Aktualisiert 05.04.2007 13:02

«Lehrer brauchen die Macht zurück»

«Was willst du hier, du fette Schlampe», schleudert der knapp 13jährige Schüler der schlanken Reporterin entgegen, und stellt sich ihr entschlossen in den Weg.

Hoppla, das Schulhaus Borrweg in Zürichs schönem Friesenbergquartier hält auf den ersten Blick, was die Medienberichte der vergangenen Tage versprechen. Mehr ist aus erster Schülerhand aber nicht zu erfahren. «Die Lehrer haben uns gesagt, dass wir nichts sagen dürfen», erklären die Befragten unisono. Und daran halten sich die Schüler, die sich sonst scheinbar an gar nichts halten und schweigen eisern. Nur ein Mädchen erklärt: «Wir können doch gar keine Horrorschüler sein. Wir machen ja sogar die Hausaufgaben.» Die Lehrer flüchten links und rechts regelrecht in die Mittagspause. Auch sie haben die Weisung, nicht mit Medien zu sprechen. Dann kommt die Abwartsfrau und jagt die Reporterin vom Platz: «Haben Sie nicht die gelbe Linie gesehen!» Die Schule ist zur Bannmeile für die Medien geworden.

Kampfsportler geht mit Stuhl gegen Lehrerin los

Dafür melden sich immer mehr Lehrer bei 20minuten.ch. So etwa Marco Torsello, der inzwischen als glücklicher Pädagoge in Schaffhausen tätig ist. Mit Schaudern erinnert er sich an seine Aushilfszeit in Zürich und an die absolute Ohnmacht, die er damals erfuhr: «Ich unterrichtete vor zwei Jahren in einem Schulhaus im Einzugsgebiet vom Kreis 4 und 5 in Zürich als Reallehrer. Einer unserer Schüler im 9. Schuljahr warf damals im Kochunterricht einen Stuhl auf die Lehrerin, weil er einfach etwas anderes kochen wollte. Dieser Schüler verhielt sich täglich 'neben den Schuhen'. Seiner Klassenlehrerin ist nach dieser Aktion der Kragen geplatzt und sie hat einen Antrag der Schulpflege gestellt um ihn von der Schule zu verweisen.»

Von der Schulpflege war kam allerdings keine Unterstützung. Trotz des tätlichen Angriffs solle die Lehrerin den Antrag zurückziehen, beschied man ihr von dieser Stelle. Der Schüler müsse ja nur noch 6 Wochen in die Schule. Es wäre schade, wenn er jetzt deshalb keinen Schulabschluss bekäme. Dabei war bekannt, dass der Schüler und auch seine Eltern schon diverse Mahnungen erhalten hatten. Von Besserung konnte aber nicht die Rede sein.

«Auch ich hatte diesen Schüler im Unterricht in der Mathematik, Sport und Deutsch», schreibt Lehrer Torsello. Der verschaffte sich dank seiner Teakwandoo-Künste, die er sich bei Bashkim Berisha angeeignet hatte, bei Schülern und Lehrer gleichermassen Respekt. Die Jungen nahm er permanent in den Schwitzkasten - immerhin verletzte er nie jemand.»

In der Mathe waren er und ein anderer Junge «lernzielbefreit», das heisst, es wurde keine Leistung erwartet. «Diese beiden Jungen sassen nur dort, lasen die '20 Minuten' und störten die anderen.» Viel machen konnte Torsello nicht: «Wenn es zu laut war, schickte ich sie raus, einmal sogar nach Hause. Das ging aber auch nicht, da sie dann einfach bei anderen Klassen in den Unterricht watschelten oder im Schulhof Blödsinn machten. Ich war wirklich froh, als meine befristete Anstellung von 10 Wochen vorüber war.»

