ADHS-Verdacht: Lehrer schicken auffällige Schüler zum Hirn-Check
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ADHS-VerdachtLehrer schicken auffällige Schüler zum Hirn-Check

Viele Schüler müssen wegen Verdachts auf eine Aufmerksamkeitsstörung zur Hirnstrom-Messung. Das verunsichert und kränkt die Eltern.

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B. Zanni/S. Ehrbar
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Schweizer Kinderärzte stellen eine zunehmende Nachfrage nach Hirnstrom-Messungen (EEG) fest. Damit sollen Kinder auf die ADHS-Störung getestet werden.

Schweizer Kinderärzte stellen eine zunehmende Nachfrage nach Hirnstrom-Messungen (EEG) fest. Damit sollen Kinder auf die ADHS-Störung getestet werden.

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Das ist nicht unproblematisch. Das Gehirn der Kinder untersuchen lassen zu müssen, kränke manche Eltern und lasse sie zu Unrecht glauben, ihr Kind sei behindert, sagt der Psychotherapeut Francois Gremaud.

Das ist nicht unproblematisch. Das Gehirn der Kinder untersuchen lassen zu müssen, kränke manche Eltern und lasse sie zu Unrecht glauben, ihr Kind sei behindert, sagt der Psychotherapeut Francois Gremaud.

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Auch der Familientherapeut Jürgen Feigel warnt vor zu viel Aktivität: «Wird Eltern bei jeder Auffälligkeit eine Hinstrom-Messung nahegelegt, löst das grosse Ängste aus», sagt er.

Auch der Familientherapeut Jürgen Feigel warnt vor zu viel Aktivität: «Wird Eltern bei jeder Auffälligkeit eine Hinstrom-Messung nahegelegt, löst das grosse Ängste aus», sagt er.

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Der Kopf ist verkabelt. Die Elektroden an der Gummihaube auf dem Kopf des Patienten messen jede Aktivität des Gehirns und zeichnen sie auf einem Bildschirm auf. Solche Hirnstrommessungen oder Elektroenzephalogramme (EEG) lässt mittlerweile eine Vielzahl von Kindern über sich ergehen. Damit wird abgeklärt, ob sie an einer Aufmerksamkeitsstörung wie ADHS leiden (siehe Box).

«Wir stellen eine steigende Nachfrage fest», sagt Nadja Meier, Neuropsychologin in der psychiatrisch-psychologischen Praxis Psy-Bern. «Die Erkenntnis, dass etwa Konzentrationsprobleme in der Schule mit neurobiologischen Auffälligkeiten zusammenhängen, hat sich je länger, je mehr auch in der Bevölkerung etabliert.» Auch Elena Arici, Geschäftsführerin der Praxis Lernwerk, bestätigt: «Jährlich nimmt die Nachfrage nach Neurofeedbacks um zehn Prozent zu.»

«Verdacht ist oft unbegründet»

Das ist nicht unproblematisch. Der klinische Psychologe und Psychotherapeut Francois Gremaud empfängt immer wieder aufgelöste Eltern. «Vor der Abklärung braucht es sehr viel Beziehungsarbeit», sagt er. Rate die Schule zu einer Hirnstrommessung, sei das für manche Eltern ein Schock. «Das Gehirn ihres Kindes untersuchen lassen zu müssen, kränkt sie und lässt manche zu Unrecht sogar glauben, ihr Kind sei behindert und müsse in eine Sonderschule wechseln.»

Oft stelle sich der ADHS-Verdacht als unbegründet heraus, sagt Gremaud. «Auffällig verhält sich das Kind, weil die Eltern ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenken.»

Familientherapeut Jürgen Feigel mahnt vor voreiligen ADHS-Abklärungen. «Wird Eltern bei jeder Auffälligkeit ihres Kindes eine Hirnstrommessung nahegelegt, löst das grosse Ängste aus.» Viele Eltern hätten dann den Eindruck, ihr Kind sei «behindert» oder «abnormal». Auch machten sich die Eltern Vorwürfe, etwas falsch gemacht zu haben.

