Unia-Report: «Lehrlinge werden schamlos ausgenutzt»
Aktualisiert

Unia-Report«Lehrlinge werden schamlos ausgenutzt»

Die Hälfte der Lehrlinge leistet in der Schweiz Überstunden. Auch sonst wirft der Lehrlingsreport ein schlechtes Licht aufs duale Bildungsystem - etwa betreffend Betreuung.

von
S. Marty
Mehr als die Hälfte der Lehrlinge in der Schweiz leisten Überstunden. Vor allem im Verkauf sind 10-Stunden-Tage keine Seltenheit.

Mehr als die Hälfte der Lehrlinge in der Schweiz leisten Überstunden. Vor allem im Verkauf sind 10-Stunden-Tage keine Seltenheit.

Zehn Stunden arbeiten - und dies Tag für Tag - war für Laura* keine Seltenheit. In ihrer Ausbildung zur Verkäuferin musste die junge Lernende regelmässig Überstunden leisten: Neun Stunden war sie im Verkauf tätig, je eine halbe Stunde vor und nachher war sie zum Vorbereiten und Aufräumen eingeteilt. Die Überzeit bekam Laura weder kompensiert noch entlöhnt. «Dies belastete die junge Frau so stark, dass sie sich in der Schule nicht mehr richtig konzentrieren konnte und sich ihre Leistungen massiv verschlechterten», sagt Michael Kraft, Jungendberater beim KV Schweiz.

Laura ist in der Schweiz kein Einzelfall: Wie der Unia-Lehrlingsreport aufzeigt, leisten 55 Prozent der Lehrlinge in der Schweiz regelmässig Überstunden, ein Viertel von ihnen bekommt die Stunden weder entlöhnt noch kompensiert. «Und wir sprechen hier nicht von Minuten, sondern von Stunden», kommentiert Katja Signer Hofer, Unia-Mediensprecherin, die Ergebnisse. Für den Report hat die Gewerkschaft über 1500 Lehrlinge aus den verschiedensten Branchen befragt.

Besonders betroffen seien Lehrlinge etwa in den Bereichen Gastronomie, Verkauf und Pflege. «Die Lehrlinge kommen aus einem geschützten Umfeld in die Arbeitswelt. Viele von ihnen trauen sich nicht, den Lehrmeistern Paroli zu bieten», so Signer. Auch seien ihnen ihre Rechte oftmals nicht bewusst. In der Schweiz sind Überstunden zwar erlaubt, die Arbeitszeit darf dennoch nicht mehr als neun Stunden (mit Pausen maximal zwölf Stunden) betragen. Signer: «Doch hier werden viele Lehrlinge schamlos ausgenutzt.»

«Fühle mich als billige Arbeitskraft»

Ausgenutzt fühlt sich auch Andreas*. Der 21-Jährige ist im dritten Lehrjahr in der Ausbildung zum Fachmann Gesundheit und arbeitet laut eigenen Aussagen jeden Tag zu viel: «Gerade gestern lief ich statt um 16 Uhr erst um 18.30 Uhr aus dem Altersheim.» Weil in der Institution im Kanton Bern Stellen nicht mehr besetzt wurden, werde dies von den Mitarbeitern einfach erwartet. «So fühle ich mich einfach als billige Arbeitskraft.»

Weil solche Erfahrungen ein sehr schlechtes Licht auf das Erfolgsmodell der dualen Berufsbildung werfe, sollen laut Unia nun die Berufsämter in die Pflicht genommen werden. Im Lehrlingsreport meinten 79 Prozent der Befragten, noch nie eine Kontrolle eines entsprechenden Amtes miterlebt zu haben. Auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB findet, dass gegen Missstände in der Lehrlingsausbildung zu wenig resolut vorgegangen wird. Die SGB-Jugendkommission hat darum eine Petition gestartet. Sie fordert eine Verbesserung der Lehraufsicht und eine strengere Bewilligungspraxis.

Bildungspolitiker relativiert

Auf Nachfrage beim Berufsbildungsamt vom Kanton Bern heisst es: «Wie dargestellt, machen wir keine flächendeckenden Betriebsbesuche, sondern ganz gezielte - dort, wo es Unregelmässigkeiten gibt.» Für mehr Kontrollen fehlten aber die personellen Ressourcen: «Wir haben beim Kanton de facto einen Anstellungsstopp und die Ausbildungsberatung ist bereits heute am Rande ihrer Kräfte.»

Und auch der Bildungspoltitiker und CVP-Nationalrat Gerhard Pfister relativiert: «Ich halte die Ergebnisse nicht für dramatisch.» Die duale Berufslehre habe sich bewährt. «Von einer Ausnutzung der Lehrlinge kann nicht die Rede sein», so Pfister, der gleichzeitig auf die spätere Arbeitswelt hinweist: «In der Wirtschaft muss man die Arbeit machen, wenn sie da ist und nicht erst wenn man Zeit dafür hat. So ist ist halt die Realität.»

*Namen geändert

Unterschiede bei Lohn und Ferien

Wie der Lehrlingsreport aufzeigt, bestehen bei den Lehrlingslöhnen grosse Unterschiede. Je höher der Lohn, desto zufriedener sind die Befragte und je weiter fortgeschritten sind in ihrer Ausbildung sind, desto mehr sinkt die Lohn-Zufriedenheit.

43 Prozent der Lehrlinge sind unzufrieden mit der Länge ihrer Ferien und würden sie mehr Ferien wünschen. Immerhin gibt aber eine klare Mehrheit an, bei den Zeitpunkt der Ferien mitreden zu können.

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