«Fuck you»

Ähnliche Ohnmachtsgefühle schildert gegenüber 20minuten.ch auch eine Lehrerin aus einer Schule in Wollishofen, die wie die Schule Borrweg zum Schulkreis Uto gehört. Sie spüre seit rund 10 Jahren einen Trend, dass Schüler ihre Lehrer «einfach fertig machen wollen.» Die Lehrerin hat vorher 14 Jahre im Kreis 4 Schule gegeben - «ohne Probleme», wie sie sagt. In Wollishofen wurde sie dann mit einer anderen Realität konfrontiert. Sie wurde von ihren Schülern gemobbt. Die hatten auch vor Ausdrücken wie «Fuck you...» gefolgt von ihrem Namen keine Scham. Nahm sie die Kinder aber härter in die Mangel, wurde es für sie noch ungemütlicher. Ein Vater sprach vor versammelter Klasse Morddrohungen gegen die Lehrerin aus.

Nach diesem Vorfall meldete sie sich bei der Polizei und erstattete Anzeige. Diese Reaktion habe dem Präsidenten der Kreisschulpflege, Andreas Rüegg, wiederum nicht gepasst. «Ich wurde als Denunziantin abgestempelt», erinnert sich die Lehrerin. Anfang Jahr hielt sie das Mobbing nicht mehr aus. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, seither ist sie krank geschrieben. Über Rüegg sagt sie: «Die Lehrer werden überhaupt nicht unterstützt.»

Lehrern sind die Hände gebunden

Schüler, die mobben, Eltern, die einem in den Rücken fallen, Schulleitungen, die einem nicht unterstützen: Die Anzeichen verdichten sich, dass es sich dabei längst nicht um Einzelfälle handelt. Es scheint bereits an vielen Schulen Normalität. Muss sich ein Lehrer das Gefallen lassen?

Für viele Lehrpersonen scheint klar: «Die Lehrer brauchen die Macht zurück.» Diese klaren Worte stammen von einem 59-jährigen Lehrer aus dem Kanton Bern. Für den Pädagogen haben heute die Kinder alle Rechte im Klassenzimmer. Das Recht der Lehrer sinkt in gleichem Masse dem Nullpunkt entgegen. Eltern verlangen von den Lehrern, härter durchzugreifen. «Sobald es aber um ihr eigenes Kind geht, sind sie die ersten, die sich beim Lehrer, der Schulleitung oder der Schulpflege beschweren», so der Lehrer. Kinder für die Situation verantwortlich zu machen, war zu lange ein Tabu. Der Fehler wurde beim System, den Methoden, den Lehrern gesucht. Für den Berner Pädagogen ist aber klar: «Den Lehrern sind völlig die Hände gebunden.»

Deshalb müsse es den Lehrern wieder möglich sein, Schüler wie im Fall der Zürcher Klasse vom Borrweg, nach Hause schicken zu können. «Das ist unbedingt nötig. Wenn wir nicht so handeln dürfen, haben die Kinder auch keinen Respekt mehr», so der Pädagoge. Die Kinder seien in sehr vielen Fällen nur darauf aus, zu provozieren. «Und alle warten darauf, bis der Lehrer durchdreht.» Die Handys sind bei den Ausrastern der Lehrer griffbereit, das Video im Handumdrehen auf Videoportalen wie Youtube erhältlich, der Lehrer der Depp.

Eigentlich wollte der Berner Lehrer seine Pensionierung mit 65 feiern. Nun steht der 59-jährige vor der Frühpensionierung. Er sagt: «Ich habe keine Freude mehr an solchen Kindern.»

Ein Dilemma, das sich bei vielen Lehrern zeigt: Sie wollen anonym bleiben. Gerade jene, die immer noch an der Front tätig sind, tun sich schwer, sich zu exponieren. Denn sie müssen am nächsten Tag wieder vor ihre Klasse treten. Die Angst, sich durch Äusserungen bei der Klasse noch unbeliebter zu machen, scheint momentan zu gross.

meg/voi

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