Feigel sieht der Tendenz zu immer mehr Therapien, die Lehrpersonen und Schulpsychologen empfehlen, skeptisch. «Oft haben Konzentrationsstörungen auch mit den neuen Medien zu tun und eventuell auch ungesunder Ernährung.»

«Nicht Sache der Lehrer»

Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, betont, dass Empfehlungen zu Hirnscans nicht zum Auftrag einer Lehrperson gehörten. «Sie sollen Beobachtungen mitteilen. Alles Weitere ist Sache von Schulpsychologen und Ärzten.»

In den meisten Fällen verordne zwar auch der Kinderarzt oder Psychiater dem Kind eine Hirnstrommessung, sagt Nadja Meier von der Praxis Psy-Bern. «Zuvor erfolgte beim Kind etwa aufgrund von psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder schulischen Schwierigkeiten eine psychiatrische Abklärung.»

Die Fachpersonen berichten aber, dass auch Lehrer zu solchen Messungen ermuntern würden. Elena Arici von der Praxis Lernwerk: «Meist hat die Lehrperson festgestellt, dass das Kind sich nicht konzentrieren kann oder sich im Unterricht unruhig und störend verhält.»

Kinder leiden unter Scheidungen

In rund 80 Prozent der Fälle führt eine EEG als Ergänzung zur herkömmlichen ADHS-Abklärung laut Meier tatsächlich zu einer ADHS-Diagnose. «In anderen Fällen erkennen wir kein ADHS-Muster.» Oft hätten Lehrer das zu Unrecht vermutet, weil sie die Probleme der Schüler falsch verstanden hätten.

So verhielten sich viele Kinder auch nur unruhig, weil die Klasse lärmig sei oder die Lehrperson mit ihrem Verhalten nicht umgehen könne. «Oft bemerken Eltern auch nicht, dass das Kind unkonzentriert arbeitet, weil es unter der Scheidung oder dem Leistungsdruck leidet.»

So sieht ein quantitatives EEG für ein Neurofeedback-Training in der Praxis aus:

Handys und Multimedia sind ein Problem

Wer an einer Aufmerksamkeits/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leidet, hat häufig Mühe, sich zu fokussieren und handelt impulsiv. Kinderarzt Roland Kägi, Co-Präsident der ADHS-Fachgesellschaft, sagt, oft seien das Arbeitsgedächtnis und/oder die Verarbeitungsgeschwindigkeit sehr tief. In 80 bis 90 Prozent der Fälle helfen Medikamente wie Ritalin. «Noch in den 80er-Jahren wurde die Diagnose gar nicht gestellt, oder die Eltern waren schuld», sagt er. «Die nicht behandelten Kinder konnten keine gute Ausbildung geniessen und rutschten nicht selten in die Sozialhilfe oder Drogensucht ab.»

Mittlerweile würden Eltern die Krankheit kennen und Lehrer in der Ausbildung sensibilisiert. Deshalb würden mittlerweile 60 bis 70 Prozent der Fälle diagnostiziert. Der moderne, hektische Alltag sei ein Problem. «Dadurch werden ADS-Patienten häufiger und früher klinisch auffällig», sagt Kägi. «In der Schule haben die Kinder vielleicht ein Handy, es gibt multimedialen Unterricht. Irgendwann ist das Mass voll und sie haben keine Kapazität mehr, nicht relevante Dinge wegzufiltern.»

Jedes zehnte Kind betroffen

Etwa 5 bis 10 Prozent der Kinder leiden unter ADHS. Diese Zahl sei seit Jahrzehnten stabil, sagt Arzt Roland Kägi. Bei den Erwachsenen sind 2,5 bis 5 Prozent betroffen. Die Störung wird meist mit Medikamenten mit dem Wirkstoff Methylphenidat, etwa Ritalin, behandelt. 2016 wurden in der Schweiz 344 Kilogramm Methylphenidat-haltige Arzneimittel ausgeliefert, wie Zahlen von Swissmedic zeigen – eine Verdoppelung innert zehn Jahren.

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