Aktualisiert 28.06.2018 09:10

Höhere Löhne

«Lehrer haben nicht mehr Ferien als andere»

Dass Lehrer höhere Löhne fordern, halten viele Menschen für ungerechtfertigt. Eine Primarlehrerin kontert kritische Kommentare der Leser.

von
B. Zanni
«Vielen Menschen scheint nicht bewusst zu sein, wie anspruchsvoll unser Alltag ist», sagt Primarlehrerin Eliane Voser. Deshalb seien höhere Löhne für Lehrer nur gerecht.

«Vielen Menschen scheint nicht bewusst zu sein, wie anspruchsvoll unser Alltag ist», sagt Primarlehrerin Eliane Voser. Deshalb seien höhere Löhne für Lehrer nur gerecht.

Keystone/Peter Schneider

Mit ihrer Forderung nach höheren Löhnen hat die Lehrerschaft in ein Wespennest gestochen. «Die Saläre der Lehrer sind zu tief. Das macht den Beruf unattraktiv», sagte Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Lehrerdachverbands LCH, und löste damit eine grosse Kontroverse aus. Leser haben mit über 2000 Kommentaren reagiert. Einige stempeln Lehrer als faule Jammerlappen ab – ein maximaler Jahreslohn von 119'586 Franken in der Primarschule rechtfertige keine höheren Löhne. Lehrer dagegen wehren sich und behaupteten, deutlich weniger zu verdienen.

Franziska Peterhans betont: «Die Löhne der Lohndatenerhebung der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz sind sehr oft theoretisch und werden nicht wirklich erreicht.» Unter den Kantonen bestünden zudem grosse Unterschiede. «Im Kanton Graubünden beträgt der Anfangslohn für Primarlehrer 72'000 Franken», hält sie fest. «Das ist deutlich zu wenig.» Weiter nennt sie das Beispiel einer 37-jährigen Lehrerin im Kanton Luzern. «Nach 15 Dienstjahren verdient sie nicht einmal 90'000 Franken pro Jahr – und das bei einer oft 50- bis 55-Stunden-Woche.»

Drei Wochen Überzeit

Die Arbeitszeiterhebung der Lehrer zeigt laut Peterhans zudem, dass Lehrer pro Jahr durchschnittlich 2050 Stunden und damit drei Wochen kostenlos Überzeit arbeiteten. Auch Eliane Voser, Primarlehrerin an der Schule Neuenhof im Kanton Aargau, die vor einigen Jahren für höhere Lehrerinnenlöhne bis vor Bundesgericht zog, kämpft für mehr Lohn. Im Folgenden stellt sie sich den kritischsten Kommentaren:

Wer glaubt, dass wir uns über einen angemessenen Lohn beklagen, täuscht sich. In den ersten zehn Berufsjahren gibt es im Kanton Aargau praktisch keinen Lohnanstieg. Hier erreichen Primarlehrpersonen einen Bruttolohn von 120'000 Franken erst ganz am Ende ihrer Karriere. Das hat zur Folge, dass junge Lehrpersonen in einen anderen Kanton unterrichten gehen oder dann den Beruf aufgeben. Die Abwanderung junger Lehrpersonen war noch nie so gross wie in den letzten Jahren.

In der Pflege besteht ein ähnliches Problem wie im Lehrerberuf: Da in diesen Berufen vor allem Frauen arbeiten, sind die Löhne einfach tiefer, was ungerecht ist. Trotzdem übe auch ich meinen Beruf natürlich mit Leibe und Seele aus! Vielen Menschen scheint aber nicht bewusst zu sein, wie anspruchsvoll unser Alltag ist.

Lehrer zu sein, bedeutet Multitasking hoch 20. Ein typisches Beispiel: Ich habe Pausenaufsicht, verarzte dabei ein paar Kinder, kehre ins Klassenzimmer zurück und treffe auf ein Kind, das ein Problem hat, weil es sich mit einem Gspänli gestritten hat. Der Rest der Klasse wartet ungeduldig, bis der Unterricht beginnt. Gleichzeitig kommt ein anderes Kind mit einem Problem auf mich zu – und vielleicht taucht auch noch ein Mami auf, das ein Anliegen hat. Der Lehrerberuf ist aber viel mehr als ein Job, es ist ein zentraler Punkt in meinem Leben. Doch auch ein Arzt liebt seine Arbeit und hat trotzdem Anrecht auf einen gerechten Lohn.

