakel gezogen?

Anfang Jahr hat die Economiesuisse wohl massgeblich zur Annahme der Abzocker-Initiative beigetragen. Nun stimmt die Wirtschaft mildere Töne zur 1:12-Initiative an.

von
jam

Als Reaktion auf eine Studie der Gewerkschaft Travailsuisse, die zeigt, in welchen Firmen die Lohnschere am weitesten aufklafft, wollte es die «Neue Luzerner Zeitung» genau wissen: Mit welcher Strategie wollen die Konzerne einer allfälligen Annahme der 1:12-Initiative der Jungsozialisten begegnen? Nun hat die Zeitung den Fragenkatalog ausgewertet, den sie 27 Unternehmen zugestellt hat.

Noch im Oktober 2012 hatte Peter Athanas, damals Verwaltungsrat bei Schindler, in einem Interview allfällige Abwanderungsgelüste des Ebikoner Liftbauers nicht nur nicht dementiert, sondern sich gar zu einer Drohung hinreissen lassen: «Ich drohe ungern, aber wir wären gezwungen, unsere Konzernzentrale zu verlegen.» Ein Steilpass für die Jungsozialisten: Sofort schossen sich die Initianten auf den Konzern ein, der rund 44'000 Mitarbeiter beschäftigt. Athanas erhielt von der Juso gar ein Ticket nach Somalia angeboten.

Das Unternehmen hat aus dem kommunikationstechnischen Fehlverhalten seine Lehren gezogen. In der jüngsten Umfrage der NLZ lässt sich die Kommunikations-Abteilung des Liftbauers nicht mehr auf die Äste hinaus: «Für den Fall einer Annahme der Initiative sind wir daran, Abklärungen zu treffen. Derzeit ist jedoch noch nichts endgültig entschieden», lässt Schindler ausrichten.

Drohungen sind höchstens zwischen den Zeilen zu hören

Ähnlich klingt es bei anderen Unternehmen: «Wir drohen nicht mit Auswandern», sagt stellvertretend Nestlé-Chef Peter Brabeck. Allerhöchstens zwischen den Zeilen lassen gewisse Firmen verlauten, dass ein Wegzug der Firma ins Ausland durchaus in Frage komme. Man könne jedoch zum jetzigen Zeitpunkt diese Frage «noch nicht abschliessend beantworten», sagt ein Sprecher des Walliser Chemie- und Pharmaunternehmens Lonza.

Auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse schwenkt auf diesen Kurs ein. «Drohen ist das Dümmste, was man machen kann», sagt deren Präsident Heinz Karrer gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Hat der Verband damit die Lehren aus dem Debakel im Vorfeld der Abzockerinitiative gezogen? Damals hatte die Economiesuisse mit einem Videofilm für Empörung gesorgt, der von Star-Regisseur Michael Steiner hätte produziert werden sollen, allerdings nie das Licht der Welt erblickte. In dem Film «Grounding 2026» zeichnete der Regisseur ein Schreckensszenario zur Zukunft der Schweiz, wie es im Falle einer Annahme der Initiative hätte eintreffen können. Die «Wochenzeitung» hatte damals das Storyboard des Films veröffentlicht.

Der Schuss ging nach hinten los. Die Initiative von Thomas Minder wurde vom Stimmvolk mit wuchtigen 67,9 Prozent angenommen. Ein ähnliches Szenario bei der 1:12-Initiative will Economiesuisse mit den milden Tönen nun offenkundig verhindern.

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