Aktualisiert 24.10.2011 13:19

Attentat von Zug

Leibacher oder Leben

Vor zehn Jahren erschoss ein Querulant im Zuger Parlament 14 Politiker. Es war eine Lappalie, die den IV-Rentner Friedrich Leibacher zum grössten Massenmord der Schweiz getrieben hatte.

von
Peter Blunschi

Am 27. September 2001, kurz nach 10.30 Uhr, hält ein schwarzer Hyundai vor dem Regierungsgebäude in der Stadt Zug. Dem Wagen entsteigt ein 57-jähriger Mann in einer selbst angefertigten Polizeiuniform: Friedrich Leibacher, genannt Fritz. Er ist bewaffnet mit einem Sturmgewehr 90, einer Pump-Action-Schrotflinte und einer SIG-Pistole. Ausserdem hat er einen präparierten Kunststoffkanister bei sich – ein Sprengsatz. Einen Revolver lässt er im Auto liegen.

Keine zwei Minuten später betritt Leibacher das Foyer des Gebäudes, in dem gerade der Kantonsrat tagt. Dort trifft er auf Regierungsrätin Monika Hutter. Er erschiesst sie mit der Pump Action, sie ist auf der Stelle tot. Dann will er nachladen, doch die Waffe klemmt. Der Attentäter greift zu seinem Sturmgewehr und betritt den Kantonsratssaal, zu dem es damals nur einen Zugang gibt. Dort befinden sich mehr als 80 Menschen. Leibacher schiesst wahllos in die Menge, leert drei Magazine zu je 30 Schuss. Im Korridor zündet er den Sprengsatz. Dann schiesst er sich mit der Pistole in den Kopf. Er stirbt kurz nach Eintreffen der Polizei.

Im Auto findet die Polizei ein Bekennerschreiben mit der Überschrift «Tag des Zornes für die Zuger Mafia». Die schlimmste Bluttat der Schweizer Kriminalgeschichte hat exakt 2 Minuten und 34 Sekunden gedauert. Mit insgesamt 91 Schüssen hat Fritz Leibacher 14 Menschen getötet. Neben Monika Hutter starben die Regierungsräte Peter Bossard und Jean-Paul Flachsmann sowie elf Mitglieder des Kantonsparlaments. 18 Personen wurden teilweise schwer verletzt. Die Bestürzung ist riesig. Ausländische Medien schreiben vom «Ende der gemütlichen Schweiz».

Konflikte mit Polizei und Behörden

Die Wahnsinnstat hatte mit einer Lappalie begonnen: Der 1944 in Zug geborene Friedrich Leibacher war schon im Kindesalter als Querulant aufgefallen und mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er machte eine KV-Lehre, doch einer geregelten Arbeit ging er «wegen verschiedener Qualifikations- und Kompetenzmängel» – so ein Befund der Behörden – nie nach. Zuletzt bezog er eine IV-Rente. 1970 wurde Leibacher erstmals wegen verschiedener Vermögensdelikte, Unzucht mit Kindern, öffentlichen unzüchtigen Handlungen, Urkundenfälschung und Strassenverkehrsdelikten zu 18 Monaten Haft verurteilt.

Weitere Konflikte mit Polizei und Behörden folgten. Psychiatrische Gutachter bescheinigten ihm eine Persönlichkeitsstörung. Trotzdem konnte er legal Waffen erwerben. Immer wieder reiste Fritz Leibacher auch ins Ausland. In der Dominikanischen Republik blieb er längere Zeit hängen, je nach Quellen hatte er dort eine oder mehrere Frauen und Kinder. Auch über den Ursprung seines Vermögens weiss man kaum etwas. Immerhin konnte er 1987 in Seelisberg im Kanton Uri ein Grundstück kaufen und darauf ein Haus bauen.

Streit mit Buschauffeur

Daneben übernachtete Leibachter regelmässig bei seiner Mutter in Baar. Dort nahm 1998 in seiner Stammbeiz das Verhängnis seinen Lauf, das zum Amoklauf führen sollte. Leibacher regte sich auf, dass ein Chauffeur der Zugerland Verkehrsbetriebe nach Feierabend ein Bier trank. Er schwärzte diesen bei seinem Arbeitgeber und beim Kanton als «Alkoholiker» an – eine haltlose Unterstellung. Auch bedrohte er den Chauffeur mit seiner Pistole. Es beginnt ein zermürbender Rechtsstreit, bei dem sich Leibachers Hass auf die Zuger Behörden ins Unermessliche steigerte.

Die Bluttat vom 27. September 2001 hatte er akribisch vorbereitet, wie dem zwei Jahre danach veröffentlichten Untersuchungsbericht zu entnehmen ist. Er verkaufte sein Haus in Seelisberg, machte sein Testament und schrieb einen Abschiedsbrief an seine Mutter – Leibacher wusste, dass er nicht überleben würde. Selbst seine Beisetzung regelte und bezahlte er im voraus – er wollte, dass seine Asche im Meer verstreut wird. Dann schritt er zur Tat. Als Hauptfeind hatte er Regierungsrat Robert Bisig ausgemacht. «Wo isch de Bisig, dä huere Bisig», schrie er, als er in den Saal feuerte. Seine hasserfüllte Stimme verfolgt die Überlebenden bis heute.

Physische und psychische Schäden

Robert Bisig blieb unverletzt. Viele Opfer haben bleibende physische und psychische Schäden davongetragen. Der Zuger Sicherheitsdirektor Hanspeter Uster, der einen Lungendurchschuss erlitten hatte, sprach bemerkenswert offen über seine Schwierigkeiten, die Tat zu verarbeiten. «Ich war lange verunsichert, erlebte den Verlust der inneren Sicherheit, und zwar politisch wie persönlich. Nach dem Attentat erschrak ich nach jedem Knall furchtbar», sagte er der «NZZ am Sonntag».

Einen Verlust an Sicherheit erlebte auch die Schweiz, jenes idyllische Land, in dem Bundesräte mit Tram und Zug zur Arbeit fahren. Das Attentat vor zehn Jahren hat einiges verändert. Zwar ist die Politik noch immer bürgernäher als in den meisten anderen Ländern. Doch die Behörden sind im Umgang mit Querulanten viel wachsamer. Und die Sicherheitsmassnahmen wurden verstärkt. Im Bundeshaus wurden Sicherheitsschleusen eingebaut, und Bundesräte werden bei öffentlichen Auftritten häufiger als früher von Bodyguards begleitet.

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