Lehrer-Mobbing im Internet: Britannien unter Schock
Aktualisiert

Lehrer-Mobbing im Internet: Britannien unter Schock

Einem Lehrer wird die Hose heruntergezogen, eine Pädagogin wird in pornografisches Bildmaterial montiert - und kurze Zeit später ist das Bildmaterial jedermann zugänglich: In Grossbritannien sorgt der neue Trend «Cyber-Bullying» für Aufregung - und kranke Lehrer.

Als der Lehrer im Schottischen Cumbernauld nahe Glasgow einige Sätze auf die Wandtafel schrieb, dachte er nicht im Entferntesten daran, dass sich sein Leben in den nächsten paar Sekunden ändern würde. Doch dann schoss hinter seinem Rücken ein Schüler wie ein Pfeil auf den Lehrer zu und riss ihm unvermittelt die Hose herunter. Nach einer Schrecksekunde zog sich der Lehrer die Hose wieder über die Unterhose und stürzte auf den Jungen zu.

Wäre dies das Ende der Geschichte, sie könnte als klasseninterner Schülerscherz abgetan werden. Doch die Szene wurde von Mitschülern gefilmt, landete kurz darauf auf der Internetplattform YouTube, ging um die Welt und löste in Grossbritannien eine grosse Diskussion über einen neuen Trend aus: Das Cyber-Bullying. Dabei handelt es sich um eine Form von Mobbing und Belästigungen, bei der technische Geräte wie Handys oder Computer zum Einsatz kommen. Die digitalen Möglichkeiten sind mittlerweile vielfältig - genauso wie Varianten des Cyber-Bullying: Obszöne SMS, beleidigende E-Mails, blossstellende Aufnahmen, wortloses Auflegen nach einem Anruf oder Diffamieren von Opfern in Chatrooms.

«Grausam und unbarmherzig»

Die englische Lehrervereinigung ATL stellt eine deutliche Zunahme dieser Form der Belästigungen in den letzten Jahren fest. Eine Untersuchung des Verbands ergab, dass 17 Prozent der befragten britischen Lehrer schon einmal mit Hilfe von Handy oder E-Mail belästigt wurden. Immer mehr leiden unter der öffentlichen Blossstellung so sehr, dass sie krank werden und schliesslich den Beruf wechseln. Nun hat sich Erziehungsminister Alan Johnson in die Diskussion eingemischt: «Die Online-Schikanen gegen Lehrer müssen aufhören», erklärte Johnson gemäss Medienberichten von heute. Das Cyber-Bullying sei «grausam und unbarmherzig».

Das Mobbing über den elektronischen Weg betrifft aber längst nicht nur Lehrer. Rund ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler sind gemäss einer Studie in den letzten Monaten mindestens einmal von Cyber-Bullying betroffen worden. Darüber reden können nur die wenigsten.

Doch die Folgen sind für viele verheerend. So musste eine Lehrerin monatelang psychisch betreut werden, nachdem Schüler ihr Gesicht in ein Foto hineinmontierten. Sie wurde in pornografischer Pose gezeigt, das Foto landete im Internet. «Die Lehrer werden öffentlich gedemütigt. Ihr Ruf wird beschädigt, der berufliche Stolz und das Selbstvertrauen leiden stark», bemerkte die Vorsitzende der Lehrervereinigung, Mary Bousted. Allerdings machen nur ein Drittel der von der Vereinigung befragten Lehrer die Schüler für die Belästigungen verantwortlich. Auch Kollegen, Vorgesetzte oder sogar Eltern von Schülern seien unter den Übeltätern.

Appell an die Website-Betreiber

Dem Phänomen Cyber-Bullying wird nun der Kampf angesagt. Johnson kündigte schärfere Massnahmen an den Schulen an. So dürfen Lehrer ab sofort Handys und Digitalkameras konfiszieren, die zu Zwecken des Cyber-Bullyings benutzt werden. Zudem appelliert er an die Betreiber von Websites, keine peinlichen oder beleidigenden Fotos oder Videos von Lehrern oder Schülern mehr zu veröffentlichen. «Ich rufe die Betreiber dieser Websites auf, energischer dagegen vorzugehen und solche beleidigenden Schulvideos zu blockieren», sagte Johnson.

Im Fall des entblössten Lehrers aus Cumbernauld hat die Botschaft bereits Wirkung gezeigt. Das Video wurde von der Plattform YouTube entfernt. Die Bilder aber sind längst um die Welt gegangen.

(meg)

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