Schulunterricht: Lehrer sollen über Transkinder sprechen

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SchulunterrichtLehrer sollen über Transkinder sprechen

«Jugendliche, die im falschen Körper leben, outen sich noch immer selten», sagt eine Expertin. Ein flächendeckendes Handlungskonzept für Schulen ist umstritten.

von
R. Landolt
«Zu uns kommen etwa Eltern, deren Junge sich massiv wehrt, auf die Herren-Toilette zu gehen» sagt Dagmar Pauli vom Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst der Universitätsklinik Zürich.

«Zu uns kommen etwa Eltern, deren Junge sich massiv wehrt, auf die Herren-Toilette zu gehen» sagt Dagmar Pauli vom Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst der Universitätsklinik Zürich.

Alle ein, zwei Wochen meldet sich in Zürich ein Kind oder ein Jugendlicher neu an für eine Sprechstunde über Transidentität; Buben, die sich als Mädchen fühlen, und umgekehrt. Auch beim Dachverband Transgender Network Schweiz häufen sich die Anfragen von Minderjährigen. Die Zürcher Stadtschulärztin Marina Costa fordert deshalb in der NZZ, dass Schulen flächendeckend Aufklärung zum Thema betreiben müssten.

Damit rennt sie beim Transgender Network Schweiz offene Türen ein. Ein Handlungskonzept für Schulen und Kindergärten sei nötig, sagt Tanja Martinez, zuständig für Kinder und Jugendliche bei der Organisation. «Kinder outen sich noch immer selten. Die Dunkelziffer ist hoch.» Sei ein Kind transgender und erhalte nirgends Informationen dazu, sei der Leidensdruck hoch. «Leider ist es so, dass die Akzeptanz je nach Umfeld noch stark variiert.» Es sei deshalb wichtig, dass das Thema in der Schule behandelt werde.

Bereits Vierjährige können sich in ihrem Körper unwohl fühlen

Zwei Drittel, die sich beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Universitätsklinik Zürich beraten lassen, sind laut Chefärztin Dagmar Pauli 13- bis 18-Jährige. Manchmal kämen aber auch Eltern mit ihren vierjährigen Kindern auf Besuch. Sie sorgten sich etwa, wenn ein Junge sich «massiv» wehre, auf die Herrentoilette zu gehen, oder wenn sich ein Mädchen komplett als Junge fühle. Es gehe nicht um Jungen, die mal mit Puppen spielten, oder Mädchen, die sich gerne bubenhaft gäben. «Wir raten den Eltern, die Kinder ihre Bedürfnisse ausleben zu lassen und sie nicht in ein geschlechtsspezifisches Korsett zu pressen.» Denn hielten Betroffene ihre Gefühle unter dem Deckel, würden sie oft depressiv und können suizidgefährdet sein.

«Bei manchen steht die Geschlechtsidentität schon früh fest. Bei anderen zeigt sich in der Pubertät, ob das Kind tatsächlich das andere Geschlecht haben will oder es nur eine Phase war.» Bei den Jüngeren könne man die Pubertät blockieren, um Zeit zu gewinnen. Ist die Identität geklärt, kann man laut Pauli hormonell vorgehen. Oute sich ein Jugendlicher, reagiere das Umfeld «sehr, sehr unterschiedlich». Insbesondere von Schulen wünscht sich Pauli deshalb mehr Offenheit. «Wir müssen die Entwicklung fördern, dass Kinder mit geschlechtsuntypischem Verhalten nicht diskriminiert werden.»

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«Zeichen einer aufgeklärten Gesellschaft»

Nationalrätin Doris Fiala (FDP) pflichtet ihr bei: «Transgendermenschen erleben noch immer sehr viel Stigmatisierung, viel mehr gar als Schwulen und Lesben.» Dass sich mehr Kinder und Jugendliche Hilfe suchten, sei Zeichen einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft. Gegen den Vorschlag, Transidentität zum Pflichtstoff zu erklären, wehrt sich Fiala jedoch: «Ich bin dezidiert der Meinung, dass man der Schule nicht alles aufladen kann – angesichts dessen, was die Lehrer sonst bereits alles leisten müssen.» Die Lehrer sollten Transidentität situativ und individuell thematisieren, wo es angezeigt scheine.

Sebastian Frehner (SVP) meint: «Ich bin ein liberaler Mensch, und von mir aus können diese Leute tun und lassen, was sie wollen.» Aber er sei gegen eine staatliche Pflicht, auf jede Minderheit einzugehen: «Sonst fehlt der Platz für das, was der Normalfall ist.» Wenn in jedem Aufklärungsunterricht fünfzig Prozent der Zeit über Geschlechteridentität einer Kleinstminderheit diskutiert werden müsse, fehle die Zeit, sich um die Anliegen der «Normalos» zu kümmern.

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