Agota Lavoyer – Leiterin der Opferhilfe im Kanton Solothurn hat gekündigt
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Agota LavoyerLeiterin der Opferhilfe im Kanton Solothurn hat gekündigt

Als Expertin für sexualisierte Gewalt hat sich Agota Lavoyer einen Namen gemacht. Im Interview mit 20 Minuten erzählt sie, was ihre nächsten Pläne sind.

von
Lucas Orellano
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Im neuen Jahr will Agota Lavoyer die Arbeit als selbstständige Expertin, Dozentin und Autorin direkt aufnehmen.

Im neuen Jahr will Agota Lavoyer die Arbeit als selbstständige Expertin, Dozentin und Autorin direkt aufnehmen.

Privat / Timo Orubolo
Sie ist als Expertin für sexualisierte Gewalt schweizweit bekannt.

Sie ist als Expertin für sexualisierte Gewalt schweizweit bekannt.

Beat Mathys / Tamedia 
«Ich habe gemerkt, dass die Summe einer 80-Prozent-Stelle und meiner nebenberuflichen Tätigkeit langsam zu gross wurde, vor allem, weil da immer mehr dazukam. Ausserdem möchte ich wieder mehr Zeit für Familie und Freunde haben», sagt sie.

«Ich habe gemerkt, dass die Summe einer 80-Prozent-Stelle und meiner nebenberuflichen Tätigkeit langsam zu gross wurde, vor allem, weil da immer mehr dazukam. Ausserdem möchte ich wieder mehr Zeit für Familie und Freunde haben», sagt sie.

Beat Mathys / Tamedia

Darum gehts

  • Per Ende Jahr hat Agota Lavoyer als Leiterin der Opferhilfe Solothurn gekündigt.

  • Die Expertin für sexualisierte Gewalt freut sich auf die Selbstständigkeit.

  • Für das Jahr 2022 wünscht sie sich, dass die Revision des Sexualstrafrechts vorwärtskommt.

Agota Lavoyer ist als Expertin für sexualisierte Gewalt schweizweit bekannt. Als ein Basler Appellationsgericht ein Vergewaltigungsopfer für die Tat mitverantwortlich machte, schlug sie Weiterbildungskurse für Richterinnen und Richter vor. Auch als Befürworterin der Sexualstrafrechts-Revision hat sie sich einen Namen gemacht. Hauptberuflich war sie bis am Mittwoch bei der Opferhilfe Solothurn angestellt – nun macht sie sich selbstständig.

Warum haben Sie bei der Opferhilfe Solothurn gekündigt?

Ich habe gemerkt, dass die Summe einer 80-Prozent-Stelle und meiner nebenberuflichen Tätigkeit langsam zu gross wurde, vor allem, weil da immer mehr dazukam. Ausserdem möchte ich wieder mehr Zeit für Familie und Freunde haben.

Sie machen sich mitten in der Pandemie selbstständig – ein mutiger Entscheid.

Ja, ein bisschen Mut braucht es dazu schon, aber ich starte ja nicht bei null. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr stark im Bereich der sexualisierten Gewalt engagiert, vieles nebenberuflich; ich habe auch schon einige Aufträge für nächstes Jahr. Ich habe da sicher den Vorteil, dass man mich mittlerweile in der Öffentlichkeit kennt. Und was die Pandemie angeht: Das Thema sexualisierte Gewalt ist ja unabhängig von der Pandemie wichtig.

Was haben Sie jetzt vor? Nehmen Sie sich zuerst ein bisschen frei?

Nein, ich werde im neuen Jahr die Arbeit als selbstständige Expertin, Dozentin und Autorin direkt aufnehmen. Dann kann man mich für Schulungen und in der Lehre, als Expertin, um Projekte zu begleiten, und für Podiumsgespräche – im Bereich sexualisierte Gewalt, Opferberatung und Opferhilfe – buchen.

Ich habe gerne beim Kanton gearbeitet, aber das hat natürlich auch bedeutet, dass alles, was ich öffentlich sagte, mit der Opferberatungsstelle in Zusammenhang gebracht wurde, zumal die Leute ja nie wirklich trennen, was man beruflich und was man nebenberuflich oder privat macht.

In Zukunft werde ich mich freier äussern können, darauf freue ich mich. Ausserdem habe ich einen Vertrag für ein Kinderbuch zu sexualisierter Gewalt, das im Juni erscheinen wird – und das ich dringend fertig schreiben sollte.

Können Sie zu dem Projekt schon mehr sagen?

Ja, das Buch wird «Ist das okay?» heissen und ist eine Herzensangelegenheit für mich. Ich habe viele Menschen beraten, die in ihrer Kindheit von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Bei Kindern ist das ein noch grösseres Tabuthema als bei Erwachsenen. In Gesprächen mit Eltern haben mir viele gesagt, dass sie das Thema gerne mit ihren Kindern ansprechen wollten, aber nicht wussten, wie.

Darum dieses Buch. Es soll Eltern und anderen, die beruflich oder privat mit Kindern zu tun haben, alltagstaugliche Wege aufzeigen, wie man sexualisierte Gewalt thematisiert. Viele tun das zwar schon, aber generell nicht tiefgehend genug. Es gibt zum Beispiel viele Täterinnen und Täter, die vor Kindern onanieren. Woher soll ein Kind wissen, dass das nicht okay und Gewalt ist, wenn man es ihn nicht lehrt? Nur ein Kind, das Gewalt erkennt, kann diese auch offenlegen und sich Hilfe holen.

Was wünschen Sie sich für das Jahr 2022?

Einerseits hoffe ich, dass die Revision des Sexualstrafrechts vorwärtskommt und in der Schweiz bald die Zustimmungslösung «Nur Ja heisst Ja» gilt. Und generell wünsche ich mir, dass man sich mehr mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzt. Ich wünsche mir von der Gesellschaft die Erkenntnis, dass uns das Thema alle etwas angeht. Ich wünsche mir, dass Menschen intervenieren, wenn sie sehen, wie jemand sexuell belästigt wird. Ich wünsche mir, dass sie beim sexistischen Witz in der Mensa intervenieren. Ich wünsche mir, dass Menschen etwas sagen, wenn sie mitbekommen, wie jemand Vergewaltigungsopfer abwertet.

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Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio und bei den UPK Basel.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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