Bildung: Lehrer proben Aufstand gegen Sparprogramm
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BildungLehrer proben Aufstand gegen Sparprogramm

Mehr als eine Milliarde Franken soll bis 2019 bei der Bildung gespart werden. Die Lehrer wehren sich – und wenden sich in ihrer Verzweiflung sogar an die Eltern.

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Es ist ein Hilfeschrei: In einem Brief, den die Schüler der Kantonsschule Enge und ihre Eltern diesen Monat erhielten, findet der Rektor Christoph Wittmer deutliche Worte zu den Sparplänen des Kantons: Diese könnten «zu einem markanten Leistungsabbau in der Bildung führen», heisst es darin. Wenn das Budget gekürzt werde, sei die Chance der Jugend «auf bestmögliche Ausbildung» in Gefahr.

Zürich ist nicht allein: In praktisch allen Kantonen soll im Bildungsbereich massiv gespart werden, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Bis 2018 sind kantonale Sparprogramme in der Höhe von 535 Millionen Franken geplant, und es dürften noch mehr werden. Auch der Bundesrat will bei der Bildung, Forschung und Innovation sparen: Die Hochschulen und Universitäten sollen bis 2019 rund 555 Millionen Franken weniger erhalten als geplant. Gemäss dem «Tages-Anzeiger» sind nicht nur die Lehrerlöhne, sondern auch das Unterrichtsangebot und Förderangebote für schwache Schüler betroffen. Im Aargau sollen etwa beim Fach «Deutsch als Zweitsprache» 11 Millionen Franken gespart werden.

Beschwerde beim Bundesgericht

Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands (LCH), ist konsterniert. «Die Qualität des Unterrichts leidet unter solchen Sparübungen massiv». Schüler mit Migrationshintergrund sowie besonders schwache und besonders starke Schüler hätten das Nachsehen. Auch spiele der Kanton Thurgau etwa bereits mit der Idee eines Schulgeldes, welche die Eltern zahlen müssten. «Wir prüfen eine Beschwerde beim Bundesgericht, denn solch ein Schulgeld wäre wahrscheinlich verfassungswidrig.»

In Zürich haben bereits über 4000 Personen ein Manifest unterzeichnet, welches von den Verantwortlichen der Bildungsinstitutionen und -verbände des Kantons verfasst wurde. «Sämtliche Bildungsstufen, von den Volksschulen bis hin zur Universität sind dabei», sagt Christoph Wittmer, Rektor der Kantonsschule Enge. «Wir wollen mit dem Tag der Bildung in einen Dialog mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft treten». Dazu plane man Podiumsdiskussionen und einen Tag der offenen Tür, an dem man den Wert der Bildung aufzeigen und über die Zukunft sprechen wolle.

An der Kantonsschule Enge müsste man umgerechnet etwa eine Million Franken einsparen. «Selbst wenn wir sämtliche Freifächer, Projektwochen und Schulreisen streichen würden, kämen wir nur auf die Hälfte dieser Zahl», sagt Rektor Wittmer. Weitere Möglichkeiten seien, grössere Klassen zu schaffen oder gar weniger Schüler ins Gymnasium zuzulassen. «Bei der Klassengrösse sind wir jetzt schon an einer Grenze angelangt, mit bis zu 30 Schülern im Untergymi. Und die Gymnasialquote liegt bereits unter dem Schweizer Mittel. Wenn wir also weniger Schüler aufnehmen sollen, steigt der Druck, Vorbereitungskurse zu besuchen, die sich nicht alle leisten können.»

«Armutszeugnis für die Schweiz»

Auch Matthias Aebischer, SP-Nationalrat und Präsident der Bildungskommission, findet die Sparbemühungen falsch. «Wenn wir aus finanziellen Gründen jungen Leuten den Zugang zum Gymnasium verwehren müssen, ist das ein Armutszeugnis für das Top-Bildungsland Schweiz.» Vor der Wahl sei er noch belächelt worden, weil er gegen Bildungskürzungen einsetzte. «Es hiess, niemand wolle bei der Bildung sparen. Nun sieht das wieder ganz anders aus.»

Für Felix Müri, SVP-Nationalrat und Vizepräsident der Kommission, ist das Sparprogramm hingegen eine nachvollziehbare Korrektur. «In den letzten 20 Jahren haben sich unsere Bildungsausgaben verdoppelt.» Diese Entwicklung sieht er als Folge der Akademisierung. Immer häufiger brauche man in der Arbeitswelt einen Bachelor oder Master. «Das ist ja an sich auch nicht schlecht, aber wir müssen lernen, mit den bestehenden Mitteln auszukommen, anstatt immer mehr zu fordern.»

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