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Gefahr im LockdownLehrer stellen blaue Flecken bei Kindern fest

Kinder sind in der aktuellen Situation besonders in Gefahr. Wie angespannt der Familienalltag ist, zeigen erstmals Zahlen von Pro Juventute.

von
roy
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Der Lockdown mit der einhergehenden Isolation belastet Familien. (Symbolbild)

Der Lockdown mit der einhergehenden Isolation belastet Familien. (Symbolbild)

Keystone/Maurizio Gambarini
Wenn alle zu Hause sind, kann es öfter zu Streit zwischen den Eltern kommen. (Symbolbild)

Wenn alle zu Hause sind, kann es öfter zu Streit zwischen den Eltern kommen. (Symbolbild)

Keystone/Luis Berg
Momentan sind Lehrer beinahe die einzigen, die Missbrauch feststellen. (Symbolbild)

Momentan sind Lehrer beinahe die einzigen, die Missbrauch feststellen. (Symbolbild)

Samuel Golay

Die Zahl der Anrufe von beunruhigten Lehrpersonen bei Opferhilfestellen hat seit dem Lockdown deutlich zugenommen. Sie stellen bei Kindern blaue Flecken fest oder sehen, dass Schüler kaum noch zu Schlaf kommen, weil sich die Eltern so oft streiten. «Lehrpersonen sind in der Coronakrise fast die einzigen, die mitbekommen, wenn es Familien und vor allem Kindern nicht gut geht», sagt Marlies Haller, Geschäftsführerin der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern gegenüber der «SonntagsZeitung».

Wie viele Kinder aktuell im Schatten der eigenen vier Wände psychische und physische Gewalt, Misshandlung oder Vernachlässigung erfahren, weiss niemand. Klar ist: Die Isolation belastet Familien. «Die Situation ist für viele Kinder kritisch und verschärft sich mit jedem weiteren Tag des Lockdowns», sagt Haller.

Keine Bezugspersonen

In der Isolation fehlen den Kindern Bezugspersonen ausserhalb der Familie, denen sie Probleme anvertrauen könnten. Lehrerinnen und Lehrer sind solche Bezugspersonen. Sie haben im Home-Office mehr Mühe, an die Kinder heranzukommen. «In der virtuellen Kommunikation ist es schwierig, zu sehen, was wirklich los ist», sagt eine Zürcher Primarlehrerin.

Sie erzählt von einer Drittklässlerin, die sich verzweifelt bei ihr gemeldet habe, weil ihre Mutter zum wiederholten Mal betrunken gewesen sei. Zmittag habe es deswegen keinen gegeben. Ein Junge habe ihr erzählt, dass er oft bis Mitternacht nicht schlafen könne. Der Grund: Die Eltern streiten sich dermassen laut in der Küche, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist.

Zunahme um 32 Prozent

In solchen Fällen informiert die Primarlehrerin die Schulsozialarbeiter. Diese sind auch während der Corona-Zeit für die Kinder da. Sie empfehlen den Lehrpersonen, die Kinder zum Beispiel auf einen Spaziergang zu treffen, um über die Probleme reden zu können. In ganz schwerwiegenden Fällen schalten sie die Kesb ein.

Wie angespannt der Familienalltag ist, zeigen erstmals Zahlen von Pro Juventute. Die Stiftung betreibt das Hilfsangebot 147.ch. Seit Beginn der Corona-Krise haben die Anfragen per Chat, Mail oder Textnachricht, den vor allem Kinder und Jugendliche nutzen, um 32 Prozent zugenommen. Auch die Beratungen für Eltern per Telefon verzeichnen einen Zuwachs von 25 Prozent. Etliche Familien befinden sich in einer Dampfkessel-Situation. Das stellt Peter Sumpf vom Elternnotruf Zürich fest. Kurz vor der Explosion, gehe es weniger darum, Konflikte zu lösen, sondern diese so zu handhaben, damit sie nicht eskalierten.

Häusliche Gewalt:

Erfahren Sie Gewalt in Partnerschaft und Familie? Die Opferhilfe informiert Sie über Ihre Rechte und vermittelt Ihnen und Ihren Kindern weitere Hilfe. Wichtig zu wissen: Sie können auch zu einer Beratungsstelle in einem anderen Kanton gehen. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym.

Frauenhäuser sind Kriseninterventionsstellen stehen allen gewaltbetroffenen Frauen offen, unabhängig von Nationalität, Religion und finanzieller Situation. Die Telefonnummern der Frauenhäuser finden sich über die Website der Dachorganisation.

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