Lehrer haben nicht mehr Ferien als andere Berufsleute. Dass wir uns die Zeit einteilen können, ist zwar ein grosser Pluspunkt. Leider geht das heute aber nur noch in der unterrichtsfreien Zeit, also in unseren Ferien. Pro Jahr liegt unsere Sollarbeitszeit bei rund 1900 Stunden. Daraus ergeben sich pro Woche 42 Stunden mit vier bis fünf Wochen Ferien. Zusätzlich leisten wir Erhebungen zufolge rund drei Wochen unbezahlte Überstunden.

Am letzten Sonntag schaute ich den Match von Roger Federer – und schlief ein. Ich fragte mich danach, wie es so weit kommen konnte. Dann realisierte ich, dass ich die Woche zuvor 62 Stunden gearbeitet hatte. Mit einer 42-Stunden-Woche kommt man einfach nicht mehr durch. Mit den Reformen prasselt wahnsinnig viel Neues und Anspruchsvolles auf die Lehrpersonen ein. Das ist im heutigen gesellschaftlichen Umfeld oft richtig, müsste aber mit anderweitiger Entlastung ausgeglichen werden. Es wird erwartet, dass wir die Kinder individuell fördern und in allen Bereichen zusätzliche Lerninhalte bieten.

Heute müssen wir etwa mit der Sexualerziehung oder dem Einhalten von Anstand Themen behandeln, die früher ins Elternhaus gehörten. Auch stellt uns das zunehmend multikulturelle Umfeld vor Herausforderungen. Dazu sind die Eltern heute, was oftmals auch positiv zu werten ist, viel kritischer als früher. An manchen Schulen nehmen sie jedoch jedes Arbeitsblatt auseinander und hinterfragen jede Prüfung. Viele Lehrpersonen enden deshalb in einem Burn-out. Die vermehrte Belastung machte sich bei mir auch schon in schlaflosen Nächten bemerkbar, weil mir ein Kind grosse Sorgen bereitete oder ich nicht wusste, ob mir unrecht getan wird.

Bestimmt gibt es überall, auch unter den Lehrern, «faule Eier». Der grösste Teil der Lehrpersonen ist aber engagiert. Wer einen guten Unterricht leisten will, muss diesen auch bei wiederkehrenden Themen laufend der aktuellen Zeit und der Klasse anpassen. Mein Unterricht ändert sich von Jahr zu Jahr. Dass ich in die Schublade greife und alten Stoff hervorhole, kommt nur vor, wenn es sich um bewährtes Übungsmaterial handelt. Aber auch dieses baue ich dann immer wieder anders in den Unterricht ein.

Viele Lehrpersonen arbeiten nicht Teilzeit, weil sie sich dies leisten können. Vielmehr sind sie aus gesundheitlichen Gründen dazu gezwungen. Nur mit einem reduzierten Pensum ist es ihnen möglich, ihre Arbeit zu bewältigen. Eine gute Lehrperson zu sein, ist heute hoch anspruchsvoll.

Ich wohne mit meiner studierenden Tochter in einem Reihenhäuschen, wir haben ein Occasionsauto und kochen immer selber. Ich esse wenig auswärts, gehe kaum in die Ferien, leiste mir aber hin und wieder einen Konzertbesuch. Ich verdiene mit meinem 100-Prozent-Pensum als ältere Lehrperson genug für ein gesichertes Leben. Doch der Lohn ist leider nachweislich tiefer als jener von Berufen mit vergleichbaren Belastungen, Ansprüchen und Studienabschlüssen. Auch darf man nicht vergessen, dass unsere Stellen nicht gesichert sind. Die Unterrichtsstunden werden jedes Jahr wieder neu verteilt. Fixe Verträge gibt es aufgrund der variierenden Klassengrössen nicht mehr. Ich muss also immer damit rechnen, plötzlich nur noch wenige oder vielleicht sogar gar keine Stunden mehr zu bekommen.

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