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Lehrstunde von Deutschland - 0:4

Die Schweiz verlor auch ihr 50. Länderspiel gegen Deutschland deutlich 0:4 und bezog 73 Tage vor dem EM-Start gegen Tschechien ihre vierte Niederlage in Serie und die höchste seit sechs Jahren. Für die effizienten Deutschen trafen Miroslav Klose, Mario Gomez (2) und Lukas Podolski.

Der erste Sieg über Deutschland seit über 51 Jahren lässt weiter auf sich warten. Die Schweizer Mannschaft bot gegen den je dreifachen Welt- und Europameister zwar eine aufopfernde und kämpferisch genügende Leistung, in Sachen Effizienz genossen sie jedoch durch den routinierten Gegner eine weitere Lehrstunde und wurden in der zweiten Halbzeit brutal überfahren.

Statt sich gegen einen Grossen der Welt weiter Selbstvertrauen für die schwere EM-Endrunde zu verschaffen, kassierte das Team von Köbi Kuhn die schwerste Niederlage seit dem 6. Oktober 2001, als das WM-Ausscheidungsspiel in Moskau gegen Russland ebenfalls mit 0:4 verloren ging.

Abseitstor von Frei

Die Deutschen waren druckvoller in die Partie gestartet und suchten gleich zu Beginn einen frühen Torerfolg. Klose und Bastian Schweinsteiger verpassten die Führung bereits in der 2. Minute nur ganz knapp. Erst nach einer Viertelstunde tauchten die Schweizer erstmals gefährlich vor Jens Lehmann auf und waren gleich erfolgreich: Der Treffer von Alex Frei wurde jedoch wegen Abseits zu Recht nicht anerkannt (15.).

Abseitsverdächtig schien dann in der 23. Minute die 1:0-Führung der Gäste durch Klose, der eine Hereingabe von Gomez beim hinteren Pfosten nur noch ins leere Tor zu schieben brauchte. Mario Eggimann und auch der gestern ungenügende Philippe Senderos sahen in dieser Szene nicht gut aus. Deutschland besass auch bis zur Pause die besseren Möglichkeiten zum Torerfolg, es sah jedoch zwei gute Abschlüsse von Thomas Hitzlsperger und Michael Ballack durch den soliden Diego Benaglio im Schweizer Tor unschädlich gemacht (27./39.).

Der zweite Umgang sah zu Beginn eine vehement den Ausgleich suchende Schweizer Mannschaft, die aber durch Barnetta (50./56.) und den eingewechselten Daniel Gygax (59.) glücklos blieb. Anschauungsunterricht genossen die Einheimischen dafür nach einer Stunde: Barnetta sah einen Ballverlust im Mittelfeld durch Mario Gomez kaltblütig zum 0:2 bestraft. Und lediglich sechs Minuten später war Gomez gegen die ungenügende Schweizer Abwehr erneut erfolgreich: Nach Pass von Schweinsteiger tauchte der Stuttgarter Stürmer wiederum alleine vor dem machtlosen Benaglio auf und erzielte sein sechstes Tor im erst neunten Länderspiel.

Die Schweizer versuchten zwar einiges, die deutliche Niederlage resultatmässig abzuschwächen, doch in der 89. Minute nahm sie historische Formen an: Joker Lukas Podolski war aus abseitsverdächtiger Position gestartet, überspielte den herausgeeilten Benaglio und traf flach zum 4:0 ins Netz.

Mit Rhombus und Derdiyok

Kuhn hatte gestern sein Vorhaben wahrgemacht und dank der Rückkehr des Langzeit-Verletzten Alex Frei erstmals seit einem Jahr wieder einen Zweimann-Sturm nominiert. Er überraschte indes mit der Massnahme, als zweiten Stürmer neben Frei den unerfahrenen Eren Derdiyok zu nominieren statt Blaise Nkufo, der diese Chance nach sieben Einsätzen als einsamer Solo-Angreifer eigentlich verdient gehabt hätte. Derdiyok agierte in seinem ersten Länderspiel in der Startformation glücklos und brachte kaum ein Zuspiel an den Mitspieler. Nkufo kam dann nach der Pause für den jungen Basler und glänzte gleich mit einem schönen Zuspiel auf Barnetta, der plötzlich alleine vor Jens Lehmann auftauchte, seinen Schuss jedoch verzog (50.). Danach blieb aber auch der Twente-Stürmer blass.

