Aktualisiert 09.03.2020 17:55

Nach Whatsapp-StreitLehrling (18) attackiert Mitschüler – 7 Jahre Haft

Ein heute 21-Jähriger muss sieben Jahre hinter Gitter. Er hat einem Mitschüler in den Bauch gestochen – nach tagelangen Provokationen auf Whatsapp.

von
S. Hohler
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Vor dem Obergericht Zürich musste sich ein 21-jähriger Lehrling wegen versuchter vorsätzlicher Tötung verantworten.

Vor dem Obergericht Zürich musste sich ein 21-jähriger Lehrling wegen versuchter vorsätzlicher Tötung verantworten.

Keystone/Ennio Leanza
Das Bezirksgericht Uster hatte eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten ausgesprochen.

Das Bezirksgericht Uster hatte eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten ausgesprochen.

Keystone/Patrick B. Kraemer
Das Obergericht erhöhte die Freiheitsstrafe auf sieben Jahre.

Das Obergericht erhöhte die Freiheitsstrafe auf sieben Jahre.

Keystone/Ennio Leanza

Zwei Lehrlinge beleidigten sich gegenseitig per Whatsapp im Klassenchat ihrer Berufsschule und treffen sich zur Aussprache «ohne Waffen und ohne Kollegen». Trotzdem nimmt ein 18-Jähriger ein Klappmesser mit und sticht dem Kontrahenten in die Brust und verletzte ihn lebensgefährlich.

Das geschah bei einem nächtlichen Treffen im Juni 2017 in einer Zürcher Landgemeinde. Der Täter ist ein heute 21-jähriger Heizungsmonteurlehrling, das Opfer ist zwei Jahre jünger.

Die Staatsanwältin klagte den Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung an und verlangte eine Freiheitsstrafe von elf Jahren.

18 Monate bedingt

Das Bezirksgericht Uster verurteilte den jungen Mann aber nur wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Dagegen erhob die Staatsanwältin Berufung ans Obergericht.

An der Verhandlung am Montag sagte der 21-Jährige, dass er in der Berufsschule gemobbt worden sei und er vom körperlich viel stärkeren Kontrahenten Todesangst gehabt habe. Als der Richter aus dem Klassenchat zitierte, in dem der Beschuldigte schrieb, dass er den Mitschüler umbringen werde, sagte der Lernende: «Das ist umgangssprachlich und heisst jemanden verprügeln und nicht jemanden töten.»

«Klappmesser aus Angst mitgenommen»

Warum er trotz Todesangst zum Treffen ging, wollte der Richter wissen. «Ich wollte nicht wie eine Pussy dastehen», sagte er. «Ich wollte ihm gegenüber stehen, damit er mich respektiert.»

Im Chat verabredeten sie sich nachts um 21.30 Uhr beim Wohnort des späteren Opfers, «ohne Kollegen und ohne Waffen». Trotzdem nahm der Beschuldigte ein Klappmesser mit – aus Angst wie er sagte. Sein Kontrahent machte in der Folge eine Sprachnachricht im Klassenchat. Er sagte, dass sein Mitschüler jetzt mit einem Messer da sei und nannte ihn eine Pussy.

Faust und Messerstich

In der Folge kam es zwischen den beiden zum Streit, wobei die Aussagen auseinander gehen. Der Beschuldigte sagte, er habe reflexartig zugestochen, als ihn der Jüngere mit der Faust ins Gesicht schlug. Das Opfer dagegen will erst einen Faustschlag versetzt haben, nachdem er den Messerstich erhalten hat.

Nach der Tat floh der Lehrling und fuhr nach Hause. Als er auf der Autobahn war, kamen ihm auf der Gegenspur zwei Krankenwagen entgegen und er bekam es mit der Angst zu tun. Zuhause angelangt, vibrierte sein Handy - der Schwerverletzte hatte ein Foto von seiner Bauchverletzung in den Klassenchat gestellt.

«Chash es Messer bsorge?»

Für die Staatsanwältin ist das Urteil der Vorinstanz unbegreiflich. Der Beschuldigte habe schon Tage zuvor gedroht, den Klassenkameraden abzustechen. Sie zitierte aus dem Chat des Beschuldigten mit einem Freund: «Chash es Messer bsorge?», «Klappmesser», «so sharf wie möglich», «wot so eine vo minere klass absteche», «meins voll im ernst hesch eis».

Der Anwalt des Beschuldigten verlangte die Bestätigung des Urteils der Vorinstanz. Diese ging davon aus, dass der Beschuldigte instinktiv und unbewusst auf den Faustschlag reagierte und reflexartig zustach. Am Ende der Verhandlung sagte der Beschuldigte unter Tränen, dass ihm alles sehr leid tue: «Ich habe nie gewollt, dass es so weit kommen konnte.»

Sieben Jahre Freiheitsstrafe

Das Gericht folgte aber der Staatsanwältin und nannte das Urteil der Vorinstanz schwer nachvollziehbar. Mit den bedrohlichen Äusserungen im Chat habe der Beschuldigte die Tötung in Aussicht gestellt. Deshalb liege eine versuchte vorsätzliche Tötung vor. Der Beschuldigte muss für sieben Jahre ins Gefängnis. Er war bereits ein halbes Jahr in Untersuchungshaft und befindet sich seit Anfang 2018 auf freiem Fuss.

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