Auch die taktische Variante mit einem Rhombus im Mittelfeld und Tranquillo Barnetta als Spitze hinter dem Angriff war nicht so erwartet worden. Barnetta trat zwar immer wieder mit druckvollen Rushes in Erscheinung, seine übliche Position auf der linken Seite war jedoch zumeist verwaist. Gelson Fernandes fühlte sich auf der halblinken Seite eher unwohl und kam nicht richtig ins Spiel. Hervorragend harmonierte dafür die rechte Seite mit Valon Behrami und Stephan Lichtsteiner, die immer wieder nach vorne preschten und sich dabei gegenseitig absicherten.

Ungenügend agierte gestern die Abwehr um Senderos, der ohne den erfahrenen Patrick Müller neben sich eine Klasse schlechter ist. Bestnoten verdienten sich der omnipräsente Gökhan Inler, der nie aufgebende Frei und Lichtsteiner. Christoph Spycher steigerte sich im zweiten Umgang und Daniel Gygax war der Lichtblick unter den sechs Eingewechselten in der zweiten Halbzeit.

Testspiel in Basel

Schweiz - Deutschland 0:4 (0:1)

St.-Jakob-Park. - 38 500 Zuschauer (ausverkauft). - SR Bramhaar (Ho).

Tore: 23. Klose 0:1. 61. Gomez 0:2. 67. Gomez 0:3. 89. Podolski 0:4.

Schweiz: Benaglio; Lichtsteiner, Eggimann, Senderos (75. von Bergen), Spycher; Behrami (58. Gygax), Inler, Fernandes (87. Huggel); Barnetta (80. Vonlanthen); Derdiyok (46. Nkufo), Frei (83. Yakin).

Deutschland: Lehmann; Lahm (87. Trochowski), Mertesacker, Westermann, Jansen (79. Rolfes); Fritz (Friedrich), Ballack, Hitzlsperger, Schweinsteiger; Gomez (75. Kuranyi), Klose (58. Podolski).

Bemerkungen: Schweiz ohne Philipp Degen, Magnin, Margairaz, Müller, Streller (alle verletzt) und Dzemaili (U21). - 15. tor von Frei annulliert (Offside). - Verwarnungen: 45. Schweinsteiger (Unsportlichkeit), 45. Ballack (Foul), 48. Klose (Foul), 65. Inler (Foul). (si)

Stimmen zum Spiel:

Mario Gomez (zweifacher Torschütze für Deutschland): «Wir wollten unbedingt gewinnen. Zuletzt machten wir zu wenig Laufarbeit. Das war heute klar besser, das hat man ja gesehen. Es ist schon wichtig, mit einem solchen Test zur EM zu fahren, aber letztlich zählts dann nur an der Endrunde. Die Schweizer? Tja, vielleicht haben die Spieler ein bisschen zu viel geredet vor dem Spiel und glaubten, es gehe gegen uns einfacher.»

Stephan Lichtsteiner (Aussenverteidiger Schweiz): «Es ist ein sehr hartes Resultat. Die erste Halbzeit war gut. Nach der Pause kamen wir zu Chancen. Zwei dumme Ballverluste führten dann zum 0:2 und 0:3. Danach ging nichts mehr. Meine eigene Leistung will ich nicht kommentieren.»

Köbi Kuhn (Nationalcoach Schweiz): «So haben wir uns das nicht vorgestellt. Fast in allen Belangen waren wir unterlegen. Aber wir halfen noch kräftig mit. Wenn man die Physis anschaut, den konditionellen Aspekt, dann wird es gerade gegen einen solchen Gegner schwierig. Aber es gibt nichts schönzureden. Nach einer schwachen Startphase sah es in der ersten Hälfte noch vernünftig aus. Mit individuellen und unnötigen Fehlern haben wir uns wirklich fast ein bisschen amateurhaft angestellt. Die Deutschen waren klar besser und eben, wir halfen kräftig mit.»

Tranquillo Barnetta: «Das Resultat war ein bisschen zu deutlich, das haben wir nicht verdient. Bis zum 0:2 haben wir ein ordentliches Spiel gemacht, wir hatten auch unsere Möglichkeiten. Wir werden jetzt nicht aufgeben und uns bei der EURO ganz anders präsentieren.»

Joachim Löw (Nationaltrainer Deutschland): «Ich bin grösstenteils zufrieden. Wir waren von Beginn an sehr konzentriert und gut organisiert. Wir haben intensiver und aggressiver gespielt als gegen Österreich. Wir haben einige Antworten auf offene Fragen bekommen. Es war für jeden Einzelnen ein Qualifikationsspiel für die EM. Heiko Westermann hat mir sehr gut gefallen, das war eine ansprechende und überzeugende Leistung.»

Philipp Lahm: «Die Laufbereitschaft war da. Jeder war immer anspielbereit und hat für den anderen gekämpft. Wir können uns zur WM noch steigern, dann wird man eine noch bessere Mannschaft sehen.»

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